Carl Theodors Verein

Der jagdbegeisterte Kurfürst war Gründer und erstes Mitglied: Die Schützengesellschaft 1744 ist Mannheims ältester und der einzige noch aus der Barockzeit bestehende Verein. Auch in der Ära des Großherzogs spielte er eine große Rolle.

Von 
Peter W. Ragge
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Die Plexiglas-Schilder sind unübersehbar. Sie tragen das Signet der Unesco, der Kulturorganisation der Vereinten Nationen. „Immaterielles Kulturerbe“ sei das deutsche Schützenwesen, heißt es am Eingang und noch mal innerhalb des Vereinshauses. Seit 2015 hat es diesen Rang. Und einer der ältesten, in dieser Form noch bestehenden deutschen Vereine sitzt in Mannheim – es ist die Schützengesellschaft 1744, entstanden viele Jahrzehnte vor Turnvater Jahn und ersten Gesangvereinen.

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Pokale, Urkunden, kunstvoll von Hand bemalte und noch nach Schwarzpulver riechende Schützenscheiben aus mehreren Jahrhunderten sowie bekannte Namen deuten auf die große Tradition hin. Stolz zeigt Jürgen Muschelknautz, der Vorsitzende und Oberschützenmeister, auf ein rundes, bemaltes Holzteil von 1835: „Unsere älteste erhaltene Scheibe!“ Der 83-Jährige, seit 55 Jahren dabei und seit zehn Jahren an der Vereinsspitze, ist inzwischen selbst wichtiger Teil dieser Geschichte. Sieben Mal hat er den Titel als Deutscher Meister im Kleinkaliberschießen geholt, und bei den Olympischen Spielen 1972 in München ist er als Wertungsrichter bei den Sportschützen gefragt. Jetzt bereitet er den Festakt zum 275-jährigen Bestehen vor. „Ein stolzes Jubiläum“, sagt Muschelknautz.

Die Schützengesellschaft

Anschrift: Schützengesellschaft 1744 Mannheim e.V., In der Au 20, 68259 Mannheim.

Sportarten: Luftgewehr, Kleinkaliber, Zimmerstutzen (Traditionswaffe aus dem Ende des 19. Jahrhunderts), Sportpistole, Luftpistole, jagdliches Schießen, Armbrust, ferner Tennis und Kegeln. Über 500 Mitglieder.

Ausstattung: Luftgewehrhalle mit 28 Schießständen sowie zwölf elektronische Schießstände, Bogenplatz und Bogenhaus, sechs Tennis-Hartplätze, eine Tennishalle, acht vollautomatische Kegelbahnen.

Anfahrt: Zum Vereinsgelände fahren die Straßenbahnlinien 2 und 7, Haltestelle Neckarplatt, dann zu Fuß durch die Unterführung. Zum Jubiläum fährt die Linie 2, Haltestelle Feudenheim Kirche.

Jubiläum: Sonntag, 13. Oktober, 11.30 Uhr Standkonzert vor der Kulturhalle Feudenheim, Spessartstraße, dann 12 Uhr Böllerschießen der Churfürstlich-Privilegierten Böllerschützen Compagnie Churpfalz aus Schwetzingen, 12.30 Uhr Einzug in die Kulturhalle und Festreden, danach Auftritt Duo Hugo und Regina Steegmüller. pwr

Gelände an der Bastion

Dabei reichen die Wurzeln des Vereins eigentlich noch weiter zurück, in die Regentschaft von Karl I. Ludwig, 1649 bis 1680 Kurfürst und Vater der später berühmt gewordenen Liselotte von der Pfalz. Er regiert von Heidelberg aus, Mannheim ist eine – im Dreißigjährigen Krieg stark zerstörte – Festung. Aber schon ab 1649 lassen sich gleich zwei Schützengesellschaften, die Büchsenschützen und die Bogenschützen, nachweisen.

