Reibungsverlust

Von 
Georg Spindler
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Tja, wieder ein Jahr älter geworden. Mit Blick in den Spiegel (gezwungenermaßen, beim Rasieren) stellt man sich die Frage, woher der allmähliche körperliche Abbau denn wohl letztlich kommen mag. Zu wenig Schlaf, Bewegung und gesunde Lebensweise? Mag sein. Aber es gibt genügend Gegenbeispiele: Altbundeskanzler Helmut Schmidt zuallererst, der auch als Kettenraucher und Berufspolitiker ein biblisches Alter erreichte. Keith Richards auch irgendwie; er sieht zwar seit 20 Jahren schon wie eine Mumie aus, aber dass er angesichts seiner Karriere als Pharmazielabor auf zwei Beinen überhaupt noch unter uns weilt, grenzt an ein Wunder.

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Wir halten es da mit Jean-Paul Sartres Einsicht, dass im zwischenmenschlichen Kontakt das Übel liegt. „Die Hölle, das sind die anderen“, schrieb er in seinem Drama „Geschlossene Gesellschaft“. Denn die tagtäglichen Querelen reiben die Leute auf. Ständig ist jemand da, der anderen Knüppel zwischen die Beine wirft und ihnen seinen Willen aufzwingt. In der Nachbarschaft, im Bekanntenkreis, auf der Arbeit oder in der Familie. Nicht ohne Grund war für den Publizisten Sebastian Haffner das größte Glück, „in Ruhe gelassen werden“. Auch der Bluesmann Son House wusste Bescheid: In seinem Song „Grinnin’ In Your Face“ sagt er über seine vermeintlich nett lächelnden Mitmenschen: „Immer wenn du ihnen den Rücken zudrehst, werden sie versuchen, dich fertigzumachen.“ Und wie schrieb Georg Büchner in „Dantons Tod“? „Wir sind Dickhäuter, wir strecken die Hände nacheinander aus, aber es ist vergebliche Mühe, wir reiben nur das grobe Leder aneinander ab“. Wenig tröstlich? Stimmt schon. Der einzige Trost liegt darin, dass sich auch die anderen an unsereinem aufreiben. Und so altern wir alle. Georg Spindler

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