Schatzkammer der Geschichte

In Hirschhorn, der „Perle des Neckartals“, begegnet der Besucher auf Schritt und Tritt den Spuren der 1632 ausgestorbenen Gründerfamilie.

Von 
Klaus Backes
Lesedauer: 
Hirschorn auf einer um 1900 entstandenen Postkarte. Schon damals war das Städtchen ein beliebtes Ausflugsziel. © Klaus Backes

In Hirschhorn wird man von Geschichte förmlich angesprungen“, sagt Heike Schön-Leucht von der städtischen Tourist-Information. Wer historisches Interesse hat, dürfte ihr beipflichten. Jedes Gässchen bietet Entdeckungen: alte Portale, versehen mit der Jahreszahl ihrer Erbauung, Häuser aus mindestens fünf Jahrhunderten und das ganz besondere Flair alter Kleinstädte. Dazu die fast komplett erhaltene Stadtmauer und zwei Höhepunkte aus touristischer Sicht: die ehemalige Klosterkirche und die riesige Burganlage.

Spätstaufische Hangburg als Herrschaftszentrum

Anfahrt von Mannheim: Auf der A 656 nach Heidelberg, weiter auf der B 37 durch die Stadt in Richtung Ziegelhausen, Neckargemünd, Eberbach. Weiter durch Neckargemünd und Neckarsteinach nach Hirschorn. Großer Parkplatz am Neckar. Die Strecke ist rund 42 Kilometer lang und dauert mit dem Auto etwa 50 Minuten.

Besichtigung: Vorburg der Burg Hirschhorn frei zugänglich, Kirchen offen.

Weitere Informationen: Tourist-Information, Alleeweg 2, 69434 Hirschhorn, Rufnummer: 06272-1742, Mail: tourist-info@hirschhorn.de. Internet-Seite: www.hirschhorn.de.

Literatur: Ulrich Spiegelberg: Das Schloss Hirschhorn am Neckar, Staatliche Schlösser und Gärten Hessen, Regensburg 2008; Ulrich Spiegelberg: Hirschhorn und seine Kirchen, Berlin/München 2016; Robert Irschlinger: Zur Geschichte der Herren von Hirschhorn, Hirschhorn 1973; Mark Twain bummelt durch Europa, München 1971. kba

AdUnit urban-intext1

Zu verdanken ist all das den Herren von Hirschhorn. Mit Johann I. wird 1270 der erste bekannte Vertreter der Familie in einer Urkunde genannt. Vermutlich stammt er väterlicherseits von den Herren von Steinach ab, die ihren Sitz im nahen Neckarsteinach hatten, mütterlicherseits von den Ministerialen von Hirschberg, deren stark zerstörte Burg über dem gleichnamigen Dorf an der Bergstraße liegt. Eventuell errichtete bereits ein Vorgänger Johanns die Burg Hirschhorn, damals noch eine eher bescheidene Anlage, die Burgenkundler in die Mitte des 13. Jahrhunderts datieren.

Ihre ausgedehnten Besitzungen ermöglichen es den Herren von Hirschhorn, im späten Mittelalter zu einer der mächtigsten Adelsfamilien der Region aufzusteigen. Einen entscheidenden Beitrag dazu leistet Engelhard I. (gestorben 1361). Er erwirbt sich Verdienste um die in Heidelberg residierenden Pfalzgrafen, sammelt ein enormes Vermögen an, und verleiht Geld unter anderem an die Kaiser Karl IV. und Ludwig den Bayern. Engelhard I. lässt die Burg vergrößern und die Befestigungen verstärken.

