Das Nothaus

Die Corona-Pandemie und die geplante Fusion mit dem Universitätsklinikum Heidelberg haben das Mannheimer Klinikum in den Mittelpunkt des Interesses gerückt. Erste Vorläufer gibt es schon seit mehr als 300 Jahren, den heutigen Standort seit knapp 100 Jahren.

Von 
Peter W. Ragge
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Von barocker Schlossarchitektur angeregt: Oben das von 1913 bis 1922 am Neckarufer errichtete Krankenhaus, heute Universitätsklinikum, auf einer historischen Postkarte. Links unten ein von 1782 stammender Kupferstich der Gebrüder Klauber nach J. F. van der Schlichten vom Borromäus-Hospital mit dem Kirchturm in der Mitte aus Beständen der Reiss-Engelhorn-Museen, rechts unten das alte städtische Krankenhaus in R 5 im Jahr 1922 aus dem Archiv Otto Klauber. © UMM/REM/Marchivum

Sich um kranke oder, wie man früher sagt, sieche Menschen zu kümmern, obliegt über Jahrhunderte zunächst der Familie. Der Bader oder der Barbier ziehen schmerzende Zähne, der – handwerklich ausgebildete –Wundarzt oder Chirurgus kümmert sich um Knochenbrüche oder Verletzungen. Meist hat er keine Praxis, sondern er kommt dazu ins Wirtshaus. Ein wissenschaftlich ausgebildeter Medicus ist selten zur Stelle. Der Aderlass gilt als bestes Heilmittel. Zudem werden stets die Heiligen mit Bitte um Beistand angerufen. Und wo die Familie nicht kann oder wo es keine gibt, da nehmen sich die Kirchengemeinden der Alten und Kranken an, finanziert aus Almosen

Zahlen und Tipps

Anschrift: Universitätsklinikum Mannheim GmbH, Theodor-Kutzer-Ufer 1-3, 68167 Mannheim

Öffnungszeiten: Derzeit sind wegen der Corona-Pandemie keine Besuche gestattet. Um die Gesamtanlage zu sehen, bietet sich ein Spaziergang am nördlichen Neckarufer (Theodor-Kutzer-Ufer) an.

Zahlen: 1352 Betten, 4062 Mitarbeiter (plus 871 und 1648 Studierende in der Fakultät), 49 144 Patienten stationär im Jahr 2019 und 180 136 Patienten ambulant, 6,5 Tage durchschnittliche stationäre Verweildauer. 44 Prozent der Patienten kommen aus Mannheim, 18 Prozent aus Rheinland-Pfalz, 16 Prozent aus Hessen, 14 Prozent aus dem Rhein-Neckar-Kreis und sechs Prozent aus dem übrigen Baden-Württemberg.

Ausstellung: Das Historische Museum der Pfalz Speyer zeigt bis 13. Juni „Medicus“, eine einzigartige kulturhistorische Schau zur Geschichte der Medizin. Während des Corona-Lockdowns gibt es unter www.museum.speyer.de zehn Folgen einer Online-Führung.

Literatur: Axel W. Bauer, Vom Nothaus zum Universitätsklinikum, Verlag Regionalkultur. pwr

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Am 13. Januar 1701 aber verfügt Kurfürst Johann Wilhelm, der wegen der im Pfälzer Erbfolgekrieg (1688-1697) heftig verwüsteten Kurpfalz noch in Düsseldorf residiert, in Mannheim ein Nothaus einzurichten. Die Einrichtung in J 2,14 ist freilich nicht in erster Linie Krankenhaus, sondern Anlaufstelle für Arme und Alte. Man weiß kaum etwas über die Arbeit dort, bedauert Markus Enzenauer vom Marchivum.

Holz für das Spital

Als Mannheim 1720 unter Kurfürst Carl Philipp Residenz wird und wächst, gründet der Regent im Quadrat R 5 das Carl-Borromäus-Spital, 1730 ist die Grundsteinlegung. Aber es „litt von Anfang an darunter, dass es von den Behörden als Sammelplatz aller nur denkbaren Problemfälle benutzt wurde“, so Günther Saltin in seiner Chronik der katholischen Kirche Mannheims.

