Gier und Geilheit

Von 
Georg Spindler
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Es ist schon interessant, wie Begriffe, die einst als verwerflich galten, urplötzlich höchstes Ansehen und Verbreitung finden. Die Älteren unter uns mögen sich daran erinnern, dass „geil“ einmal ein Wörtchen war, das man sich nur hinter vorgehaltener Hand und mit rotem Kopf zuflüsterte; meist unter Heranwachsenden in ersten prickelnden Testosteronschüben. Mit einem Mal wurde das Tabuwort salonfähig, und heute ist es im allgemeinen Sprachgebrauch gang und gäbe.

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Ein anderer Begriff, der früher ebenfalls ganz übel beleumundet war, hat in letzter Zeit eine ähnliche Wandlung erfahren: die Gier. Im Sport scheint sie neuerdings unverzichtbar als Motivation von Athleten und Athletinnen. Keine Medaille und kein Meistertitel ohne die unbedingte Gier nach Sieg. Dabei zählte in kirchlich geprägten Zeiten die Gier zu den sieben Hauptlastern des Menschen. Und noch in der Finanzkrise im Jahr 2007 war sie eine höchst negative Eigenschaft, die skrupellosen Bankern zugeschrieben wurde, die als geldgierig galten. Gier war jahrhundertelang der Inbegriff von unsozialer Ich-Bezogenheit. Heute dagegen ist er eine charakterliche Auszeichnung von Spitzensportlern. Es könnte natürlich sein, dass dieser Bedeutungswandel rasch wieder vergeht. So wie das beim Geiz der Fall war. Der war als Werbespruch einer Handelskette eine Zeit lang geil und fast schon volkstümlich. Heute aber, in Zeiten, in denen Billigpreise in Misskredit geraten sind, ist er alles andere als geil.

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