Kommentar - Christian Unger findet, der Anschlag vom 19. Februar 2020 zeigt, dass Deutschland im Umgang mit Terror noch viel lernen muss Aus Hanau gibt es viel zu lernen

Von 
Christian Unger
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Es sind manchmal nüchterne Zahlen, die eine neue Weltlage mit aller Wucht erklären: Im Jahr 2014 hat Deutschland nicht einmal 200 000 Euro an Opfer von Terror-Anschlägen zahlen müssen. Im Jahr 2020 waren es fast 2,5 Millionen Euro. Seit 2018 bekommen Angehörige von Terroropfern mehr Geld. Doch noch auffälliger: Die Zahlungen wachsen, weil der Terror in Deutschland wächst. Vor allem die Angriffe von rechts ziehen eine Blutspur durch die vergangenen zwei Jahre: der Mord am Kasseler CDU-Politiker Walter Lübcke, der Angriff auf die Synagoge in Halle. Und, vor genau einem Jahr, das Attentat in Hanau. Neun Menschen starben durch die Schüsse eines deutschen Täters.

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Schon vor 40 Jahren verübte ein rechtsextremer Täter einen Anschlag auf dem Oktoberfest. Durch die Explosion einer handgefertigten Bombe starben 13 Personen, 221 wurden verletzt. Umso mehr erschreckt, dass deutsche Sicherheitsbehörden und die Regierungen noch immer Schwächen offenbaren im Umgang mit Terror-Taten. Der Fall Hanau belegt das schmerzhaft. Wer den Fall analysiert, muss fünf Lehren ziehen:

Erstens, der stärkere Blick auf die Opfer. Familien von Getöteten erzählen auch Monate nach der Tat oft von der ersten Begegnung mit der Polizei. Vor allem wenn die Täter aus Familien mit Zuwanderergeschichte kommen. Sie würden oft nicht als Opfer behandelt, sondern als Verdächtige. Die Ermittler suchen nach Verbindungen der Getöteten zu kriminellen Banden. Sie forschen nach „Milieu-Taten“, warnen die Hinterbliebenen vor Racheakten. Klar ist, Ermittler müssen in alle Richtungen fahnden. Sie müssen schmerzhafte Fragen stellen. Aber es gilt auch: Deutsche Polizisten brauchen besseres Training im Umgang mit Opfern von Terror-Taten wie in Hanau. Rassismus gibt es überall – in der Polizei hat er noch fatalere Folgen.

Zweitens, mehr Terror-Abwehr in der Fläche. Gewalt von Radikalen passiert oftmals im Umfeld der Täter: in Halle, in Hanau, in Berlin. Terrorismus ist lokal. Die Sicherheitsbehörden haben zuletzt viel Geld investiert in Sondereinheiten und Spezialkommandos, in bessere Technik und bessere Waffen. Der Blick aber muss in die Provinz gehen: Zu den Beamten, die als Erste am Tatort sind. Zu den Leitstellen, die Einsätze in den ersten Stunden nach dem Attentat koordinieren. Hier steht die deutsche Sicherheitsarchitektur auf einem wackeligen Fundament. In der Tatnacht von Hanau war der Polizei-Notruf für eines der Opfer mehrfach nicht zu erreichen.

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Drittens, schärfere Kontrolle von Waffenbesitzern: Der Hanau-Attentäter besaß drei Waffen. Ganz legal. Obwohl er psychisch auffällig war, obwohl er zu ungewöhnlich militanten Schießtrainings im Ausland war. Doch niemandem ist etwas aufgefallen. Nicht bei den Waffenhändlern, nicht im Schützenverein, in dem der Täter war. Was hilft: eine noch engere Prüfung von Ämtern, bevor ein Mensch überhaupt einen Waffenschein besitzen darf. Und ja: Der Datenschutz ist hier zweitrangig.

Viertens, mehr digitale Ermittler: Die Rechtsterroristen von Halle und Hanau radikalisierten sich im Internet, sie propagierten in Chat-Foren. Noch immer sind die sozialen Medien und Messengerdienste für die Polizei eine gigantische Blackbox. Doch gerade hier wachsen Terror-Planspiele. Der Aufbau von Cyber-Ermittlern muss noch stärker im Fokus stehen.

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Fünftens, die Polizei kann nicht alles klären: Ermittlungen bringen nicht selten Enttäuschungen. Nicht jede Minute einer Tat lässt sich rekonstruieren, weil Täter schweigen oder tot sind. Es ist der Schmerz, mit dem Angehörige leben müssen. Wir alle können ihnen bei dieser Trauer helfen: Wenn sich jeder von uns dem Hass von Hetzern und Extremisten entgegenstellt. Laut, unerschrocken.

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Veröffentlicht
Von
Markus Kowalski, Christian Unger
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