Die Bogenschützen haben ihr – wie man heute sagen würde – Übungsgelände zuerst innerhalb der Bastion am Rheintor, dann außerhalb der Festung ab den 1680er Jahren im Bereich Pflügersgrund in den Neckargärten, der heutigen Neckarstadt. Mit Armbrüsten oder Bogen zielen sie auf Körbe aus Stroh oder Vögel auf der Stange, weshalb das Bollwerk auch „Vogelstang“ genannt wird (nicht zu verwechseln mit dem heutigen Stadtteil gleichen Namens). Aus Ratsprotokollen ergibt sich, dass die Stadt – teils auf Weisung des Kurfürsten – Preise und Imbiss zu stiften hat.

Jagdschloss in Käfertal

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Die Büchsenschützen verfügen über ein eigens Häuslein hinterm Wall, also außerhalb der Festung. 1679 befiehlt der Regent indes, dass auf städtische Kosten ein neues „Schießhaus“ im Niedergrund (heute Jungbusch) zu errichten sei. Das erste große Festschießen findet zwei Jahre nach dem Baubeginn, im Mai 1681, statt. Stadt und Kurfürst stiften die Preise dafür. Die Schützen, so wird aus alten Protokollen deutlich, werden, wenn auch nicht offiziell Bestandteil des Militärs, als Teil der Landesverteidigung gesehen und daher wohlwollend gefördert.

Durch den pfälzischen Erbfolgekrieg 1688 bis 1697 ist aber alles vorbei: Die Festung wird geplündert und dem Erdboden gleichgemacht, das Umland verwüstet. Kurfürst Johann Wilhelm, der wegen der zerstörten Kurpfalz aus der Residenz seiner Herzogtümer Jülich-Berg in Düsseldorf regiert, lässt aber ab 1700 Festung und Rheinschanze wieder aufbauen. Prompt ist in alten Ratsprotokollen auch ab 1700 wieder davon die Rede, dass Büchsenschützen Wettbewerbe veranstalten und dabei unterstützt werden. 1707, zum hundertjährigen Bestehen Mannheims, stiftet der Rat der Stadt gar einen vergoldeten Becher für den Sieger des Jubiläums-Preisschießens.

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Dann gibt es eine Lücke in der Überlieferung – bis zum Jahreswechsel 1742/43. Nach dem Tod seines Onkels Carl Philipp, dem Erbauer des Mannheimer Schlosses, tritt Carl Theodor in der Silvesternacht die Regentschaft an. Er gilt, gerade in den ersten Jahren seiner bis zum Umzug nach München 1778 währenden Amtszeit, als großer Freund der Jagd. Ob entlang der Aleen im Käfertaler Wald von seinem dortigen kleinen Jagdschlösschen aus (heute Käfertalschule), rund um die Sommerresidenz Schwetzingen, im Odenwald oder beim linksrheinischen Oppau – überall frönt er gerne diesem Vergnügen.

Durch die Lappen

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Zweimal wöchentlich, Montag und Donnerstag, weist der Hofkalender für manche Jahre Parforcejagden aus – also Hetzjagden mit Hunden. Häufig gibt es zudem sogenannte „eingestellte Jagden“, bei denen die Tiere eingefangen und durch einen mit an Leinen hängenden Stofflappen begrenzten Weg getrieben werden – direkt vor die Flinte des Kurfürsten. Er muss sie dann nur noch abschießen. Sind die Hirsche und Wildschweine, Schnepfen, Auerhähne und Hasen seitlich entwischt, waren sie eben „durch die Lappen gegangen“ – diese Redensart hat ihren Ursprung in diesem barocken Brauch.

Obwohl er in seiner Amtszeit nie Krieg führt – Waffen mag der Wittelsbacher. So kommt es, dass am 1. Juli 1744 die Vereinsgründung „Ihro Churfürstliche Durchlaucht Carl Theodor gnädigst erlaubet und bewilliget haben“, wie es in der bis heute im Generallandesarchiv in Karlsruhe verwahrten Urkunde in schön verschnörkelter Schrift heißt.