Herrschaft bedroht

Sein gleichnamiger Sohn, ein streitlustiger Charakter, verliert viel von dem, was der Vater aufgebaut hat. Er weigert sich, seinen drei Schwestern ihr Erbe auszuzahlen und lebt in Fehde mit dem Mainzer Erzbischof. Zudem soll der Hirschhorner eine Reliquie des Heiligen Georg entwendet haben. Schließlich spricht Kaiser Karl IV. 1364 die Reichsacht über ihn aus, und Kurfürst Ruprecht nimmt den Hirschhorner gefangen. Die Haft verbringt Engelbert II. dann bei seinem Schwiegervater, dem Schenken Konrad IV. von Erbach. Dessen Tochter Margarethe managt die bedrohte Herrschaft Hirschhorn, und es gelingt ihr tatsächlich, trotz Verlusten das Gros der Besitzungen zusammenzuhalten. Sie stirbt 1383, ihr Gatte bereits um 1377. Sohn Hans V. (gestorben 1426) schlägt nach seinem Großvater und führt die Familie zu neuer Blüte.

AdUnit urban-intext2

Er hält engen Kontakt zu den Kurfürsten von der Pfalz, und als Ruprecht III. im Jahr 1400 deutscher König wird, dient ihm Hans V. als Ratgeber und Gesandter. 1391 erhebt König Wenzel das Dorf Hirschhorn zur Stadt, die bald von einer starken Mauer umgeben ist. Und Hans im Glück gründet das auf halber Höhe zwischen Burg und Stadt liegende Kloster, das er am 30. Mai 1406 den Karmelitern übergibt. Die Mönche dieses um 1150 in Palästina entstandenen Ordens leben ursprünglich in Einzelzellen und müssen ein strenges Schweigegebot befolgen. Später kommt es zu Milderungen der Regeln. Die 30 Meter lange Kirche soll den Hirschhornern als Begräbnisstätte dienen.

Manchmal kann Reichtum nachteilige Folgen haben. Auch Hans V. verleiht Geld, unter anderem hohe Beträge an den Bischof von Würzburg. Da dieser weder Zinsen zahlt noch das Kapital zurückgibt, gerät die nächste Generation der Hirschhorner in finanzielle Schwierigkeiten. Hans VI. und sein Bruder greifen zu einem drastischen Mittel: Sie nehmen den Bischof gefangen, der gegen Bürgschaften freikommt. Doch Geld fließt trotzdem nicht. Es bleibt den Brüdern und ihren Nachfolgern nichts anderes, als Besitzungen zu verkaufen oder zu verpfänden. Erst gegen Ende des 15. Jahrhunderts geht es wieder aufwärts.

AdUnit urban-intext3

1526 führen die Brüder Georg und Engelhard III. in Hirschhorn die Reformation ein. Zuerst belassen sie die Karmeliter in ihrem Kloster, doch vor allem durch das Verbot von Neuaufnahmen wird es zum langsamen Sterben verurteilt. Aber erst 1570 muss der letzte Mönch gehen. Das 16. Jahrhundert ist kein gutes für die Stadt. Ein Großfeuer, Hochwasser und Eisgang verwüsten Hirschhorn; 1547 und 1555 dezimiert die Pest die Bevölkerung.

AdUnit urban-intext4

Noch schlimmer soll das 17. Jahrhundert werden. Schon der Auftakt ist dramatisch. Reich und mächtig ist Friedrich von Hirschhorn, der Erbtruchseß des Pfalzgrafen. Als Kurfürst Friedrich IV. im Jahr 1600 dem 17-jährigen Johann von Handschuhsheim für seine Verdienste ein wertvolles Schwert schenkt, fühlt sich Friedrich in seiner Eitelkeit gekränkt. Das, so meint er, stehe zuerst einem in seiner hohen Position am Hof zu. Auf dem Heidelberger Marktplatz kommt es zum Duell. Der Handschuhsheimer trägt eine schwere Wunde davon, der er bald danach erliegt, als letzter männlicher Vertreter seines Hauses. Seine Mutter Amalia verflucht der Sage nach den Täter: Alle seine Kinder sollen vor ihm sterben. So geschieht es. 1630 leidet Friedrich zudem an einer schweren Krankheit. Die Erben liegen auf der Lauer. Doch der Hirschhorner erholt sich, und 1631 kommt ein Sohn zur Welt. Der Tod des Stammhalters im August 1632 scheint Friedrich dann gebrochen zu haben: Am 22. September 1632 stirbt er, mitten in den Wirren des Dreißigjährigen Krieges. Mit ihm erlischt die Familie der Hirschhorner.