Finanziert wird das Spital etwa durch die Strafgelder für Gotteslästerungen und Sittlichkeitsvergehen sowie den Sperrkreuzer, den jeder zahlen muss, der nach Abschließen der Stadttore diese noch passieren will. Holzwagen müssen am Stadttor einen Scheit für das Spital abwerfen, und es profitiert vom Monopol zur Herstellung von Spielkarten – das nach 1749 ans Zuchthaus übergeht.

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Allerdings soll es um die „Sittlichkeit“ im Haus nicht gut bestellt gewesen sein, heißt es in alten Überlieferungen. Damit es nicht „zur Brutstätte neuen Elends“ verkomme, schreitet der ab 1742 regierende Kurfürst Carl Theodor ein. Er überträgt 1752 den „Barmherzigen Brüdern“, damals der modernste Hospitalorden und bewährt in der mustergültigen Führung des Hospitals in Neuburg, die Leitung des Hauses.

Geschwüre und Gliederreißen

Sie greifen gleich durch und trennen das Hospital als Krankenhaus im linken Trakt strikt vom Waisenhaus und der Zufluchtsstätte der Armen. Es wird „das erste wirkliche Krankenhaus der Haupt- und Residenzstadt Mannheim“, so das Marchivum. Behandelt werden nicht nur katholische Patienten, sondern Menschen aller Konfessionen. Nach einer Statistik von 1785 entlassen die Fratres von 215 aufgenommenen Kranken als 195 gesund, 20 sterben. Kaltes Fieber (Malaria) ist die häufigste Krankheit, auch Engbrüstigkeit, Entzündungsfieber, Geschwüre und Gliederreißen werden oft genannt. Die Barmherzigen Brüder behandeln Mittellose ebenso wie Menschen, die ihren Aufenthalt zahlen.

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Einen weiteren Schritt zur modernen Gesundheitsfürsorge macht Carl Theodor, als er 1766 – allerdings nur in der Residenzstadt Mannheim – unentgeltliche Krankenpflege für Arme anordnet, damit sie nicht „schlechte Feldscher, Bader, alte Weiber, Scharfrichter oder Quacksalber“ aufsuchen. Dazu wird im Borromäus-Hospital eine Ambulanz gegründet, wo Ärzte kostenlos Dienst leisten müssen. Die Hofapotheke liefert dazu die Arznei.

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Parallel richten mehrere Glaubensgemeinschaften – Reformierte, Lutheraner, Juden – kleinere Hospitäler ein. Besondere Bedeutung kommt dem 1775 als Stiftung gegründeten Katholischen Bürgerhospital zu, zunächst in R 3 und ab 1783 – bis heute, nun als Pflegeheim – in E 6, 1 ansässig. Es profitiert von Stiftungen begüterter Katholiken, besonders aber von Zuwendungen des Kurfürsten. Das Bürgerhospital verfügt gar ab 1789 über eine Druckerei und einen Verlag, der ab 1790 das „Mannheimer Intelligenzblatt“ herausgibt – ein reines Anzeigenblatt, aber doch die älteste Mannheimer Zeitung. 1791 kommt noch das Privileg zum Druck sämtlicher katholischer Schul-, Gebets- und Gesangbücher in der Kurpfalz dazu.

Dagegen geht es dem Borromäus-Hospital nicht gut, „es wirtschaftete von Anfang am Rande des Ruins“, berichtet Günther Saltin. Den Fratres fehlt die breite wirtschaftliche Basis. Zudem kursieren allerlei Vorwürfe, das Haus könne mit dem medizinischen Fortschritt nicht mithalten.

Der ist groß in der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts – und Carl Theodor ja für die Wissenschaften stets sehr aufgeschlossen. Schon seit 1754 müssen Chirurgen und Bader eine Prüfung vor dem „Consilium Medicum“ des Kurfürsten, einer Art frühes Gesundheitsamt, ablegen, das zudem die Apotheken „visitiert“. Ebenso 1754 wird im Militärlazarett in F 6 eine Chirurgenschule sowie eine Anatomie, gestaltet wie ein Amphitheater, eingerichtet. Die Gründung einer Hebammenschule 1766 in N 6 sowie erste Impfungen gegen die Blattern (Pocken) ab 1765 sind weitere Wegmarken.

