Nahkampf im Wald

Auf dem Schänzel im Wald über Edenkoben erobern am 13. Juli 1794 französische Revolutionstruppen die preußischen Stellungen. Ein Turm und mehrere Gedenksteine erinnern an die Schlacht, die weitreichende Folgen hat.

Von 
Klaus Backes
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Fast genau 225 Jahre nach dem Gemetzel steht Herbert Hartkopf auf dem Schänzelturm im Wald über Edenkoben. Der Lokalhistoriker deutet auf den dichten Wald, der den markanten Punkt umgibt: „Es dürfte Hunderte von Gefallenen an diesem Tag gegeben haben. Ich vermute, dass die Offiziere in ihrer jeweiligen Heimat beerdigt wurden. Was aus den Leichen der gewöhnlichen Soldaten wurde, weiß niemand. Eventuell liegen sie in Massengräbern irgendwo da unten.“ Die Schlacht am Schänzel tobt am 13. Juli 1794. Eine blutige Episode im Rahmen der über zwei Jahrzehnte währenden Kriege im Gefolge der Französischen Revolution von 1789, doch eine mit erheblichen Konsequenzen.

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Nach der Revolution steigen die Spannungen zwischen Frankreich und den nach wie vor von Monarchien regierten Nachbarländern. Am 20. April 1792 zwingt die Nationalversammlung den unter Arrest stehenden König Ludwig XVI., Österreich den Krieg zu erklären. Damit tritt für Preußen der Bündnisfall in Kraft. Der Krieg beginnt, und 1793 kommt es zu ersten Kämpfen im Raum Edenkoben.

Informationen über das Schänzel im Wald Bei Edenkoben

Anfahrt von Mannheim: Über die Rheinbrücke an Ludwigshafen vorbei, weiter auf die A 650 in Richtung Bad Dürkheim. Die Abfahrt auf die B 9 in Richtung Speyer/Mutterstadt nehmen, dann weiter auf der A 65 in Richtung Neustadt/Weinstraße. Weiter auf der A 65, dann an der Abfahrt Edenkoben abfahren und Richtung Edenkoben fahren. Von der Staatsstraße an der Ampel nach rechts in die Luitpoldstraße abbiegen: An der dortigen Ampel geradeaus in die Klosterstraße. Der schmalen und teilweise kurvigen Straße weiter durchs Edenkobener Tal folgen, an Hilschweier und Hüttenbrunnenvorbei bis zum Parkplatz Lolosruhe. Um an den Schänzelturm und die Denkmäler zu gelangen, dem Weg mit dem roten Kreuz folgen, der an den in Parkplatznähe gelegenen Fünf Steinen vorbeiführt.

Entfernung von Mannheim: etwa 43 Kilometer

Fahrzeit: ungefähr 40 Minuten

Museum Edenkoben: Ein Raum informiert über die Schlacht am Schänzel. Das Museum im Gebäude Weinstraße 107 hat von April bis Dezember mittwochs von 10 bis 12 Uhr, freitags von 15 bis 18 Uhr, samstags und sonntags von 14 bis 17 Uhr geöffnet. Parkmöglichkeiten: Am „Goldenen Eck“ (50 Meter), Parkplatz Burgunderplatz in der Klosterstraße (100 Meter) und samstags sowie sonntags und an Feiertagen die Parkplätze des Schulzentrums (200 Meter).

Literatur: Ludwig Schütte: Die Kämpfe um Edenkoben und das Schänzel während der französischen Revolutionskriege, Edenkoben 1982; Roger Parkinson: Blücher. Der Marschall „Vorwärts“, 1979. kba

Rückzug über den Rhein

Doch nach Niederlagen gegen die Franzosen, die in der Festung Landau einen starken Rückhalt haben, müssen sich Preußen und Österreicher über den Rhein zurückziehen.

Im Frühjahr 1794 sind die Verbündeten wieder da. Und ein Mann tritt erstmals in Erscheinung, der im weiteren Verlauf der Kriege gegen Frankreich eine überragende Rolle spielen soll: der Preuße Gebhard Leberecht von Blücher (1742 bis 1819). Bei Edenkoben macht er den Franzosen schwer zu schaffen, blockt mit seinen Husaren ihre Angriffe ab und fügt ihnen hohe Verluste zu.

