Warum brauchen wir endlich Lohn für Betreuungsarbeit, Frau Stillhart?

Vereinbarkeit von Familie und Beruf? Von wegen! Mütter und Väter sind zunehmend gestresst. Hausarbeit und Kindererziehung müssen aufgewertet werden, fordert Autorin Sibylle Stillhart. Ein Gastbeitrag.

Von 
Sibylle Stillhart
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Im Job alles geben – und nebenher den Haushalt schmeißen und die Kinder versorgen: Wieso wird diese nicht weniger anspruchsvolle Arbeit nicht entlohnt? © Istock/Stillhart

Als ich kürzlich den Jahresbericht des deutschen Müttergenesungswerks las, staunte ich nicht schlecht: 48 000 Mütter haben im Jahr 2018 eine Kur in Anspruch genommen. Die Diagnose Erschöpfung und Burnout bei Müttern, so sind sich Experten einig, steige von Jahr zu Jahr. Gemäß einer Studie des Bundesfamilienministeriums sei der Stress so groß, dass 20 Prozent aller Mütter sofort eine Kur beantragen dürften. Das sind 2,1 Millionen Frauen – allein in Deutschland.

Die Gastautorin



  • Sibylle Stillhart, geboren 1973, arbeitet als Buchautorin und freischaffende Journalistin in der Schweiz. Sie ist verheiratet und hat zwei Söhne.
  • Ihre Bücher „Schluss mit gratis! Frauen zwischen Lohn und Arbeit“ und „Müde Mütter – fitte Väter. Warum Frauen immer mehr arbeiten und es trotzdem nirgendwohin bringen“ sind im Limmat-Verlag, Zürich, erschienen.
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So viele gestresste Mütter. Obschon Deutschland gar nicht einmal so schlechte Bedingungen bietet, Familie und Beruf zu vereinbaren. In einer Studie über Familienfreundlichkeit des Kinderhilfswerks Unicef landete Deutschland von den 41 untersuchten Ländern auf dem sechsten Platz. Eine lange Elternzeit sowie niedrige Kita-Gebühren führten zu diesem Ergebnis.

Trotzdem fühlen sich Mütter offenbar überfordert. Das zeigt eine Untersuchung aus Großbritannien: Erwerbstätige Mütter sind deutlich mehr gestresst als andere Personen, so lautet das Fazit einer Auswertung der Manchester University. Die Mehrbelastung, die Mütter oft allein tragen, führt zu einer erhöhten psychischen Belastung: Stress und geringeres Wohlbefinden sind die Folgen.

Das ist auch in der Schweiz so, obwohl hier niemand von erschöpften Müttern spricht. Hartnäckig wird die sogenannte Vereinbarkeit von Beruf und Familie als „harmonisches Nebeneinander“ gepredigt. Erst seit ich Mutter bin, realisiere ich aber, dass vieles nicht stimmt, was uns Politik und Wirtschaft vorgaukeln: Die meisten Eltern sind unheimlich gestresst, ihre Kinder an ihren Jobs vorbeizujonglieren. Und bei der Erwerbsarbeit geht es weder um Entfaltung noch um Verwirklichung. Wir arbeiten alle immer härter, ohne dass die Strukturen der Arbeitswelt hinterfragt werden. Was ist „Arbeit“? Welche Arbeit wird bezahlt? Welche nicht? Welche Arbeit bringt eine Gesellschaft weiter? Welche nicht?

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Geht man der Sache auf den Grund, wird schnell klar, welche „Arbeit“ als wertvoll erachtet und bezahlt wird – und welche nicht. Hausarbeit und Kinderbetreuung gelten nicht einmal als Arbeit. Darum gibt es auch keinen Lohn dafür. Es ist kein Zufall, dass es nach wie vor hauptsächlich Frauen sind, die diese Aufgaben bewältigen.

Schauen wir uns die bezahlte Arbeit an, zeigt sich das gleiche Muster: „Männliche“ Berufe – etwa im Finanz- und Versicherungswesen oder in der Auto- oder Maschinenindustrie – sind von Beginn an besser bezahlt als „weibliche“ Berufe, die oft im Niedriglohnsektor angesiedelt sind. Frauen arbeiten häufig als Verkäuferinnen, als Assistentinnen oder im sozialen Bereich, wo sie sich um Kleinkinder, kranke oder um pflegebedürftige Menschen kümmern. Sobald Frauen in sogenannte Männerdomänen vordringen, beispielsweise in der Psychologie, Medizin oder ins Lehramt, nimmt das Prestige dieser Berufe ab und das Lohnniveau sinkt. Offenbar – anders lässt es sich nicht deuten –, ist die weibliche Arbeitskraft nicht so sehr geschätzt wie die männliche. Hinzu kommt die Tatsache, dass Frauen für gleiche Arbeit rund 20 Prozent weniger verdienen als Männer. Europaweit.

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Kommt ein Kind auf die Welt, wird die Situation noch prekärer. In der Schweiz reduzieren die meisten Mütter ihr Arbeitspensum, während neun von zehn Vätern weiter Vollzeit arbeiten. Nach dem viel zu kurzen 14-wöchigen Mutterschaftsurlaub kehren Frauen zurück ins Büro und arbeiten nach Feierabend zuhause weiter, wo der Nachwuchs hungrig ist und der Wäschekorb überquillt. Weil Kinderbetreuung und Haushalt nicht als „Arbeit“ gelten, verdienen Frauen zuhause nichts.

