Szenen einer schwierigen Ehe

Von 
Peter W. Ragge
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Am 17. Januar vor 300 Jahren ist sie in Mannheim geboren und an einem 17. Januar hat sie auch im Schloss geheiratet: Elisabeth Augusta, die ungeliebte wie untreue Ehefrau von Kurfürst Carl Theodor.

Elisabeth Augusta mit Kurhut, Zepter, dem pfälzischen Löwen zu ihren Füssen sowie dem Füllhorn als Symbol für Großherzigkeit hängt, um 1769 gemalt von Heinrich Carl Brandt, in den Reiss-Engelhorn-Museen Mannheim. © REM/Jean Christen
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Nur durch eine Glasscheibe darf man hineinschauen. Sie schützt ein einzigartiges Kleinod von kurfürstlichem Prunk: das Bibliothekskabinett von Elisabeth Augusta im Erdgeschoss des Mannheimer Schlosses. Von einst mehr als 500 Räumen hat es als einziges die Zerstörungen des Zweiten Weltkrieges weitgehend unbeschadet überstanden.

Spurensuche in der Region

  • Schloss Mannheim: Das Bibliothekskabinett der Kurfürstin liegt im Erdgeschoss und ist Teil des Schlossmuseums. Im Rittersaal befinden sich die 2,40 Meter großen Marmorskulpturen von Carl Theodor und Elisabeth Augusta, um 1756/57 vom Hofbildhauer Peter Anton von Verschaffelt angefertigt. Eine Besichtigung ist derzeit aber wegen der Corona-Pandemie nicht möglich.
  • Schloss Schwetzingen: Das Appartement der Kurfürstin bestand aus Audienzzimmer, Schlafzimmer, Schreibkabinett, Privatbibliothek und Garderobe mit Puderkammer. Es ist Teil der Schlossführungen, die derzeit nicht angeboten werden.
  • Oggersheim: Vom Schloss blieb nichts übrig. Französisches Soldaten besetzten und plünderten es, lagerten hier, heizten mit offenem Feuer. Dadurch ging es in Flammen auf. 1797 wurde das Gelände neu bebaut, die noch erhaltene Orangerie 1892 durch Blitzeinschlag zerstört. Der Gewölbekeller wird noch für Veranstaltungen genutzt. Wenige Relikte des Schlosses finden sich im Stadtmuseum Ludwigshafen und im Depot des historischen Museums der Pfalz Speyer. Gut erhalten ist die Wallfahrtskirche Mariä Himmelfahrt, Kapellengasse 8, Ludwigshafen, die heute als das bedeutendste vorindustrielle Bauwerk Ludwigshafens gilt und die außerhalb der Gottesdienste besichtigt werden kann.
  • Schloss Weinheim: Das ehemalige Schloss ist heute Rathaus und Sitz der Stadtverwaltung. Führungen im Gebäude gibt es nicht, aber im Schlossgarten mit Informationen zum Leben im Schloss, 1. Mai und 13. Juni bei der Tourist-Info Weinheim.
  • Vortrag: Stefan Mörz, Leiter Stadtarchiv Ludwigshafen, hält am Mittwoch, 20. Januar, um 18 Uhr beim Marchivum einen Online-Vortrag unter www.marchivum.de
  • Literatur: Biografie „Die letzte Kurfürstin“ von Stefan Mörz, Verlag Kohlhammer. Historischer Roman „Nichts ist eine Kleinigkeit bei Hofe“ von Carola Kupfer und Wolfgang Schröck-Schmidt, Dryas-Verlag.
  • Schreibweise: Heute wird die Kurfürstin meist „Elisabeth Auguste“ genannt. Historisch wurde sie aber, wie alte Urkunden beweisen, Elisabeth Augusta mit „a“ am Ende genannt, weshalb wir uns dieser Schreibweise anschließen. pwr

Es ist das letzte Original des Prachtbaus, ein liebevoll eingerichtetes Refugium in Rosé und hellem Grün mit Parkettboden und Spiegeldecke. Geschnitzte und farbig gefasste Holzpaneele verkleiden die Wände. Die Bücherregale sind hinter vergitterten Türen verborgen, verspielte Rocailleornamente und üppige Blumenranken sorgen für überreiche Verzierungen, ein facettenreiches Bildprogramm vereint mythologische und biblische Allegorien. Man sieht Hinweise auf Tugendhaftigkeit, Frömmigkeit, Gelehrsamkeit, aber auch einen Amor, der einen Liebespfeil abschießt.

