Zeitzeichen

Kuschel-Viren

Von 
Thomas Groß
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Keine Frage, im Kampf gegen diese unselige Pandemie muss uns beinahe jedes Mittel recht sein. Und wenn Voodoo oder Hokuspokus nützten, auch gut. Unsere hochgeschätzte Vernunft ist demnächst ohnehin noch gefragt genug. Deshalb nehmen wir auch die folgende Meldung aus dem trotz seiner bescheidenen Größe nicht gering zu schätzenden Saarland, das ja bekanntlich weit überproportional viele Bundesminister stellt, mit Genugtuung zur Kenntnis. Laut der Nachrichtenagentur epd nennt das Historische Museum Saar nun eine textile Skulptur des Coronavirus sein Eigen. Fasziniert von der „ästhetischen Vielfalt des sonst im Alltag unsichtbaren Mikrokosmos“, habe die Künstlerin Katharina Krenkel textile „Soft-Sculptures“ von Viren und Bakterien geschaffen. Die Skulpturen sähen gefährlich aus, seien aber zugleich kuschelig; man habe das Gefühl, sie wegpacken und so bannen zu können, werden die Verantwortlichen des Saarbrücker Museums zitiert.

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Man könnte noch anmerken, dass sogenannte Soft Sculptures, also weiche Skulpturen, auch deshalb so heißen, weil die Gestaltung aus leicht formbaren Stoffen nicht zuletzt durch den amerikanischen Künstler Claes Oldenburg populär wurde, der etwa seine übergroßen kissenartigen Lichtschalter entsprechend nannte. Vor solchen Schaltern hätte aber wohl ohnehin niemand Angst gehabt. Das angeblich von Krenkels Kissen beförderte Gefühl, das Schlimme bannen zu können, begrüßen wir uneingeschränkt. Die entsprechende Überzeugung macht schließlich schon seit längerer Zeit Hoffnung. Man sollte sich aber auch nicht zu früh in Sicherheit wähnen. Um vier Uhr nachts, haben wir gelesen, werde am häufigsten gestorben. Und wo ist man da zumeist? Eben: In Bett und Kissen. Das soll nun aber keinesfalls irritieren, wir wollen uns schließlich von den Saarländer Kunstkissen ganz klar trösten und auch wieder hoffnungsfroh stimmen lassen!

Redaktion Kulturredakteur, zuständig für Literatur, Kunst und Film.