Kulturauftrag

Von 
Thomas Groß
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Wer solche Freunde hat, braucht keine Feinde, lautet eine ironische Redensart. Sie fällt uns ein zu einer Zeit, da es die Kultur zumal pandemiebedingt schwer hat – und die Lesezeit angesichts zahlreicher Schließungen zwar nicht knapp bemessen wäre, aber eben auch Buchhandlungen niemanden zum Stöbern im reichhaltigen Bestand einlassen können und das nächste große Bücherfest in Leipzig erneut abgesagt ist. Wäre es nicht sinnvoll, die Aufmerksamkeit dennoch auf Bücher zu lenken, und zwar in Vielfalt – oder wenigstens nicht dazu beizutragen, die Aufmerksamkeit zu mindern? Die mit oft betontem „Kulturauftrag“ ausgestatteten öffentlich-rechtlichen Sendeanstalten sehen das offenbar anders. Was andere ganz ähnlich vorexerzierten, will nun auch der Westdeutsche Rundfunk vollziehen: Er kündigt an, seine mit Buchrezensionen bestrittene tägliche Hörfunksendung „Mosaik“ einzustellen. Stattdessen gibt es in solchen Fällen zumeist (noch) mehr Musik und ein findiges Argument dazu: Man werde (einigen) Büchern im sonstigen Programm Platz schaffen und so womöglich ein breiteres Publikum erreichen.

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Wirklich? Kritisiert hat die Pläne des WDR erwartungsgemäß der Börsenverein des Deutschen Buchhandels und hat an den Kulturauftrag erinnert. Die freien Literaturmitarbeiter des Senders, darunter die Programmverantwortliche des Mannheimer Festivals Lesen.Hören, Insa Wilke, und der auch für diese Redaktion schreibende Ulrich Rüdenauer, haben einen Offenen Brief des Protests verfasst. „Der WDR predigt Diversität und kulturelles Engagement, sein Handeln spricht eine andere Sprache“, heißt es in dem Schreiben. Und es wird daran erinnert, dass die Literatur- und Wortsendungen vergleichsweise günstig zu produzieren seien. Freunde des Wortes findet man unter Programmverantwortlichen heute offenbar weniger. Den Worten aufgeschlossen zeigen sie sich dann, wenn es gilt, Zuhörerinnen und Mitarbeitern Verschlechterungen als Verbesserung zu verkaufen. Solches kann durchaus wortreich erfolgen. Thomas Groß

Redaktion Kulturredakteur, zuständig für Literatur, Kunst und Film.