Staatsmann mit Heimatliebe

Vor 150 Jahren wird Friedrich Ebert, 1919 bis 1925 Reichspräsident der Weimarer Republik, in Heidelberg geboren. Hier ist er auch begraben.

Von 
Konstantin Groß
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Friedrich Ebert auf Städtereise, hier 1924 in Köln, im Wagen links neben Oberbürgermeister Konrad Adenauer (dem späteren Kanzler). Ähnlich ist die Kulisse bei seinen Besuchen in Mannheim. Fotos davon gibt es jedoch keine. © Stiftung Adenauer-Haus

Heidelberg. Am 4. Februar 2021: 150. Geburtstag von Reichspräsident Friedrich Ebert. Die Aktivitäten zum Jubiläum des ersten demokratischen deutschen Staatsoberhauptes halten sich in Grenzen. Auch ohne Corona wären sie nicht zu vergleichen mit dem Gedenken zu runden Geburtstagen von George Washington in den USA oder Charles de Gaulle in Frankreich, denen dort eine ähnlich grundlegende Bedeutung zukommt.

Erinnerung an Friedrich Ebert in der Region

Ehrungen in Städten: Nach Ebert benannt sind in Mannheim in der Innenstadt die Neckarbrücke und die betreffende Zufahrtsstraße, in Ludwigshafen die größte Veranstaltungshalle (Eberthalle) und der sie umgebende Park (Ebertpark).

Authentische Orte des Erinnerns: Geburtshaus in der Heidelberger Altstadt (Pfaffengasse 18) mit Gedenkstätte; Grab auf dem Bergfriedhof.

Gedenkstätte: getragen von einer Bundesstiftung, Leitung: Prof. Dr. Walter Mühlhausen. Aktivitäten: Präsentation der originalen Wohnräume, Dauerausstellung zu Leben und Wirken Eberts, Vorträge, Veröffentlichungen. Weitere Infos unter: www.ebert-gedenkstaette.de.

Literatur: Standardwerk von Walter Mühlhausen: „Friedrich Ebert 1871-1925“, 1064 Seiten; zum Einstieg historischer Bildband von Walter Mühlhausen: „Friedrich Ebert. Sein Leben in Bildern“, 272 Seiten.

Aufruf: Gedenkstätte sucht Bilder von Eberts Besuchen in Mannheim.

Jubiläumsaktivitäten: Kalender für das Jahr 2021 mit 13 historischen Fotos; auf der Website digitale Geburtstagsfeier mit Glückwünschen Prominenter (Joachim Gauck, Stephan Harbarth etc.). -tin

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Dabei können vor allem die Kurpfälzer auf Ebert stolz sein. Neben Helmut Kohl, dem Kanzler der Einheit von der linken Rheinseite, ist er der einzige deutsche Staatsmann des 20. Jahrhunderts mit prägender Wirkung, den diese Region hervorbringt. Denn geboren wird er am 4. Februar 1871 in Heidelberg. So ist er oft im benachbarten Mannheim, Ludwigshafen besucht er als Staatsoberhaupt in schwerster Stunde.

Jugend in der Pfaffengasse

In Heidelberg bewohnt die Familie die erste Etage des Hauses Pfaffengasse 18 in der Altstadt. Drei kleine Räume, zusammen 46 Quadratmeter. Drei der neun Kinder sterben in jungen Jahren. Die überlebenden sechs schlafen gemeinsam in zwei Bettchen. Kein Bad, Toilette nur im Hof. Die Lebensumstände sind bescheiden, aber nicht ärmlich.

Oft ist Ebert in Mannheim, wo sein Patenonkel Wilhelm Strötz lebt, Gastwirt, in Gewerkschaft und SPD aktiv, Mitglied im Bürgerausschuss. Durch ihn findet Ebert den Weg zur SPD, an deren legendärem Parteitag im Rosengarten er 1906 teilnimmt.

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Startpunkt seiner Karriere wird jedoch der Norden Deutschlands: In Bremen wird er Parteifunktionär, 1912 zum Reichstagsabgeordneten gewählt, im Jahr darauf als Nachfolger des legendären Parteivaters August Bebel Co-Vorsitzender.

Ein schwieriges Amt. Kaiser Wilhelm spricht von „vaterlandslosen Gesellen“ – ein Wort, das Ebert persönlich verletzt. Zwei seiner Söhne sterben mit 19 und 20 für dieses Vaterland – im Ersten Weltkrieg. An dessen Ende, als Militärs, Adel und Industriebarone das Land an den Abgrund geführt haben, kommt Eberts Stunde: Am 9. November 1918 übergibt ihm Reichskanzler Prinz Max von Baden die Regierung.

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Eberts Ziel ist Demokratie nach westlichem Muster. Um einen kommunistischen Umsturz wie ein Jahr zuvor in Russland abzuwenden, verbündet er sich mit den alten Kräften, den kaiserlichen Militärs – eine Entscheidung, die ihm viele Linke bis heute nachtragen und die ihm die Rechten nicht lohnen werden. Doch Ebert erreicht sein Ziel: 1919 bekommt Deutschland eine parlamentarische Verfassung und einen nun auch von Frauen gewählten Reichstag, der ihn am 11. Februar 1919 zum ersten Reichspräsidenten beruft.

