Späte Hitze

Von 
Georg Spindler
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Wer hätte gedacht, dass es zum Spätsommer noch einmal so heiß werden würde? „Das geht mir echt auf den Geist“, seufzt mein Freund, der schwermütige Tristan, in weinseliger Runde. „In meiner Altbauwohnung gibt’s keine Klimaanlage, durch den Ventilator hab’ ich mir jetzt auch noch ’nen Schnupfen geholt – bei über 30 Grad!“, jammert er. Angelo, der die Kunst beherrscht, das Leben auf die leichte Schulter zu nehmen, hat einen Tipp: „Du musst dir nur die richtige Musik anhören. Dann wird dir kühler.“ – „Irgendwas von Nine Below Zero?“, fragt Tristan zaghaft. „Nee“, sagt Angelo. „Schon was Härteres. ,Eskimo’ von den Residents zum Beispiel. Das ist wirklich eisig, da rauscht’s wie bei einem Schneesturm. Oder ,Snowed In’ von Bluesgitarrist Albert Collins. Da erzählt er, wie er mit seinem Auto im Winter liegenbleibt und zur nächsten Tanke stapfen muss. Auf seiner Gitarre ahmt er das Knirschen im Schnee nach. Echt zum Frösteln.“

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Da öffnet sich mit einem Schwung die Tür und Tamme, das alte Schlitzohr, erscheint. „Hei! God dag, venner“, sagt er. „Was soll das denn?“, fragt Tristan. „Ich lerne jetzt Norwegisch auf der Volkshochschule“, sagt Tamme. „Bei dem Klimawandel werde ich bald dorthin auswandern.“ – „Überleg’ dir das gut“, wirft Angelo ein. „Norwegen ist nicht gerade dafür bekannt, dass dort guter Wein wächst.“ Sofortige Einigkeit, Angelo ordert eine neue Runde Wein. 

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