Literarische Schorle

Von 
Ralf-Carl Langhals
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In „Dubbegläsa“ kommt er auf den Tisch, fließt derzeit bei Weinfesten in Strömen und ist in mundartlichen Liedern häufiger besungen als der Pfälzer Wald. Die Rede ist freilich von der Weinschorle, die hierzulande der wesensbestimmenden Vorsilbe beraubt und vermännlicht wurde: „Än saure Schorle“. Niemand denkt da an Apfelsaft. Das begehrte durstlöschende Sommergemisch soll im Idealfall je fünf Finger breit aus Wein und Sprudelwasser bestehen. Natürlich zwinkert der trinkfreudige Pfälzer und legt die Hand bei der Wassermenge quer auf die schmale Seite. Gleichteilige oder gar dünnere Mischungen werden als „Odewälder“ verunglimpft.

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Der berühmteste Schorle-Trinker – gleich nach Christian Habekost freilich – ist aber gar kein Pfälzer, sondern Hesse. Kein Geringerer als Johann Wolfgang von Goethe soll der Legende nach (und derer gibt es hierzu viele) munter seiner Lieblingsbedienung zugedichtet haben: „Meine liebe Dorle, bring Sie mir noch eine Schorle!“ Na, ja, er dichtete auch schon mal besser. Im Wirtshaus von Dausenau an der Lahn soll man sich – so eine weitere launige Legende – am Nebentisch über des Dichterfürsten Wein-Wassergemisch hämisch amüsiert haben. Worauf er, der Schorle-Fürst, auf der Tischplatte Folgendes hinterließ: „Wasser allein macht stumm,/das zeigen im Bach die Fische./Wein allein macht dumm,/siehe die Herren am Tische. Da ich keins von beiden will sein,/trink ich Wasser mit Wein.“ Kennen Sie ein schöneres Plädoyer für Schorle? Prost, Herr von Goethe! 

Redaktion Ralf-Carl Langhals studierte Jura, Germanistik, Romanistik, Theater- und Musikwissenschaft in Mannheim, Berlin und Nizza. Er arbeitete als Regieassistent und Dramaturg an verschiedenen deutschen Theater und schrieb danach als freier Theaterkritiker für SWR, Die Welt, Frankfurter Rundschau, Theater der Zeit u.a. Seit 2006 ist er Kulturredakteur beim Mannheimer Morgen, zuständig für die Bereiche Schauspiel, Tanz und Performance.