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Auch wenn es sich die meisten Frauen bestimmt so gewünscht haben: Die Männer haben nicht die Hälfte aller Haus- und Erziehungsarbeit übernommen. Bei gut drei Vierteln aller Familien tragen Frauen die Hauptverantwortung der Hausarbeit und der Kinderbetreuung allein – trotz Erwerbsarbeit. Am Beispiel der Schweiz heißt das konkret: Frauen mit Kindern unter sechs Jahren arbeiten 58 Stunden die Woche für ihren Haushalt und den Nachwuchs. Gehen sie zusätzlich einer Erwerbsarbeit nach – im Durchschnitt 14 Stunden – kommen sie auf eine atemberaubende 72-Stunden-Woche. Das sind zehn Stunden Arbeit pro Tag. Auch am Samstag und am Sonntag. Bezahlt davon sind lediglich die 14 Stunden Erwerbsarbeit.

Obwohl Frauen und Männer ungefähr gleich viel arbeiten (bezahlte und unbezahlte Arbeit zusammengezählt), verfügen Frauen nur über etwas mehr als die Hälfte der Einkommen der Männer. Frauen in der Schweiz verdienen pro Jahr 100 Milliarden Franken weniger als Männer; so hat es die Ökonomin Mascha Madörin berechnet. In Deutschland sieht es ähnlich aus: Laut den Daten von Eurostat verdienen Frauen mit ihrer Lohnarbeit über 430 Milliarden Euro weniger als Männer. Und das pro Jahr! 430 Milliarden Euro – diese schwindelerregend hohe Zahl muss man sich erst einmal vergegenwärtigen: Es ist aber jenes Geld, das den Frauen fehlt, weil sie einerseits schlechter bezahlt werden, und sie sich andererseits zusätzlich um Kinder, Kranke und Hausarbeit kümmern. Gratis.

Solche Fehlschlüsse könnte eine solidarische Politik problemlos beheben. Doch dummerweise gibt es in den Industrienationen keine Familienpolitik, die diesen Namen verdient: Gleichstellungsbeauftragte setzen sich nicht für die Rechte der Frauen oder der Familien ein. Sie betreiben unter dem Deckmantel der „Gleichstellung“ knallharte Wirtschaftspolitik. Ihnen geht es bloß um die Rekrutierung möglichst vieler Arbeitskräfte, um das Wirtschaftswachstum des eigenen Landes im globalisierten Wettbewerb voranzutreiben.

Dass Frauen weniger Geld erhalten, obwohl sie für die Gesellschaft einen Großteil der Arbeit bewältigen, weil sie Kinder zu Erwachsenen großziehen, wirkt sich auf das Leben der Frauen aus, das auch heute nicht „unabhängig“ ist. Wir Frauen konnten uns weder von der Hausarbeit befreien – noch bietet die Erwerbsarbeit die Möglichkeiten, die wir uns gewünscht haben. Frauen verdienen nach wie vor weniger als Männer, werden oft mit sinnentleerten Aufgaben abgespeist und haben kaum Gelegenheit, Karriere zu machen. Lange Präsenzzeiten verunmöglichen zudem, die Erwerbsarbeit mit unseren Kindern zu vereinbaren. Auch wenn uns das lange gesagt worden ist: Die Erwerbsarbeit hat uns nicht befreit – das gilt sowohl für Frauen wie auch für Männer. Ohne Rücksicht müssen wir unser Familienleben den Regeln der Arbeitgeber unterwerfen.

Wir müssen über eine neue Gleichstellungspolitik nachdenken! Sie soll den Fokus auf die unbezahlte Arbeit lenken, die anerkannt und deshalb entlohnt werden muss. Wer Angehörige betreut, hat Anspruch auf Zeit und Lohn. Würde man beispielsweise Mütter und Väter für die unbezahlte Arbeit bezahlen, die sie zuhause mit ihren Kindern verrichten, wäre die Ausgangslage eine bedeutend andere: Männer könnten selbstbewusster fordern, ihr Arbeitspensum zu reduzieren, weil sie nicht mehr ausschließlich dem Chef ausgeliefert wären. Frauen könnten ihren Beruf so ausüben, wie sie es für richtig erachten – vor allem aber müssten sie sich nicht mehr nach kurzer Elternzeit ihr Kind in eine Kita eingewöhnen und im Büro erscheinen, so als ob nichts passiert wäre. Sowohl für Frauen wie auch für Männer bestünde die Möglichkeit, ihrem Beruf selbstständig nachzugehen, denn mit dem Geld wäre ein Großteil der anfallenden Kosten (Mieten, Kita-Auslagen) bezahlt, so dass der wirtschaftliche Druck nicht mehr überhand nähme. Mit dieser Aufwertung der Betreuungsarbeit verfügten Familien plötzlich über das, was ihnen heute am meisten fehlt: Zeit.

Solche Ideen mögen auf den ersten Blick radikal klingen. Sie sind es nicht. Sie rücken einzig das ins Zentrum, was unserer profitorientierten Gesellschaft abhanden gekommen ist: den Menschen. Und seine Bedürftigkeit.

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