Das Thema ist zu wichtig

Joana Rettig zur Kritik gegen Anti-Rassismus-Demos

Von 
Joana Rettig
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Die Welt hat ein Zeichen gesetzt – und Mannheim war mit 6000 Menschen dabei. Und schon kam die Kritik: „Abstand einhalten bei einer so großen Demo? Und unsere Kinder dürfen nicht zur Schule gehen.“ Einem Protest für ein solches Thema darf Corona nicht im Wege stehen. Gegen Rassismus und Polizeigewalt zu demonstrieren, ist einfach zu wichtig. Denn wie viele Schilder, auch auf dem Mannheimer Schlossplatz, sagten: Rassismus ist die größere Pandemie. Das heißt aber nicht, dass deshalb Kinder leiden müssen.

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Es besteht ein Ungleichgewicht. Das ist nicht von der Hand zu weisen. Beide genannten Punkte, also die Demonstrationen und die Kita- und Schul-Einschränkungen, betreffen Grundrechte: das Recht auf Versammlungs- und Meinungsfreiheit und das Recht auf Bildung. Beide gegeneinander auszuspielen ist Unsinn. Weil Kinder nicht zur Schule gehen dürfen, dürfen Menschen nicht gegen Rassismus demonstrieren? Vielmehr sollten jene, die sich – absolut zu Recht – ungerecht behandelt fühlen, auf die Barrikaden gehen. Mehr von der Politik fordern. Hier herrscht das Defizit. „Lasst die Kinder lernen!“, könnte der Titel der nächsten Demo lauten. Denn klar ist: Auf die Einschränkungen in der Krise werden psychische Belastungen für Kinder und Jugendliche folgen. Das Leben muss weitergehen – Corona bleibt erstmal.

Politisches Kalkül dahinter

Man sollte sich neben der Debatte um Kitas und Schulen noch eines vor Augen halten: Es ist seltsam, dass wegen der Demonstrationen gegen Rassismus gerade viele derjenigen aufschreien, die zuvor auf Hygiene-Demos gegen die „diktatorischen“ Corona-Maßnahmen demonstriert haben. Reines Kalkül – zumindest von bestimmten politischen Lagern. Und jetzt wollen die Populisten mit ihren Beschwerden eine weitere Gruppe für sich gewinnen. Nämlich die Eltern – als mögliche Wähler.

Dass sich in anderen Städten die Menschen tummelten, ist natürlich nicht zu befürworten. Darauf müssen Veranstalter und Polizei beim nächsten Mal mehr achten. Es darf nicht vergessen werden, dass wir immer noch in einer pandemischen Krise sind. In Mannheim wurden, wie Stadt und Polizei bestätigen, die Regeln eingehalten. Maskenpflicht, Abstand – größtenteils zumindest. Und das schützt vor einer Ansteckung. Die Frage also, ob die Gesundheit der Menschen weniger wert ist als ihr Recht auf Ausleben ihrer demokratischen Werte, erübrigt sich so schon fast.

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