Schreckliche Szenen

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Husaren – das klingt romantisch. Doch die Wirklichkeit sieht völlig anders aus. Der Blücher-Biograph Roger Parkinson beschreibt sie: „Die Kampfberührung mit den Franzosen bestand aus einem Durcheinander sich bäumender Pferde, aufblitzenden Säbeln und Pistolenfeuer auf kürzeste Entfernung. Die schweren Säbel konnten mit einem einzigen Hieb Glieder abhacken oder Schädel spalten, die Nachmahd (Nachlese) dieser kurzen Gefechte enthüllte schreckliche Szenen zertrampelter, verstümmelter Menschen und Pferde: Der Mann, der noch auf seinem Pferd saß, aber einen diagonalen Säbelhieb erhalten hatte, der seinen Mund weit aufschlug, so dass der Unterkiefer auf seine Brust herabhing, die kopflose Leiche, die noch aufrecht im Sattel saß und mit den Händen die Zügel umklammerte, die armlosen Husaren, die sich noch mit den Knien auf den Pferden hielten.“ Ein Wunder, dass Blücher, der sich selbst ins dichteste Kampfgewimmel stürzt, diese Gefechte fast unverletzt übersteht. Als Lohn für die Verdienste wird er zum Generalmajor befördert. Doch seine Karriere beginnt erst.

Sieg bei Waterloo

Die größten Erfolge erkämpft Blücher in den Befreiungskriegen gegen Napoleon, leistet einen wichtigen Beitrag zum Sieg in der Völkerschlacht bei Leipzig (1813). Als der Korse aus dem Exil zurückkehrt, wird auch Blücher nochmals aktiviert. Am 18. Juni 2015 bringt der Angriff seiner Preußen die Entscheidung der Schlacht von Waterloo, die Napoleons endgültige Niederlage besiegelt. „Ich wollte, es wäre Nacht oder die Preußen kämen“, seufzt der englische General Wellington in höchster Bedrängnis durch die französischen Truppen. Und Blücher kommt.

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Er setzt fast ausschließlich auf Angriff, was ihm den Beinamen „Marschall Vorwärts“ einbringt. Noch vor wenigen Jahrzehnten zählt der Preuße zu den bekanntesten Deutschen. Damals ist der Begriff „ran wie Blücher“ ein geflügeltes Wort.

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Zurück ins Jahr 1794. Die lange Frontlinie der Verbündeten verläuft von der Südpfalz bis Trier. In Vorahnung des Kommenden befestigen die Preußen das Schänzel im Wald über Edenkoben. Im Zentrum der Stellungen liegen die vier Schanzen, in denen Geschütze stehen. Vorgelagerte Stellungen komplettieren die Verteidigungswerke. Als weitere Angriffe in der Ebene scheitern, konzentrieren sich die Franzosen auf die Berge.

Eine erste Attacke auf das Schänzel wird am 12. Juli abgewehrt, der Großangriff folgt am 13. Juli. 4500 Preußen kämpfen gegen 7000 Franzosen. Blücher kann nicht helfen, denn die Feinde greifen auch vor Edenkoben an. Im Wald bieten den Franzosen Felsen die Möglichkeit, in Deckung vorzugehen und die preußischen Kanoniere mit gezielten Schüssen auszuschalten. Die Entscheidung bahnt sich an, als die Brigade Siscé eine Schanze erobert und die Preußen im Rücken angreift. General von Pfau erkennt die Gefahr, rafft alle Reserven zusammen, um die triumphierenden Gegner zu stoppen. Vergebens: Seine Männer werden von zwei Seiten in die Zange genommen; Pfau fällt.

Steine als Wurfgeschosse

Der Historiker Ludwig Schütte schildert die Kämpfe: „Mit verbissener Wut und dem Mute der Verzweiflung wurde beiderseits von Bajonett und (Gewehr-)Kolben, ja von Steinen als Wurfgeschossen Gebrauch gemacht.“ Immerhin gelingt es den Preußen, die Reste ihrer Truppen zu retten. Schütte schätzt ihre Verluste an Toten, Verwundeten und Gefangenen auf etwa 1000 Mann. Für die französische Seite liegen keine Angaben vor. Die Niederlage am Schänzel ist ein Fiasko, zur Katastrophe wird die Situation durch weitere Durchbrüche der Franzosen im Bereich des Pfälzerwalds. Um nicht abgeschnitten zu werden, ziehen sich die Preußen zurück und überqueren schließlich im Oktober 1794 den Rhein.

