Ein Neuanfang

Detlef Drewes sieht im aktuellen Zusammenbruch der internationalen Handelsströme die Chance für den Aufbau fairer und nachhaltiger Strukturen

Von 
Detlef Drewes
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Im globalen Dorf herrscht Stillstand. Alle Markt-Teilnehmer haben sich in ihre nationalen Hütten zurückgezogen. Die Wiederaufnahme des weltweiten Handels wird keine Rückkehr zu dem System vor dieser Krise sein, sondern Veränderungen bringen, weil die Beschädigungen der vorhandenen Strukturen zu gravierend sind. Die Coronavirus-Krise wird latent vorhandene Änderungsnotwendigkeiten beschleunigen. Das beginnt bei der Einsicht, dass die internationale Arbeitsteilung nicht zu Vielfalt, sondern zur Konzentration der Produktion systemrelevanter Güter wie bei Medikamenten und medizinischen Geräten geführt hat. Und das wird auch andere Bereiche durchziehen: An den Traumstränden rund um den Globus dürfte es leerer werden. Selbst die asiatischen und afrikanischen Regierungen denken seit langem darüber nach, den willkommenen und notwendigen Tourismus neu zu ordnen.

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Denn er bringt zwar viel Kapital in ihre Länder, zieht aber auch Umweltschäden nach sich. Die ohnehin seit langem laufende Diskussion um ein faires Handelswesen ist neu entfacht. Das ist gut so. Denn keineswegs alle Lieferketten haben gehalten, was sie versprachen – entweder, weil sie brüchig waren, vorhandene Abhängigkeiten verstärkten oder aber das ökonomische Gefälle zwischen Erster und Dritter Welt zementierten, anstatt zu echter Entwicklung zu führen. Trotzdem kann und darf der Protektionismus kein Zukunftsmodell sein. Die eigene wirtschaftliche Kraft zu stärken und sich abzusichern, ist notwendig, nicht aber auf Kosten derer, die dabei übersehen werden. Denn wer eine Zukunft haben will, braucht den Export und damit die Partnerschaft mit jenen Staaten, die überhaupt erst in die Lage versetzt werden müssen, auf Augenhöhe agieren zu können.

Eine derartige Perspektive hatten sich die G20-Länder bereits nach der Finanzmarkt-Krise 2008/2009 versprochen. Doch die meisten Reformen blieben leere Versprechungen. Stattdessen befassten sich große Nationen wie die USA mit der Frage, wie man die Welthandelsorganisation entmachten kann, um allen Handel allein auf den eigenen Vorteil ausrichten zu können. Das ist und bleibt ein Fehler. Deshalb muss die EU und andere nach dieser Pandemie auch zum Motor neuer Strukturen werden. Die werden wieder global sein, aber sie müssen auch einen Fortschritt in Richtung Fairness bringen.

Korrespondent