Erbfolge sichern

Liebe? Nun ja, der lothringische Baumeister Nicolas de Pigage hat dieses bezaubernde Räumchen 1755/56 zwar im Auftrag des von 1742 bis 1777 in Mannheim regierenden Kurfürsten Carl Theodor gebaut, eigens für „dero frau Gemahlin“. Über eine verborgene Treppe erhält sie aus ihrem Paradeappartement im Westflügel einen direkten Zugang. Aber dass es ein Liebesbeweis gewesen sei, das glaubt keiner am Hof.

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Als älteste Enkelin des Kurfürsten Carl Philipp, der 1720 die Residenz von Heidelberg nach Mannheim verlegt und hier das Schloss errichten lässt, wird sie am 17. Januar 1721 in der Quadratestadt geboren. Weil der Kurfürst verwitwet ist und keinen männlichen Nachkommen hat, überlegt Carl Philipp, wie er die Erbfolge sichern kann. Ein Enkel würde sein Nachfolger, eine Enkelin indes nicht. Also tut er das, was zu jener Zeit üblich ist – er arrangiert eine Ehe. Seine Enkelin soll seinem einzigen männlichen Verwandten, dem jungen Carl Theodor von Pfalz-Sulzbach, das Ja-Wort geben: eine Ehe zwischen Cousin und Cousine.

Der Rollstuhl kippt

Die Feier mit dem Segen des kölnischen Erzbischofs Clemens August findet am 17. Januar 1742 statt, an ihrem 21. Geburtstag. Zugleich ehelicht Elisabeth Augustas jüngere Schwester Maria Anna den Neffen des bayerischen Kurfürsten, Herzog Clemens von Bayern. Die Doppelhochzeit wird „das prächtigste höfische Fest, das Mannheim während seiner sechzigjährigen Periode als kurfürstliche Residenz sah“, so Stefan Mörz, Leiter des Stadtarchivs Ludwigshafen und Autor der Biografie von Elisabeth Augusta.

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Es gibt ein Feuerwerk, die Eröffnung des Hofopernhauses, freien Weinausschank im Ehrenhof, üppige Tafeln und aufwendige Bälle. Carl Philipp, schon 80 Jahre alt, sitzt zwar schon im Rollstuhl, will sich aber dennoch zur Musik eines Menuetts auf der Tanzfläche drehen – und kippt beinahe aus dem Rollstuhl. Kammerherren können ihn gerade noch auffangen, wie zeitgenössischen Berichten zu entnehmen ist. In der Silvesternacht des gleichen Jahres stirbt Carl Philipp dann, und Carl Theodor wird der neue Regent.

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Aber es ist eine Ehe aus Staatsräson, nicht aus Liebe – seinerzeit freilich nicht unüblich. Oftmals nähern sich die Paare dann doch an. In Mannheim bleibt das aber aus.

Elisabeth Augustas Mann ist nicht nur fast vier Jahre jünger als sie, beide seien zudem „charakterlich und in ihrem Temperament diametral entgegengesetzt“, so Stefan Mörz. Die traditionell erzogene Kurfürstin habe „nie einen Zugang zum reichen geistigen Leben ihres Gemahls“ gefunden, äußert sich Mörz überzeugt. Einen Gegensatz zwischen „dem mehr introvertierten Carl Theodor und der lebensfrohen, standesbewussten, aufbrausenden Elisabeth Augusta“ sieht ebenso Wolfgang Schröck-Schmidt von den Staatlichen Schlössern und Gärten Baden-Württemberg. Das „in der Wesensart so unterschiedliche Kurfürstenpaar“ habe indes eine der wenigen Gemeinsamkeiten in dem Ausbau der barocken Residenz Mannheim und dem Sommersitz Schwetzingen, in der Jagd sowie Kunst und Kultur gefunden. Dazu überträgt er ihr die Leitung der „Hofspectacles“, also der Feste.

