Kommentar - Alessandro Peduto hält den Streit über eine Bevorzugung von Geimpften in der Pandemie für absurd – weil bisher kaum jemand das Vakzin bekommen hat Debatte zur Unzeit

Alessandro Peduto hält den Streit über eine Bevorzugung von Geimpften in der Pandemie für absurd – weil bisher kaum jemand das Vakzin bekommen hat

Von 
Alessandro Peduto
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Angela Merkel hat die Pandemie-Bekämpfung mehrfach als „demokratische Zumutung“ bezeichnet. Nun fasst die Kanzlerin einen etappenweisen Ausstieg aus dem Lockdown ins Auge. Viele Bürger dürften sich mit jeder Faser nach einem Ende der Auflagen sehnen. Denn sie sind eine beispiellose Beschneidung von Freiheits- und Grundrechten. Die Corona-Maßnahmen dringen tief in unser Leben ein.

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Zugleich sind sie unfassbar übergriffig. Denn sie machen aus einer höchst privaten Angelegenheit – unserer Gesundheit – einen Gegenstand des öffentlichen Interesses. Das gilt für Ergebnisse von Coronatests und besonders für Impfungen. Gerade die sehr persönliche Entscheidung, ob jemand den eigenen Körper gegen einen Krankheitserreger schützt oder nicht, ist in der Pandemie zum Politikum geworden.

Nun scheint die Debatte eine neue Stufe zu erreichen. Es geht um mehr Lockerungen der Corona-Auflagen für Geimpfte. Anlass ist das jüngste Vorgehen der Israelis bei der Pandemie-Bekämpfung. Wer geimpft ist oder die Krankheit überstanden hat, erhält in Israel Freiheiten zurück, die in den zurückliegenden Monaten aus Gründen der Infektionsgefahr eingeschränkt waren. Per staatlicher Bescheinigung erhalten die betreffenden Bürger Zutritt zu Fitnessstudios, Hotels, Theatern und Sportereignissen. Die Corona-Impfung wird damit zur medikamentösen Rückerstattung von Grundrechten, die Spritze in die Freiheit. Auch in Deutschland wird diskutiert, ob dies eine Lösung ist. Mitunter ist sogar von „Privilegien“ für Geimpfte die Rede.

Und in der Tat mag die Vorstellung, endlich wieder ohne Angst das Leben genießen zu können, wie ein Luxus wirken. Doch es geht hier wohlgemerkt um eine Rückkehr zum Normalzustand, auch wenn wir uns den nach gut einem Jahr Corona-Krise kaum noch vorstellen können. Die Auflagen sind und bleiben die Abweichung von der demokratischen Regel.

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Der Unmut hierüber wächst bei vielen Menschen. Sie reagieren mit Trotz. Das zeigt sich an sonnigen Tagen in überfüllten Parks, wo Abstandsgebote massenhaft ignoriert werden. Mehr Tests und Impfungen sind auch für Deutschland die einzige Lösung. Je mehr Menschen sich gegen Corona schützen und je stärker wir die Ausbreitung des Virus überwachen, desto eher nähern wir uns dem alten Leben.

Die Entscheidung, sich impfen zu lassen, muss eine private bleiben. Dennoch hat sie in jedem einzelnen Fall eine politische Dimension: Wer sich impfen lässt, schützt sich selbst und nach neuen Forschungsergebnissen mit hoher Wahrscheinlichkeit auch andere. Er übernimmt Verantwortung.

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Dagegen ist eine Debatte über Impfnachweise nach israelischem Vorbild zum jetzigen Zeitpunkt in Deutschland reichlich absurd. Ein solcher Pass brächte derzeit so viel wie ein Angelschein in der Sahara.

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Erstens fehlt es nach wie vor an ausreichend Dosen, um alle Impfwilligen zu versorgen. Zweitens ist der Anteil der bereits Geimpften mit knapp vier Prozent so gering, dass es sich – anders als in Israel – derzeit nicht rechnen würde, Theater und Hotels nur für diese Gruppe zu öffnen. Und drittens: Viele derer, die eine Immunisierung erhalten haben, sind betagte Bewohner von Pflegeheimen. Die Impfung schützt sie vor einem schweren oder sogar tödlichen Krankheitsverlauf, sie bedeutet ein Mehr an Lebenszeit. Eine Rückkehr ins Stadion dürfte auf ihrer Prioritätenliste indes deutlich weiter hinten rangieren.

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