Warum müssen wir unsere Wirtschaftsordnung umgestalten, Herr Zeiler?

Die Corona-Pandemie hat gezeigt, wie fragil unsere Systeme sind: Selbst nach Jahrzehnten von Wachstum, Rekordumsätzen und Gewinnen sowie Aktienkursen im Höhenrausch, droht unserer Wirtschaft der Zusammenbruch. Zeit umzudenken. Ein Gastbeitrag.

Von 
Waldemar Zeiler
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Vor fast 50 Jahren befand sich die Welt schon mal in einer Wirtschaftskrise. Die Wirtschaft schrumpfte, es herrschte Inflation und die Organisation erdölexportierender Länder (OPEC) löste die weltweite Ölkrise aus. In einer Krise öffnet sich oft der Blick und auch unkonventionelle und gar radikale Ideen werden von der Politik erwogen. Einer dieser Radikalen zu dieser Zeit war der Ökonom Milton Friedman. Seine für damalige Verhältnisse radikale Ansicht, dass nur der freie Markt die Lösung für alle Probleme sei und die Regierung sich weitestgehend raushalten muss, setzte sich nach und nach in den Köpfen der führenden Politiker und Politikerinnen durch, unter anderem bei dem damaligen US-Präsidenten Ronald Reagan, aber auch der Premierministerin des Vereinten Königreichs Margaret Thatcher. Es folgte eine jahrzehntelange Phase der Privatisierung von staatlichen Unternehmen, der freie Markt hielt Einzug in das Gesundheitswesen und sogar in die Bildung. Von da an galt das Wohl des Gesellschafters und des Aktionärs eines Unternehmens als das wichtigste Ziel. Der beste Kumpel des freien Markts hieß übrigens „BIP“ (Bruttoinlandsprodukt) und der wollte ständig wachsen. Und tatsächlich schien die Rechnung von Friedman eine ganze Weile lang aufzugehen. Die Aktionäre wurden immer reicher und scheinbar profitierten alle davon, denn auch die Armut und der Hunger weltweit gingen zurück. Der harte Wettbewerb unter Unternehmen brachte immer bessere Produkte heraus, von dem alle Konsumenten und Konsumentinnen profitierten.

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Soweit so gut. Was Milton vermutlich nicht absehen konnte, war die zu perfekte Umsetzung seiner Philosophie und die damit verbundenen Folgen. Seine Philosophie resultiert letztlich auf unbegrenztem Wachstum, aber wie soll das gehen auf einem Planeten mit klaren planetaren Grenzen? Und irgendwann haben alle Konsumenten und Konsumentinnen alles was sie brauchen (ein durchschnittlicher europäischer Mensch besitzt heutzutage 10 000 Dinge), wie bekommt man sie dazu, trotzdem mehr zu kaufen? Und, Wettbewerb klingt zwar schön, aber wenn jedes Unternehmen danach strebt, seine Gesellschafter und Aktionäre mit satten Dividenden glücklich zu machen, dann wird auch jedes Unternehmen versuchen, den Wettbewerb klein zu halten oder auch ganz auszuschalten, denn bei Monopolen sind die Dividenden bekanntlich am größten.

Der Gastautor

Waldemar Zeiler ist Gründer und Mitinhaber des Berliner Unternehmens „Einhorn Products“. Der Fokus liegt hier auf Nachhaltigkeit und Fairness in der Herstellung von Produkten wie veganen Kondomen, Menstruationstassen und Tampons.

Das Besondere: Obwohl er einer der Geschäftsführer ist, überlässt er seinen Mitarbeitern, wann, wie und für wie viel Gehalt sie arbeiten.

Gemeinsam mit Katharina Höftmann Ciobotaru hat er das Buch „Unfuck the economy“ geschrieben. Erschienen im Goldmann Verlag.