Sie gilt aber als jähzornig, herrschsüchtig. Das belegt eine Anekdote, die als „Tänzerstreit“ in die Geschichte eingegangen ist. So verpflichtet Elisabeth Augusta 1754 zwei französische Tänzer, die eigentlich auf der Durchreise zu Clemens August in Köln sind, für das Schwetzinger Hoftheater. Der Erzbischof ist erzürnt über das „schlechte Tänzergesindel“, das den Vertrag mit ihm bricht. Daraus entwickelt sich eine Staatsaffäre. Selbst die berühmte Marquise de Pompadour, Mätresse des Königs Ludwig XV., versucht vergeblich, zu vermitteln. Carl Theodor wird daher kritisch gefragt, warum er sich nicht gegen seine Frau durchsetzen kann.

Nicht nur beim Streit um Ballett-tänzer behält die Kurfürstin die Oberhand. Sie sorgt für kostspielige Jagden und Feste, mischt sich zudem in die Politik ein, veranlasst die Entlassung von Ministern. Und noch mehr erträgt Carl Theodor „mit unfassbarer Beherrschung“, wie Mörz ihm bescheinigt – wobei er offenlässt, ob dies „aus Schwäche, Kränklichkeit, melancholischer Verzagtheit oder simplem Ruhebedürfnis heraus“ geschieht. Elisabeth Augusta schätzt „schöne Männer und starke Schenkel des Militärs“, heißt es am Hof: Sie geht, wie gut erhaltene Liebesbriefe belegen, ständig fremd – erst mit einem Schwager, dann einem weiteren Schwager, schließlich mit ihrem Geliebten Carl Ludwig Freiherr von Rodenhausen, einem Adeligen, dem sie zum Aufstieg im Militär und bei Hofe verhilft.

Tragische Fehlgeburt

Und doch geschieht das, was keiner mehr erwartet: Elisabeth Augusta wird, im 19. Jahr der Ehe, von ihrem Mann schwanger. Das Volk jubelt bei der Bekanntgabe, die erst im fünften Monat des Empfangs der „zarten Leibs-Frucht“ erfolgt. Damit kann sich die Hoffnung auf einen männlichen Nachkommen erfüllen – was für die Untertanen Kontinuität bedeutet. Dem erstgeborenen Sohn, so sagt es seit 1356 die – noch immer gültige – „Goldene Bulle“, fällt die Regentschaft zu. Im ganzen Land wird daher für den Thronfolger gebetet. Das gilt nicht allein für Katholiken, sondern ebenso für reformierte Pfarrer – denn in Heidelberg leben zu jener Zeit deutich mehr Reformierte und Lutheraner als Katholiken. Selbst die Jüdische Gemeinde Mannheim lässt Lobgedichte ihres Rabbiners drucken.

Als die Niederkunft näher rückt, werden bereits die Festlichkeiten für die Taufe in der Pankratiuskirche in Schwetzingen vorbereitet und – nach dem bis heute erhaltenen handschriftlichen Entwurf der „Tauffordnung“ – genau geregelt, welcher Höfling welche ehrenvolle Aufgabe dabei haben soll. Das Herrscherpaar lebt in jenen Monaten in der Sommerresidenz. „Die bevorstehende Geburt des Erbprinzen muss Schwetzingen begeistert haben“, so Wolfgang Schröck-Schmidt. Sogar ein Feuerwerk wird vorbereitet.

Aber alle Gebete helfen nicht. „Ach kurzes Glück! Er starb, als Er die Welt erblickte“, fasst der Mannheimer Hofdichter Christian Schwarz die Geschehnisse in der Nacht vom 28. auf 29. Juni 1761 zusammen. Der Geburtskanal der bereits 40-jährigen Elisabeth Augusta erweist sich als zu eng, der kleine Kurprinz gelangt nicht schnell genug heraus. Ein Aderlass bei ihr und die Zangengeburt kosten fast auch die Mutter das Leben, zumindest kann dies alles das Baby nicht retten. Jesuitenpater Franz Joseph Seedorf, früher Erzieher und danach Beichtvater von Carl Theodor, gibt dem Säugling noch in einer Tottaufe den Namen Franz Joseph Ludwig – dann ist er tot.