„Einige Liebhaber des Scheiben-Schießens, sowohl Adeliche als Herrn und Bürgern in Mannheim allhier“ dürften „wochentlich ein oder mehrmalen ein ordentliches Büchsen-Schießen anzustellen und zu halten“, so der Kurfürst. „Adeliche, Herrn und Bürger“ werde dies „ohne unterschied und wiederred feyerlichst“ gestattet, freilich mit strenger Auflage. Der Regent mahnt „zur Verhütung aller etwa vorkommenden unordnungen und böswilligkeiten, nach arth und weis, wie solches Frey-Schießen anderer orthen gemäs gehalten und observieret wird“. Fehler und Vergehen sind mit etlichen Kreuzern Strafe belegt.

Dazu erlässt der Kurfürst Regelungen bis ins Detail. „Ist keinem schützen erlaubt mit dem sytengewehr zuschießen, auch nicht ohne Huth“ schreibt er vor. Dazu sei „kein ander gewehr als bürg. Büchsen, wovon der Lauf über acht Pfund nicht wieget“ zugelassen. „Und so einer ein blödes Gesicht hätte, kann sich derselbe eines Glases bedienen“, wie die Erlaubnis für Sehhilfen bei seinerzeit umschrieben wird.

„Der Kurfürst gab dem Verein damit nicht nur Privilegien, sondern über viele Jahrzehnte hinweg, auch nach seiner Amtszeit, ein enorm hohes gesellschaftliches Ansehen“, hebt der heutige Oberschützenmeister Jürgen Muschelknautz hervor. Immerhin hat er prominente Vorgänger: Der als Bauherr von Schloss Neckarhausen bekannte Franz Albert Leopold Fortunat von Oberndorff, später Minister und nach dem Wegzug von Carl Theodor nach München sein Statthalter in der Kurpfalz, wird als einer der ersten Schützenmeister geführt.

Adel und Bürger

Stolz zeigt Muschelknautz die Kopie des „Matricul-Buchs“ von 1750, die älteste vorhandene Mitgliederliste. Als Mitglied mit der Nummer eins wird Carl Theodor geführt, es folgt an zweiter Stelle seine Frau Elisabeth Augusta. Es folgen zahlreiche Mitglieder des Hofstaats. Adelstitel wechseln sich mit hohen Dienstgraden des Militärs ab, aber auch Hofinstrumentaldirektor Christian Cannabich, Chef des zu jener Zeit weltberühmten Mannheimer Orchesters und einer der Komponisten der „Mannheimer Schule“, steht auf dieser Liste. Sie reicht bis 1797 und führt, nach den berühmten Namen zu Beginn, dann auch viele bürgerliche Mannheimer auf.

Ansässig sind die Schützen zu jener Zeit noch im Niedergrund, also im Bereich des heutigen Hafens – bis das Militär Anspruch auf die Fläche erhebt. Daher steht 1843 ein Umzug an. Am 11. August 1844 feiert die „Schießliebhabergesellschaft“ oder auch „Urschützengesellschaft“, wie sie sich wegen der damals schon lange zurückreichenden Tradition nennt, den Einzug in ihr neues Haus. Es entsteht im Gewann Rosengarten – dort, wo sich heute das Kongresszentrum befindet.

Die politischen Umwälzungen der 1848er Jahre machen auch vor dem Verein nicht halt. Im Mai 1848 dienen sich einige Mitglieder der Stadt als Scharfschützenkorps an. Uniformiert mit grüner Jacke und grauer Hose, mit Jagdflinte und Hirschfänger (einer Stichwaffe) wollen sie in diesen revolutionären Zeiten zunächst helfen, die Ordnung aufrecht zu erhalten. Der Gemeinderat erhebt sie gar in den Rang einer eigenen Kompanie der Bürgerwehr. Erster Schützenmeister ist Karl Mathy, Journalist, liberaler Abgeordneter in der Zweiten Kammer der Badischen Ständeversammlung und einst Teilnehmer am „Hambacher Fest“. Eine von ihm 1848 gestiftete Ehrenscheibe existiert noch heute.