Durch den Baseler Frieden vom 5. April 1795 scheidet Preußen aus dem Krieg aus – vorerst. Dafür erobern österreichische Truppen ab Sommer 1795 große Teile der Pfalz sowie Mannheim zurück. Am 13. Dezember versuchen die Franzosen erneut einen Durchbruch beim Schänzel – diesmal erfolglos. Doch da die Revolutionsheere in Italien große Siege erringen, müssen sich die Österreicher im Frühjahr 1796 über den Rhein zurückziehen. Bis 1815 werden die linksrheinischen Gebiete französisch bleiben.

Ausgangspunkt zu den Spuren der Schlacht am Schänzel ist der Wanderparkplatz Lolosruhe über Edenkoben. Herbert Hartkopf kennt sich hier bestens aus. Aber auch ohne ortskundigen Führer gibt es dank der guten Beschilderung keine Orientierungsprobleme: Immer dem roten Kreuz folgen.

Nach etwa 15 Minuten kommt der Schänzelturm auf dem 614 Meter hohen Steigerkopf in Sicht. Der Edenkobener Schänzelbauverein errichtet ihn 1874/75 mit Spenden und Eigenleistung zur Erinnerung an die Ereignisse 80 Jahre zuvor. Vom etwa 15 Meter hohen Turm bietet sich ein fantastischer Blick auf die Gipfel des Pfälzerwalds und – zwischen hohen Bäumen hindurch – auf die Rheinebene. Weiter geht es bergab auf dem mit dem roten Kreuz gekennzeichneten schmalen Weg in Richtung Forsthaus Heldenstein. „Da kann man sich vorstellen, wie schwer es für die Franzosen war, den steilen Hang hochzustürmen“, meint Herbert Hartkopf. „Sie haben auch Kanonen hochgeschafft.“ An diesem sonnigen Tag fällt es aber schwer, sich das vorzustellen: Stille, nur ein leichter Wind rüttelt sanft die Bäume.

An der Schanze I

Schließlich sind die Gedenksteine erreicht. Der erste, das Österreicher-Denkmal, stammt von 1895 und erinnert an die Verteidigung des Schänzels durch österreichische Truppen am 13. Dezember 1795. „Das Denkmal steht inmitten einer Verschanzung“, weist Hartkopf auf einen breiten Graben hin, vor dem sich ein mittlerweile verschwundener Wall erhob. Es handelt sich um die Schanze I. Daneben steht der „Schwedenstein“, der daran erinnert, dass bereits schwedische Truppen während des Dreißigjährigen Kriegs hier Stellungen errichtet haben.

Dann das Denkmal für den während der Schlacht von 1794 im Umfeld gefallenen preußischen General von Pfau, das 1796 im Auftrag des österreichischen Generalfeldmarschalls Dagobert Graf von Wurmser angefertigt wurde. Die Inschrift: „Als Held und Biedermann bekannt, starb Pfau für das deutsche Vaterland“. An der Stelle, wo General Pfau starb, weist ein Gedenkstein des Pfälzerwaldvereins darauf hin. Verstreut um den Berg gibt es noch etliche Stellungen.

Bomber kollidieren

Weiter führt der Weg bergab bis zum Parkplatz am Forsthaus Heldenstein. Auf einem riesigen Sandsteinklotz erinnert hier die in eine Metallplatte eingravierte englische Inschrift an ein dramatisches Ereignis während des Zweiten Weltkriegs: 14 amerikanische Flieger kommen am 19. Oktober 1944 beim Zusammenstoß zweier viermotoriger Bomber ums Leben. Vier weitere können sich mit dem Fallschirm retten. Die Toten werden zuerst in Edenkoben bestattet und nach Kriegsende auf einen amerikanischen Militärfriedhof in Frankreich überführt. Die Motoren, die sich tief in die Erde gebohrt haben, liegen wohl noch heute unter dem Parkplatz.

Familienmitglieder und Freunde der Gefallenen bezahlen die Messingplatte, die in der USA gefertigt wird. Hartkopf ist Zeuge, als vor einigen Jahren die Schwester eines der gefallenen Flieger die Absturzstelle besucht: „Sie war unglaublich ergriffen und hat sich Erde von dem Platz mitgenommen.“ Welch ein Unterschied zum Gedenken an die Gefallenen des 13. Juli 1794.

Redaktion