Schneeweiße Traummänner

Von 
Gespi
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Eine rar gewordene Spezies hat zurzeit Hochkonjunktur in den sozialen Netzwerken: Durch den überraschenden Wintereinbruch feiert der Schneemann auf Facebook, Instagram & Co. fröhliche Urständ’. Die Menge der digital in Umlauf gebrachten Bilder lässt darauf schließen, dass allein am Wochenende Tausende der coolen Typen entstanden sind. Offensichtlich ist es eine zutiefst menschliche Regung, die Wirklichkeit nachzubilden.

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Wie tief dieser Drang im Wesen des Homo sapiens verwurzelt ist – das zeigte die Entdeckung der ältesten Malereien, die zufälligerweise ebenfalls am Wochenende bekannt wurde: die mehr als 45 000 Jahre alte Abbildung eines Schweins auf der indonesischen Insel Sulawesi. Kreatives Tun scheint also zur DNA des Menschen zu gehören. Dies nur als kleiner Hinweis auf die Systemrelevanz von Kultur.

Es besitzt ja auch eine gewisse Faszination, die Schöpfung nachzuahmen und Traummänner nach eigener Vorstellung zu bauen. (Bei Traumfrauen klappt das nicht so recht; die existieren halt nur in der männlichen Fantasie – oder im Kino und bei Fotoshop). In der harten Wirklichkeit ist das mit den Traumpartnern sowieso eine ganz andere Sache: Immerhin knapp 36 Prozent aller Ehen wurden 2019 geschieden; also mehr als jede dritte. Die Vorstellungen vom idealen Lebenspartner oder der Lebensgefährtin schmelzen also irgendwann ebenso dahin wie die wackeren Schneemänner, von denen jetzt schon etliche im Flachland wieder versickert sind. Damit diese Lektüre nun nicht allzu verdrießlich wird, sei an die alte Pfälzer Lebensweisheit erinnert: „Ist das Leben noch so trüb, immer hoch der Gellerrüb!“ Die „gelbe Rübe“, die Möhre also, ist auch das Letzte, was vom Schneemann übrigbleibt.