Die Stadt übernimmt

Für das Borromäus-Hospital kommt aber bald das Ende. Ab 1777 regiert der Kurfürst von München aus, nach Mannheim fließt kaum noch Geld. Im August 1802 verfügt Carl Theodors Nachfolger Maximilan Joseph die Schließung des Borromäus-Hospitals – es ist eine seiner letzten Entscheidungen über Mannheim, das ab November 1802 badisch wird. Danach betreibt die Stadt in dem Gebäude in R 5 ein Arbeitshaus der Armenfürsorge und ein Hospital, ab 1807 offiziell als „Städtisches Krankenhaus“ und ab 1841 im gesamten Gebäude.

Aber es erweist sich als zu klein. Die Stadt kauft nacheinander einen Großteil der Nachbargebäude, stockt auf, baut um oder an. Das zieht sich bis 1902 hin. Mit über 500 Betten wird R 5 zum größten Krankenhaus in Baden, und nach einer zeitgenössischen Schilderung ist „die Verköstigung sehr reichlich“ für die Kranken. An Getränken gibt es „Milch bis zu ein Liter, Wein und Bier nach ärztlicher Vorschrift“.

Es geht so eng zu, dass in der früheren Dragonerkaserne in M 3 Ausweichräume eingerichtet werden. Dabei gibt es um die Jahrhundertwende noch viel mehr Krankenhäuser. Der Stadtführer von 1907 nennt außer dem in R 5 und dem Katholischen Bürgerhospital noch das Militärlazarett in F 6, das Evangelische Bürgerhospital in F 6, ein Diakonissenhaus in F 7, ein Theresienhaus in T 5, ein Jüdisches Krankenhaus in E 5 und ein Krankenhaus Käfertal.

Mehrfach werden von der Stadt Neubauten anstelle von R 5 erwogen und wieder verworfen, elf mögliche Standorte geprüft, darunter der Käfertaler Wald und der Exerzierplatz in die engere Wahl genommen. Doch ein privater Stifter ist schneller: Kurz vor seinem Tod am 1. Februar 1905 stellt Traktor-Fabrikant Heinrich Lanz Geld und einen Teil des Lanz’schen Familienparks neben der Fabrik zur Verfügung, wo ab 1906 das – 1998 abgerissene – Heinrich-Lanz-Krankenhaus entsteht.

Vom Schloss inspiriert

Die Stadt diskutiert da noch. Erst 1911 fällt die Entscheidung, im Neckarpark am Nordufer des Neckars ein neues Krankenhaus zu errichten. Aber es dauert bis 1913, ehe die Bauarbeiten beginnen. Die Planung geht auf Richard Perrey zurück, Leiter des Hochbauamtes und verantwortlich für viele bis heute das Stadtbild prägende Gebäude jener Zeit.

Der 440 Meter lange Bau im Stil des späten Historismus, errichtet aus hellem Klinker und gegliedert mit gelbem Sandstein, sei „von barocker Schlossarchitektur angeregt“, sagt Andreas Schenk, der Architektur-Experte vom Marchivum. „Bei seiner Einweihung galt der aufwendige, riesige Bau als das modernste Krankenhaus Europas“, ergänzt Volker Keller vom Verein Stadtbild, der alle Perrey-Bauten erforscht hat.

Bewusst sind alle Krankenzimmer mit 1140 Betten auf die Süd- und Sonnenseite gelegt, nach Norden die Operationssäle und Laboratorien. Der langgestreckte Bau vereint, mit einem Haupttrakt für die Verwaltung in der Mitte, alle Bereiche. Nur einige Abteilungen hat Perrey bewusst in Einzelhäusern zur Straße hin abgetrennt: drei Pavillonbauten für infektiöse Krankheiten, dazu Häuser für Säuglinge, für Haut- und Geschlechtskranke sowie für Prostituierte und die Pathologie. Dazwischen liegt die Grünanlage mit Springbrunnen. Sie erfüllt „Aufgaben eines Kurparks“, so Schenk.