Die Antworten auf diese Fragen sehen wir in den großen Krisen unserer Zeit – und damit meine ich nicht mal Corona. Unbegrenztes Wachstum auf einem begrenzten Planeten stürzte uns in die Klimakrise und die Biodiversitätskrise und führte schon zum Aussterben von einer Million Tier- und Pflanzenarten. Beide Krisen stellen uns und vor allem unsere Kinder und Enkelkinder vor existenzielle Herausforderungen in der sehr nahen Zukunft.

Und dann die Sache mit dem Wettbewerb. 26 Menschen auf der Welt besitzen so viel wie die Hälfte der Weltbevölkerung. Irgendwas scheint schiefgelaufen zu sein. Und tatsächlich gehen die Gründungsraten in den USA und auch in Deutschland seit Jahrzehnten zurück, während die großen multinationalen Konzerne immer größer werden. Früher galten Start-ups als die Herausforderer der Großen und Innovatoren, die selbige vor sich hertrieben. Heute werden start ups aufgrund der unermesslichen finanziellen Macht der großen Player aufgekauft, verklagt oder einfach kopiert.

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Während Milton wollte, dass sich die Politik aus der freien Wirtschaft raushält, haben multinationale Konzerne erkannt, dass es sich lohnt, wenn sich die Politik einmischt. Allerdings nur zum Vorteil der Konzerne und das gelingt am besten, wenn man neue Gesetze direkt mitschreiben kann als vermeintliche „Experten“ oder indem man Politikern und Politikerinnen mit all ihren Beziehungen direkt per Drehtürmechanismus ins Haus holt. In Brüssel zum Beispiel wechselte laut einer Studie von Transparency International von 2017 jeder Dritte der 171 ausgeschiedenen EU-Abgeordneten, die sich nicht zur Ruhe setzten, zu einer Organisation, die im EU-Lobbyregister zu finden ist. Ergebnis sind etwa die vielen Steueroasen und die zahnlosen Klimapaketchen, die weiterhin erlauben, dass Konzerne unsere planetaren Grenzen sprengen. Und auch die gesellschaftliche Spaltung und die große Schere zwischen Arm und Reich gehen zum Teil auf das Konto dieser Aushebelung der Demokratie.

Fakt ist, Miltons Ideen von damals entpuppen sich nach rund 50 Jahren in der Praxis als ungeeignet für die meisten Menschen unter 60. Neben all den genannten Krisen stecken wir zudem in der größten Weltwirtschaftskrise seit dem Zweiten Weltkrieg, ausgelöst durch Covid-19, und haben so viele Milliarden zur Rettung der Wirtschaft aufgenommen wie nie zuvor. Eine Krise soll man ja bekanntlich nicht vergeuden und es ist hoffentlich auch klar, dass wir die alte Wirtschaft auf keinen Fall retten sollten. Wie damals zu Miltons Zeiten ist es jetzt wohl an der Zeit, eine neue Wirtschaftswelt aufzubauen. Manche Ideen zum Aufbau mögen vielleicht radikal klingen. Aber das sind neue Ideen aus der Retroperspektive meistens und werden oft zur neuen Realität.

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Was sind also die neuen Ideen? Wie „unfucked“ man die Friedmansche Wirtschaft? Zuallererst müssen wir das Überlaufen der Badewanne sofort stoppen. Nicht das übergelaufene Wasser aufwischen, sondern wirklich den Hahn vorerst zudrehen. Das heißt, dass alle Unternehmen die planetaren Grenzen einhalten müssen. Wir brauchen hier die Politik und da diese von wirtschaftlichen Interessen durch Drehtürpolitik, Lobby und Co. gelähmt ist, brauchen wir mehr Elemente von direkter Demokratie. Nur so gelingt uns Bürgern vielleicht ein Gegengewicht zu multinationalen Konzernen und ihrem Einfluss auf die Politik herzustellen. Eine spannende Idee sind Bürgerräte und Volksentscheide. Bekanntes Beispiel dafür war das Volksbegehren Artenschutz „Rettet die Bienen“ im Januar 2019 als 1,75 Millionen Bayern für mehr Naturschutz stimmten, obwohl die Politik und Wirtschaft zunächst dagegen waren und es dann durch genau diesen Druck übernahmen. Noch sind Bürgerräte nur in anderen Ländern vorzufinden und von einem nationalen Volksentscheid, bei dem wir zum Beispiel über die Rettung der Lufthansa und daran geknüpfte Bedingungen entscheiden könnten, sind wir weit entfernt. Aber hey, die Bundestagswahlen stehen an.