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Am 31. August 1919 kommt Ebert in seine Vaterstadt. Er besucht das Stadtmuseum und sein Geburtshaus in der Pfaffengasse, wo er seine Jugendfreunde trifft. Oberbürgermeister Ernst Walz gibt ihm zu Ehren einen Empfang im Gasthof „Molkenkur“, ein Ausflugslokal über dem Schloss. „Ich bin ein echter Neckarschleimer“, bekennt Ebert, von den Eindrücken emotional zutiefst bewegt, mit dieser Bezeichnung für einen waschechten Heidelberger: „Der Stolz auf meine Vaterstadt ist stets in mir lebendig geblieben.“

Zwei Jahre später ist er wieder in der Region – aus traurigem Anlass: Bei einer Explosion in der BASF am 21. September 1921 kommen 561 Menschen ums Leben, mehr als 2000 werden zum Teil schwer verletzt, 7000 Menschen obdachlos, fast alle Gebäude in Oppau, damals noch selbstständig, zerstört. Noch in Ludwigshafen, in Mannheim, gar am Wormser Dom gibt es Schäden. Es ist die größte Katastrophe der deutschen Industriegeschichte.

Vier Tage später folgt die Trauerfeier auf dem Ludwigshafener Hauptfriedhof. 70 000 Menschen aus der ganzen Region nehmen teil. Und Ebert. Doch der Besuch, zu dem er in seinem an einen regulären Zug angehängten Salonwagen auf dem Mannheimer Hauptbahnhof eintrifft, ist ein Politikum. Die Pfalz ist von den Franzosen besetzt. Eine bedeutende Geste ist es daher, dass General Alexandre de Metz, der Chef der Besatzungstruppen, vor Ebert strammsteht und das Beileid der Französischen Republik ausspricht.

Nach der Trauerfeier fährt Ebert zurück nach Mannheim – zum Mittagessen im Parkhotel am Wasserturm. Schließlich besichtigt er die Unglücksstätte und besucht die Verletzten in den Krankenhäusern von Ludwigshafen und Mannheim. Bei der Rückfahrt über die Rheinbrücke wird seine Wagenkolonne von einem französischen Posten kontrolliert. Das Auswärtige Amt protestiert, der französische Botschafter in Berlin drückt sein „Bedauern“ aus.

Konflikt mit Frankreich

Doch die Spannungen nehmen noch zu. Frankreich besetzt auch rechtsrheinische Landesteile in Baden wie etwa Offenburg. Und so reist Ebert am 13. Februar 1923 zum Solidaritätsbesuch in die Kurpfalz. „Wir sind nach Mannheim gekommen, weil wir uns sagten: Hier liegt der Brennpunkt des wirtschaftlichen Lebens Badens“, erklärt er auf einer Kundgebung vor dem Rathaus: „Wir werden schwere Opfer bringen müssen, und insbesondere wird sich das in Mannheim geltend machen.“ So kommt es: Am 3. März besetzen die Franzosen Mannheims Hafen.

Und der Konflikt verschärft sich. So ist Ebert am 1. März 1924 erneut in Mannheim. Im Rathaus trifft er Vertreter der Pfalz. Nach einem Mittagessen im Parkhotel spricht er im nahen Nibelungensaal beim Fest der südwestdeutschen Presse, das mit 5000 Teilnehmern zu einer großen Solidaritätskundgebung für die Pfalz wird: „Er gab die Versicherung ab, dass die Sorge um die Pfalz und die Stadt Mannheim die Reichsregierung nach Mannheim geführt hat“, schreibt der „Generalanzeiger“.

Das Überraschende: Das Staatsoberhaupt ist drei Mal zu Gast in der größten Stadt Badens, doch von keinem dieser Besuche gibt es Fotos – weder im Stadtarchiv Mannheim noch in der Ebert-Gedenkstätte Heidelberg. Von Vorgängern und Nachfolgern an der Staatsspitze ist dagegen fast jeder Schritt dokumentiert.

Irgendwie symptomatisch für die öffentliche Rezeption dieses Reichspräsidenten. Ungeliebt bei vielen Linken, Hassobjekt der Rechten. Gut 200 Prozesse muss er anstrengen, um Beleidigungen zu untersagen. 1924 wirft man ihm vor, beim Berliner Munitionsarbeiterstreik im Januar 1918 durch Eintritt in die Streikleitung „Landesverrat“ begangen zu haben. Ebert klagt, doch das Gericht in Magdeburg urteilt: Die Feststellung sei im juristischen Sinne zulässig. Fortan darf das Staatsoberhaupt ungestraft als „Landesverräter“ bezeichnet werden – für Ebert ein harter Schlag, auch gesundheitlich.

Letzte Ruhe am Bergfriedhof

Wegen des Prozesses verschiebt Ebert die Behandlung einer Blinddarmentzündung; 24 Tage nach seinem 54. Geburtstag, am 28. Februar 1925, stirbt er. An der Trauerfeier in Berlin am 4. März nehmen über eine Million Menschen teil, Tags darauf werden die sterblichen Überreste in seine Geburtsstadt überführt und auf dem Bergfriedhof beigesetzt.

Noch im Tode mag die Geringschätzung seiner Gegner nicht enden. Der evangelische Pfarrer Hermann Maas, der auf der Beerdigung spricht, erhält von der konservativen Kirchenleitung eine Rüge; der Erzbischof von München und Freising, Kardinal von Faulhaber, untersagt seinen Gemeinden Trauergeläut zu Ehren des Präsidenten; im Reichstag votieren Rechtsparteien und Kommunisten dagegen, die Kosten für das Staatsbegräbnis zu tragen. Auch die Mannheimer Trauerfeier im Rathaus am 2. März wird von diesen beiden Gruppierungen boykottiert.

Mehrheitlich jedoch entscheidet das Stadtparlament, nach Ebert die dritte Neckarbrücke zu benennen, die Ende 1926 eröffnet wird. Von 1933 bis 1945 heißt sie Adolf-Hitler-Brücke, seit 1945 wieder wie früher. Eine erfreuliche Symbolik: Vor der Geschichte obsiegt der Demokrat.

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