Der Tabubruch des Intendanten

Stefan M. Dettlinger zu Holtzhauers Wirken in der Initiative GG 5.3

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Stefan M. Dettlinger
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Viele Menschen vor Mannheims Intendant Christian Holtzhauer haben in der Vergangenheit erfahren, dass es unter vielen sensiblen Themen eines gibt, das sich beim Anfassen noch fragiler verhält als ein rohes Ei: Israel und die Juden. Gerade in Deutschland. Gerade in Zeiten, in denen wieder viel über Antisemitismus gesprochen wird, weil wieder viel Antisemitismus sicht- und spürbar ist – oder sich schlicht mehr Menschen trauen, ihrer Judenfeindlichkeit Ausdruck zu verleihen. Antisemitismus ist – wie jede Art von Rassismus und Diskriminierung – nicht tolerierbar. Das muss Konsens sein in Deutschland. Und das haben Holtzhauer und die Initiative GG 5.3, der er sich angeschlossen hat, auch deutlich gemacht. Ein entsprechender Passus steht im Positionspapier gleich im ersten Absatz.

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Das Problem ist die Grauzone, die bleibt. Wer sich gegen Antisemitismus ausspricht, gleichzeitig aber auch nur einen Kubikmillimeter Raum für Spekulation in die Gegenrichtung zulässt, hat verloren. Es braucht hier absolute Bedingungslosigkeit. Punkt.

Deswegen sind Sätze wie „Gleichzeitig halten wir auch die Logik des Boykotts, die die BDS-Resolution des Bundestages ausgelöst hat, für gefährlich“ sicher gut gemeint und im Sinne einer offenen demokratischen Debattenkultur. Sie bieten aber genau diesen Spekulationsraum, weil im BDS eben nicht nur, aber auch eindeutige und teils sehr radikale Antisemiten, Ideologen und Agitatoren aktiv sind.

Genau vor diesem Hintergrund liest sich das Papier teils wie eine Regieanweisung für die Reaktion: „Unter Berufung auf diese Resolution werden durch missbräuchliche Verwendungen des Antisemitismusvorwurfs wichtige Stimmen beiseitegedrängt und kritische Positionen verzerrt dargestellt.“ Ob in diesem Fall nun missbräuchlich oder nicht: Der Antisemitismusvorwurf ist eine Keule, die keine Gegenwehr zulässt.

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Die Kunst ist frei und darf alles. Die Wissenschaft ist frei und darf (fast) alles. Dafür setzen sich die Unterzeichner der Initiative GG 5.3 auch ein und vergessen vielleicht den heute gültigen Nachsatz: Wir dürfen alles, solange wir dafür bezahlen und die Konsequenzen aushalten. Tabubrüche können teuer bezahlt werden. Mit Seelenunheil. Mit gesellschaftlichem Unfrieden. Das hat auch Kabarettistin Lisa Eckhart 2020 erfahren. Das einzige Positive, das nun erreicht wird, ist: Wir debattieren und werden uns bewusst: Dieses Tabu bleibt!

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Ressortleitung Stefan M. Dettlinger leitet das Kulturressort des „Mannheimer Morgen“ seit 2006. Er schreibt dort in erster Linie über Musiktheater und Klassik, aber auch über andere kulturelle Thematiken. Im Zentrum seines Interesses stehen vor allem auch die politische und kulturpolitische Berichterstattung. Davor, seit 2000, war Dettlinger Musikredakteur in der Kulturredaktion des „Südkurier“ in Konstanz. Dettlinger ist von Haus aus Musiker. Er studierte an der Humboldt-Universität zu Berlin am musikwissenschaftlichen Institut bei Hermann Danuser und Wolfgang Auhagen sowie dank eines Jahresstipendiums des Deutschen Akademischen Austauschdienstes am Conservatoire National Supérieur de Musique et de Danse de Paris bei Michel Béroff Klavier. Den Beginn des Studiums absolvierte er mit dem Musiklehrer-Diplom an der Hochschule für Musik und Darstellende Kunst in Stuttgart, wo er Klavier, Musiktheorie, Gehörbildung und Komposition in den Hauptfächern sowie Gesang im Nebenfach studierte. Dettlinger stammt aus Stuttgart, wo er Abitur machte und die ersten 27 Jahre seines Lebens verbrachte. Im Herbst 2016 veröffentlichte er im Wellhöfer-Verlag seinen ersten Roman "Linds letzte Laune", der in der Medienwelt spielt.