Carl Theodor bricht am Sterbebett seines Sohnes zusammen. Dann lässt er offiziell an die anderen europäischen Fürstenhäuser schreiben, seine Gemahlin habe einen „wohlgestalten Chur-Prinzen glücklich entbunden“, doch sei dieser „so schwach zur Welt gekommen“ und daher „gleich wieder verschieden“. Ihm ist klar, dass damit alle Hoffnungen auf einen legitimen männlichen Nachkommen und damit Thonfolger zunichtegemacht sind.

Ab nach Oggersheim

Nun entfremdet sich das Regentenpaar noch mehr voneinander als ohnehin schon. „Die Kurfürstin versank für Monate in tiefste Depression“, weiß Schröck-Schmidt. Sie erkennt wohl auch, dass sie bei ihrer offizielle Aufgabe, der Geburt eines Thronfolgers, gescheitert ist – damit also aus Sicht der Dynastie versagt und alle Macht verloren hat. So hart wird das damals gesehen. Die Fehlgeburt wird zum Wendepunkt der Ehe. Carl Theodor beginnt, „sich ebenfalls außerehelich umzusehen“, weist Stefan Mörz auf die Beziehungen des Kurfürsten mit mehreren Tänzerinnen hin. Zwar habe er die Position seiner Ehefrau zunächst unangetastet gelassen. „Der äußere Schein wurde gewahrt“, sagt er.

Aber 1770 entzieht er ihr die Leitung der „Hofspecacles“, die danach größer und üppiger denn je werden. Im gleichen Jahr entlässt er die von ihr so geschätzte französische Schauspieltruppe. Und er sorgt dafür, dass sich das Ehepaar aus dem Weg gehen kann. Schon 1767 kauft Carl Theodor das ab 1720 von Elisabeth Augustes Vater erbaute Schloss Oggersheim, das zuletzt dem gerade verstorbenen Friedrich Michael von Pfalz-Zweibrücken-Birkenfeld als Sommerresidenz gedient hat, und schenkt es seiner Gattin.

Hier verbringt sie die meiste Zeit, ausgestattet mit reichlich Geld und einem Hofsaat von rund 160 Personen. Von hier aus geht sie auf die Jagd, sie lässt die Räume neu möblieren, kunstvoll ausstatten und aufstocken, feiert aufwendige Feste und pflegt die Wallfahrt zur 1729 errichteten Loretokapelle, die sie 1774 bis 1777 nach den Plänen von Peter Anton von Verschaffelt zur monumentalen Wallfahrtskirche Mariä Himmelfahrt vergrößert.

Gegenseitiger Hass

Als Carl Theodor 1778 sein bayerisches Erbe antritt und den Mannheimer Hof nach München verlegt, reist sie zwar zwei Winter in die bayerische Hauptstadt – aber der Bruch mit ihrem Mann ist zu tief. „Der gegenseitige Hass der Ehegatten kannte keine Grenzen“, stellt Mörz bitter fest. Gegenseitige Demütigungen gehören nun zu den Szenen dieser Ehe. 1781 beschließt Elisabeth Augusta, auf Dauer in der Kurpfalz zu bleiben – immer an der Seite ihr Geliebter Rodenhausen, den sie „Pepperl“ nennt. Die Kurpfälzer, traurig über den Verlust des Hofes an Bayern, bezeichnen Elisabeth Augusta nun als „Trost der Pfalzgrafschaft“.

Aber die Französische Revolution macht ihr zu schaffen. Französische Truppen wüten in der Pfalz, erreichen Oggersheim. Ende 1793 muss Elisabeth Augusta vor den Truppen nach Weinheim fliehen, wo sie im Schoss unterkommt und am 17. August 1794 stirbt. Sie wird in der Karmeliterkirche in Heidelberg beigesetzt. Nach Aufhebung des Klosters überführt man den Sarg 1805 in die St. Michaelskirche in München.

Redaktion Chefreporter