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Wenn der Hahn erstmal zugedreht wurde, verschaffen wir uns damit etwas Zeit über die neue Wirtschaft nachzudenken. Es gibt bereits neue ökonomische Modelle wie die Donut-Ökonomie von Kate Raworth. Sie fragt sich: „Wie schaffen wir also die Transformation von einer Wirtschaft, die wächst – unabhängig davon, ob es uns gut geht –, zu einer Wirtschaft, in der es uns gut geht, unabhängig davon, ob sie wächst?“

Ihre Lösung ist das Donut-Modell. Ja genau, dieses runde süße Gebäck. Man stelle sich die Wirtschaft als Donut vor. Die Außenschicht des Donuts sind die planetaren, ökologischen Grenzen, die wir nicht überschreiten dürfen. Dazu zählen zum Beispiel der Klimawandel, der Biodiversitätsverlust, die Versauerung der Ozeane, Luftverschmutzung, Landnutzung, Trinkwassernutzung, (chemische) Umweltverschmutzung, Ozonlochausweitung und so weiter. Der innere Kreis – quasi die untere Grenze – des Donuts stellt das soziale Fundament dar und orientiert sich an den 17 Zielen zur nachhaltigen Entwicklung von den Vereinten Nationen aus dem Jahr 2015. Darunter fallen beispielsweise Zugang zu Wasser und Nahrung, Wohnraum und Gesundheit, aber auch politische Teilhabe, Bildung, Arbeit und Geschlechtergerechtigkeit. Menschen in Lebensverhältnissen, bei denen diese basalen Bedürfnisse nicht erfüllt sind, befinden sich in der Mitte, im Loch des Donuts. In der Zukunft sollen alle Menschen „auf dem Donut“ leben, also auf dem Teigring, dem sicheren Raum zwischen Armut und übermäßigen Konsum.

Die Wahrheit ist jedoch aktuell, dass wohlhabende Länder zwar die Vorgaben bezüglich sozialer Absicherung erfüllen, dafür aber die äußere Grenze des Donuts strapazieren. Ärmere Länder hingegen überschreiten die äußeren Grenze nicht, dafür aber oft die innere und besitzen kaum Absicherung. Das Ziel muss sein, dass wir alle Menschen auf der Welt aus dem Loch in der Mitte des Donuts rausholen, wo es offensichtlich an vielem mangelt, und gleichzeitig dafür sorgen, dass wir nicht über die süße, glasierte Außenhaut des Donuts rausschießen. Dazu braucht es einen Wandel zu einer regenerativen und ökologischen Wirtschaft, der mit einem Paradigmenwechsel beginnt: Wie eingangs bereits erwähnt, darf der Kumpel „BIP“ nicht mehr das einzige Maß für den Erfolg einer Wirtschaft sein, und das Ziel ist nicht, unendlich, sondern ausgewogen zu wachsen.

Außerdem muss der Zweck von Unternehmen neu definiert werden. Statt Profit muss die Verantwortung, einen positiven Beitrag zur lebenden Welt zu leisten, als neuer Unternehmenszweck verankert werden. Natürlich müssen Unternehmen auch profitabel sein, aber Gewinne sollten als Mittel zum Zweck und nicht Selbstzweck definiert werden. Also was soll es sein? Miltons alte Stulle noch mal auftoasten oder doch mal einen Biss in Kates Donut wagen? Bilder: istock; Robert Wunsch