„Es gab keine Stunde Null“

Rund tausend Jahre vor der Grundsteinlegung für den Dom entsteht die Stadt Speyer aus der Zivilsiedlung eines Kastells. Die spätantike Kultur in der Pfalz überdauert nach aktuellen Forschungen auch Germanenstürme und den Untergang des weströmischen Reiches.

Von 
Klaus Backes
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Eine prächtige Kulisse: So etwa könnte das Zentrum des antiken Speyer in dessen Blütezeit ausgesehen haben. © Wolfgang Himmelmann/GDKE

Speyer und Geschichte. Dazu fällt den meisten natürlich der Dom ein. Doch als der Salierkaiser Konrad II. um 1030 den Grundstein zu der riesigen Kirche legt, ist Speyer schon fast 1000 Jahre alt. „Um Christi Geburt sind die Römer da“, erzählt Ulrich Himmelmann, Leiter der Direktion Landesarchäologie, Außenstelle Speyer. Und da die Kelten weggezogen sind, treffen sie ein menschenleeres Gebiet an. Die hochwasserfreie Lage des heutigen Speyer bietet sich zum Bau eines Kastells an, dem zwei weitere folgen. Im Umfeld entwickelt sich eine Zivilsiedlung, die Keimzelle der Stadt.

Historisches Museum der Pfalz in Speyer

  • Anfahrt von Mannheim: Auf der B38 über die Rheinbrücke. Die Ausfahrt Zentrum/Rathaus nehmen und weiter auf Heiningstraße (B38/B44), dann auf Adlerdamm (B44), danach auf B9. Ausfahrt B39 Richtung A5/A6, Speyer-Zentrum, Speyer-Süd, Heidelberg, Dom/Museen nehmen. Der Beschilderung zum großen Parkplatz auf dem Festplatz (zwischen Technikmuseum und Dom) folgen. Von dort sind es wenige hundert Meter bis zum Museum (Domplatz 4).
  • Entfernung von Mannheim: rund 30 Kilometer
  • Fahrzeit: etwa 30 Minuten
  • Öffnungszeiten des Historischen Museums: dienstags bis sonntags von 10 bis 18 Uhr. An Feiertagen ist das Haus generell – auch montags – geöffnet. In den rheinland-pfälzischen, baden-württembergischen sowie hessischen Herbst-, Winter-, Faschings- und Osterferien ist das Haus ebenfalls montags geöffnet. Die Ausstellung über Valentinian ist bis zum 15. März 2020 zu sehen.
  • Eintrittspreise (Auszug): Erwachsene sieben Euro, Kinder ab sechs Jahren, Schüler, Studenten drei Euro.
  • Kontakt: Besucherservice: 06232 62 02 22, Zentrale: 06232 13 25 0, E-Mail info@museum.speyer.de 
  • Internetseite: www.museum.speyer.de 
  • Literatur: Alexander Schubert und andere (Herausgeber): Valentinian I. und die Pfalz in der Spätantike. Begleitband zur gleichnamigen Ausstellung. ISBN: 978-3-95505-116-7. Preis: 19,95 Euro
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Um 70 nach Christus dann ein drastischer Einschnitt: Die Römischen Truppen überschreiten den Rhein, die bisherige Grenze, erobern rechtsrheinische Gebiete und bauen den Limes als neue Grenzlinie. Speyer liegt nun im Hinterland. Die Kastelle verschwinden. Es bleibt die Zivilsiedlung, die sich als Civitas-Hauptort, als Verwaltungssitz mit Namen Noviomagus (Neufeld) etabliert.