Als Eingang dient ein prachtvolles Kunstwerk. 1899 hatte Kunstschmied Josef Neuser von der Stadt den Auftrag erhalten, für die 1900 in Paris stattfindende Weltausstellung ein schmiedeeisernes Tor anzufertigen. Es sollte dort das Mannheimer Handwerk präsentieren. Das „Pariser Tor“ mit vier Metern Breite, sechs Metern Höhe und einem Gewicht von 4800 Kilogramm wird auf der Weltausstellung mit einer Goldmedaille ausgezeichnet und soll danach die Kurfürst-Friedrich-Schule in C 6 zieren. Nur leider passt es dort nicht – weshalb Perrey es kurzerhand für das Krankenhaus verwendet.

Sorge wegen Kosten

Wegen des Ersten Weltkriegs verzögert sich die Fertigstellung bis 1922, die Baukosten steigen um das Drei- bis Fünffache. Liest man die Einweihungsrede, die Oberbürgermeister Theodor Kutzer am 8. Juli 1922 hält, wird man sehr an heutige Debatten erinnert. Er rühmt nicht allein das „große Werk, das wir endlich vollenden“ und verspricht, „Arzt und Pflege werden gemeinsam Schmerzen und seelische Benommenheit“ der Patienten lindern. „Möge das Haus seine Pfleglinge gesunden und glücklichen Tagen zurückgeben“, zitiert er einen Spruch, der auf einer Tafel am Eingang steht.

Kutzer spricht ebenso vom Wagnis des Baus, „da neben der Last der Zinsen und der Tilgung des Bauaufwandes die gewaltigen Kosten des Betriebs drohen und schrecken“. Dazu passt, dass den Ärztlichen Direktor Karl Kißling „schwere Bedenken namentlich nach der Seite der Betriebskosten bewegen“, weshalb er „straffe Organisation und rücksichtlose Sparsamkeit“ verspricht. Dennoch bittet er um Verständnis, dass „die Zuschüsse erheblich größer sein werden“ als zuletzt in R 5.

Der Ritterschlag

Immer wieder gibt es Erweiterungen. Das beginnt 1926 bis 1929 mit der Frauenklinik, die aber 1987 abgebrochen wird. 1939, noch kurz vor dem Zweiten Weltkrieg, wird die Bäderabteilung ausgebaut – Ischias und Hexenschuss würden „erfolgreich im elektrischen Wasserbad behandelt“, schreibt die „Neue Mannheimer Zeitung“. Während des Krieges werden viele Abteilungen etwa nach Wallstadt, Weinheim und Wiesloch verlegt, das stark beschädigte Gebäude am Neckarufer aber ab 1949 wieder voll genutzt.

In den späten 1950er und beginnenden 1960er Jahren werden die großen Säle mit bis zu zwölf Betten unterteilt, kleinere Krankenzimmer geschaffen und das Röntgenhaus, die Apotheke und das Schwesternhochhaus (1962 erbaut, 1999 abgebrochen) errichtet. Weil die Zahl der Medizinstudenten wächst und die Universitätskliniken das nicht allein bewältigen können, bezieht das Land die städtischen Krankenhäuser in die Ausbildung des ärztlichen Nachwuchses ein und gründet 1964 die medizinische Fakultät Mannheim der Universität Heidelberg.

Zugleich entstehen Pläne für ein großes, neues Klinikum auf den Feldern in der „Bell“ nördlich von Feudenheim. Sie verschwinden aber, nach heftigem politischen Kampf, wieder in den Schubladen der Landesregierung. Stattdessen wird ab 1974 kräftig im Park am Theodor-Kutzer-Ufer gebaut. Haupthaus (1974), Neubau West (1987) und Neubau Ost (1992) entstehen. Ab 1997 in eine gemeinnützige GmbH umgewandelt, folgt 1998 der Ritterschlag: Seither heißt das Haus offiziell „Universitätsklinikum“.

Redaktion Chefreporter