Doch wenige Monate später, im Juni 1849, wird die Truppe entwaffnet, da sie doch die Revolution unterstützt. Denn einerseits ist Mathy nach dem Ausbruch der Märzrevolution 1848 kein Radikaler und daher an der provisorischen Landesregierung beteiligt. In dem von ihm mit Friedrich Daniel Bassermann gegründeten Verlags erscheint aber auch die „Deutsche Zeitung“, das wichtigste Organ der gemäßigten Liberalen in der 1848er Revolution.

Auch unter den Schützen finden sich immer mehr Anhänger der Republik oder zumindest einer konstitutionellen Monarchie. So schildert im Mai 1849 die „Deutsche Zeitung“ eine „Parade“ (sprich Demonstration) in Mannheim von Turnern, Arbeitern und dem „schönen, regelmäßig uniformierten Korps der Schützen“, die „für Freiheit und Recht“ auf die Straße gehen. Aber von Ludwigshafen kommend, schlagen preußische Truppen bald den Aufstand zunächst in Mannheim, danach auch in Rastatt nieder.

Geleit für Schiller

Nun regiert unangefochten wieder der Großherzog – und wird über viele Jahrzehnte als Besucher von Mannheimer Preis- und Festschießen sowie Stifter von Pokalen genannt. Eine wichtige Rolle spielen die Schützen im November 1862. Als das von Carl Cauer erstellte Schillerdenkmal vor dem Nationaltheater in B 3 aufgestellt wird, geben die Schützen ihm beim Fackelzug mit Fahnen und Festwagen das Geleit.

Im Jahr darauf ist Mannheim Schauplatz des ersten Badischen Landesschießens – auf einem riesigen Festplatz, der sich vom Gewann Rosengarten bis zum Neckar erstreckt. Das Fest erweist sich aber als zu gigantisch: 2000 Gulden Minus macht der Verein, und der Gemeinderat weigert sich, es zu decken. Drei Jahre später braucht die Stadt die Schützen aber wieder: Weil 1866 im preußisch-österreichischen Krieg die gesamte Garnison badischer Truppen abgerückt ist, fordert der Gemeinderat Turner, Feuerwehr und Schützen auf, als Sicherungsmannschaft in der Stadt nach dem Rechten zu sehen. Das Kommando übernimmt Franz von Davans, genannt „Eisenfranz“ und auch bekannt als erster Hauptmann der Bürgergesellschaft „Räuberhöhle“.

Umzug nach Feudenheim

Ein weiterer tiefer Einschnitt stellt das Jahr 1889 dar. Der Mannheimer Wasserturm am heutigen Friedrichsplatz ist gerade fertiggestellt, da beschließt der Gemeinderat, östlich der Quadrate einen neuen Stadtteil zu entwickeln – die Oststadt. Die Schützen müssen daher weichen. Sie ziehen um die Hauptstraße des damals selbstständigen Orts Feudenheim, der erst 1910 eingemeindet wird. Bis 1928 sind die Schützen hier ansässig. Die Gaststätte, die noch bis zum Bau von vier modernen Stadtvillen ab 2011 besteht, heißt lange weiter „Schützenhaus“.

1928 wird die bis heute bestehende große Anlage am Riedbahndamm, an der Feudenheimer Straße, angelegt – aber im Zweiten Weltkrieg zerstört. Beim Wiederaufbau in den 1950er Jahren, als die Deutschen wieder Waffen besitzen und schießen dürfen, helfen amerikanische Soldaten mit ihren Radladern. 1965 kommen Tennisplätze dazu, im Jahr darauf auch Bogenschießen.

Gerade die Bogenschützen verzeichnen derzeit großen Zulauf. „Das ist gerade ein Trendsport“, so Jürgen Muschelknautz, „da haben wir fast jeden Tag Anfragen“. Beim Schießen gelten strenge Sicherheitsvorschriften, die Waffen lagern in tonnenschweren Tresoren. Es gehe um Sport, betont Muschelknautz: „Das ist eine olympische Disziplin, trägt erheblich zur Förderung der Konzentration bei. Wer hier nur rumballern will, den schicken wir fort, und zwar sofort.“

Redaktion Chefreporter