Eine lokale Hauptstadt mit allem Drum und Dran, so Himmelmann: „Es muss ein Forum gegeben haben, vermutlich unter dem heutigen Königsplatz. Eine riesige Säule mit Weinlaubverzierungen, die in dem Bereich zu Tage kam, deutet darauf hin. Um den Dom herum müssen große Gebäude gestanden haben. Vom Theaterbau haben sich Sitzstufen in den späteren Stadtmauern erhalten. Wir wissen aber nicht genau, wo es lag. Auch das Straßennetz ist zum Teil noch das antike.“

Reste liegen im Boden

Oberirdisch erhalten hat sich von all dem nur ein kleines Stück der spätantiken Stadtmauer. Die Reste des römischen Speyer liegen im Boden. Ein Teil davon wird zum Zeitpunkt des Ortstermins gerade in der Engelsgasse ans Licht geholt. Der Bau einer neuen Kanalisation hat die Untersuchung erforderlich gemacht. Grabungsleiterin Laura Bauer und Nina Schmeer, die ihr Freiwilligenjahr absolviert, arbeiten in einer mehrere Meter tiefen Grube. „Die ganzen Wände bestehen ausschließlich aus Archäologie, dreieinhalb bis vier Meter hoch“, erläutert Himmelmann.

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Eine römische Mauer haben die Ausgräber freigelegt, Keramik und sogar Holzfunde, darunter eine Treppe. „Einer der wenigen Bereiche, wo wir das römische Speyer bisher so ungestört gefunden haben“, freut sich Archäologe Himmelmann. Er deutet auf eine Grabenwand: „Unten liegen die hellen Schichten, darüber die roten und dunklen, die auf Zerstörungen hinweisen können.“ Können, aber nicht müssen, denn gebrannt hat es in antiken Siedlungen wegen der Fachwerkgebäude auch ohne gewalttätige Auseinandersetzungen häufig. Doch mit dem Ausgraben ist es nicht getan: Die Funde werden im Rahmen einer Doktorarbeit ausgewertet.

Fernleitung liefert Wasser

Speyer gilt als wirtschaftlicher und kultureller Mittelpunkt der heutigen Südpfalz. „Im Römischen Reich ist es eine bekannte kleinere Stadt. Auch weit entfernt lebende Schriftsteller berichten über sie“, erläutert Ulrich Himmelmann. Lebensmittel stammen aus dem fruchtbaren Umfeld. Große Landgüter, die villae rusticae, und kleinere Höfe produzieren sie. Frisches Wasser liefert eine Fernleitung vom Haardtrand.

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Die Gewinnung von Eisenerz ist für den Bereich um den Donnersberg nachgewiesen. Steinbrüche gibt es am Haardtrand, Ziegeleien mit Massenproduktion in und um Rheinzabern und in Worms. Rheinzabern gilt übrigens als eines der bedeutendsten Töpfereinzentren der gesamten Antike. Viele Waren werden also vor Ort hergestellt, andere kommen per Schiff über den Rhein oder über das gut ausgebaute Straßennetz. Darunter auch Luxusgüter wie Fischsoßen und Olivenöl aus dem Süden.

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Um 230 endet die Idylle. Es folgt eine Zeit mit vielen Krisen: wirtschaftliche Probleme, Finanzkrisen, unfähige Herrscher, Überfälle der Germanen, Aufstände gegen die Kaiser, wodurch es zu Bürgerkriegen kommt. Die Folgen sind dramatisch. Der Limes kollabiert, und Speyer wird wieder Grenzstadt. Versteckte Münzschätze und aus dem Rhein geborgenes Diebesgut sind stumme Zeugen dieser wirren Zeiten. Ulrich Himmelmann: „Die Jahrhunderte zuvor hat man hier gut, gemütlich und schön gelebt. Nun schrumpft die Bevölkerung, Häuser brennen. Es gibt keine flächendeckenden Zerstörungen, aber Bereiche, die abbrennen und nicht wiederaufgebaut werden.“ Im Pfälzerwald entstehen befestige Siedlungen auf Bergen. Erst gegen Ende des 3. Jahrhunderts gelingt endlich eine Stabilisierung. Doch nicht auf Dauer. 350 erhebt sich der Usurpator Magnentius gegen den Kaiser. Wieder tobt ein Bürgerkrieg, und erneut nutzen die Alamannen die günstige Gelegenheit für Überfälle. „Es muss für die Menschen hier einschneidend gewesen sein“, meint Ulrich Himmelmann. Die besiedelte Fläche der Stadt Speyer schrumpft von 35 auf 15 Hektar.