Die Lehnsherren fordern die Lehen zurück. So fällt Hirschhorn mitsamt Burg an das Erzstift Mainz. Um andere Besitzungen toben Streitigkeiten, die sich teilweise ein Jahrhundert lang hinziehen. Zu verteilen gibt es ja auch viel: Friedrich verfügte unter anderem über Besitzungen in mehr als 100 Dörfern links und rechts des Rheins. Kurmainz sorgt dafür, dass die Karmeliter in das Kloster zurückkehren können. Die Rekatholisierung beginnt. 1637 stellt der Erzbischof die Protestanten vor die Wahl: entweder Übertritt zum katholischen Glauben oder Verlassen der Stadt. Lediglich zwei Bürger entscheiden sich für das Exil. Der Prior des Klosters schreibt triumphierend nach Mainz: „Wir haben die ganze lutherische Gemeinde völlig katholisch gemacht.“ Die Säkularisation der geistlichen Herrschaften bringt 1803 die Auflösung des Klosters. Hirschhorn kommt an Hessen. Sowohl die Klosterkirche als auch die Burg verfallen. Spät erfolgen Sanierungen.

Und doch erinnert vieles an die Zeit der Herren von Hirschhorn. Überall finden sich ihre Wappen, an Kirchen, Häusern und der Burg. In der trotz aller Verluste stimmungsvollen spätgotischen Klosterkirche steht man ihnen Aug in Aug gegenüber, denn glücklicherweise haben etliche Grabmäler die Zeiten überstanden. So treffen wir auf den Stadt- und Klostergründer Hans V., ebenso auf Engelhard III. und Georg, die die Reformation einführten, und andere mehr.

Der berühmte amerikanische Schriftsteller Mark Twain besucht während seiner Europareise im August 1878 auch Hirschhorn. Die Klosterkirche nennt er „verfallen“. Besondere Beachtung schenkt er den Grabmälern: „An den Innenwänden der Kirche lehnen ein paar merkwürdige, alte Basreliefs – in Stein gemeißelte Edle von Hirschhorn in voller Rüstung und Edelfrauen von Hirschhorn in der malerischen Tracht des Mittelalters. Diese Dinge nehmen allmählich Schaden, denn der letzte Hirschhorn ist seit 200 Jahren tot, und es gibt niemanden mehr, der Wert darauf legt, das Andenken der Familie zu erhalten.“ Engelhard I., der Begründer des Hirschhorner Reichtums, ruht nicht hier, da die Klosterkirche erst nach seinem Tod entstand, sondern in der gotischen Ersheimer Kapelle auf der anderen Seite des Neckars. Hier lag das 773 erstmals erwähnte Dorf Ersheim, an das nur noch das sehenswerte Gotteshaus erinnert, die heutige Friedhofskirche.

Im Besitz des Landes Hessen

Auch die Burg besichtigt Mark Twain, doch scheinbar findet er sie nicht so toll, da er keine Bemerkung darüber macht. Eigentlich unfair, denn die riesige Anlage mit ihrer spätromanischen Schildmauer, den gotischen Türmen, Toren und Gebäuden sowie dem 27 Meter hohen Hatzfeldbau aus der Renaissance lohnen einen Besuch. Angenehm: Wer den Aufstieg über die steilen Treppen vom Ort aus scheut, kann die Burg, die dem Land Hessen gehört, mit dem Auto anfahren. Seit 1959 beherbergt die Kernburg ein Hotel, das momentan wegen Sanierung geschlossen ist. Aber die riesige Vorburg bietet genug Sehenswertes.

„Der Tourismus spielt für Hirschhorn eine große Rolle“, betont Heike Schön-Leucht. „Aber während des Lockdowns im Frühjahr und jetzt ist die Lage schlecht.“ Und ein weiteres Problem hat das Städtchen: die vielen leerstehenden Geschäfte. „Es werden immer wieder Gespräche geführt, bislang jedoch ohne Erfolg“, bedauert die Frau von der Tourist-Information. Trotzdem trägt Hirschhorn die Bezeichnung „Perle des Neckartals“ mit Stolz – und zu Recht.

Redaktion