Doch noch ist das Römische Reich nicht verloren. Der Retter heißt Valentinian I. und stammt aus einer Soldatenfamilie. Sein Vater hat sich auf wichtige Kommandoposten hochgearbeitet. In dieser turbulenten Zeit zählen militärische Fähigkeiten mehr als noble Abstammung. Ende Februar wird er in Kleinasien zum Kaiser ernannt, und bestimmt bereits einen Monat später seinen jüngeren Bruder Valens zum Mitkaiser im östlichen Teil des Reiches. Im Sommer teilen sie Heer und Hofstaat auf und sehen sich niemals wieder. 367 nimmt Valentinian Trier als Hauptresidenz und kümmert sich um die Rheingrenze. Die Sommermonate verbringt der Kaiser am Fluss, wo er Befestigungen bauen lässt: große Kastelle wie in Altrip und kleine Burgen wie in Ladenburg. Zudem unternimmt er Feldzüge in die Gebiete der Alamannen.

„Die Städte erhielten Mauern, es wurde investiert“, beschreibt Ulrich Himmelmann den Aufschwung. Und: „Valentinian ist der einzige römische Kaiser, den man mit der Pfälzer Geschichte verbinden kann. Bei ihm weiß man, wo er wann war, weil bekannt ist, wo und wann er welche Gesetze erlassen hat. Zudem waren immer Schriftsteller auf seinen Zügen dabei.“ Im Gegensatz zu seinen Vorgängern ist Valentinian nämlich viel unterwegs und hat Rom nie betreten. 375 stirbt er in Ungarn während Friedensverhandlungen mit gegnerischen Stämmen vermutlich an einem Schlaganfall und wird in Konstantinopel beigesetzt.

Ausstellung ehrt Kaiser

Ihm, der zu den bedeutendsten römischen Kaisern gezählt wird, ist derzeit die Ausstellung „Valentinian I. und die Pfalz in der Spätantike“ im Historischen Museum der Pfalz in Speyer gewidmet. Diese behandelt den aktuellen Forschungsstand zu den Vorgängen in der Region im 4. nachchristlichen Jahrhundert. In der Ausstellung wie auch bei Ausgrabungen in der Pfalz trägt die enge Zusammenarbeit zwischen der Landesarchäologie, dem Historischen Museum der Pfalz und dem Heidelberg Center for Cultural Heritage der Universität Heidelberg reiche Früchte. Auch ein Besuch der römischen Abteilung des Museums lohnt sich, denn hier gibt es Funde aus dem antiken Speyer zu bewundern.

Zurück in de Spätantike. Ab dem frühen 5. Jahrhundert zerfällt das Weströmische Reich. Frühere Forscher zeichneten ein dramatisches Bild dieser Zeit, ein rasches Verschwinden der römischen Kultur. Himmelmann widerspricht: „Es gibt keine Stunde Null in Speyer. Die Besiedlung hört hier nie auf. Wir haben ein großes Gräberfeld, das vom 4. bis zum 6. Jahrhundert kontinuierlich belegt ist. Es gibt einen fließenden Übergang. Die Germanen siedelten außerhalb der Stadt.“

Im Vergleich zu anderen Städten ist über das römische Speyer, das in der Spätantike nach dem hier ansässigen Stamm der Nemeter „Nemetae“ heißt, relativ wenig bekannt. Wird sich das ändern? Davon zeigt sich Ulrich Himmelmann überzeugt: „Wir entdecken hier ein Mosaiksteinchen und da ein Mosaiksteinchen. Wegen der Bebauung gibt es nämlich keine großflächigen Grabungen. Aber ich bin überzeugt, dass wir noch viel finden. Zum einen ist noch viel vorhanden. Zum anderen verfeinern sich die Methoden der Archäologie immer weiter.“

Redaktion