"Schlechte Musik verschwindet von allein"

POP: Interview mit David Byrne

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Er war seit fünf Jahren nicht mehr auf europäischen Konzertbühnen zu sehen. Jetzt kommt der ehemalige Talking-Heads-Frontmann David Byrne dafür gleich mit achtköpfiger Band und Tänzertrio. Am 14. März tritt Byrne in der Alten Oper Frankfurt im Rahmen seiner Europatour auf, die das Motto "Songs By David Byrne and Brian Eno" trägt - auch wenn Eno selbst nicht auf der Bühne zu erleben sein wird.

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Mister Byrne, Sie wollten Amerika bereits zu Zeiten von Reagan verlassen, weil Sie ihn für einen Idioten hielten. Sind Sie in der Amtszeit von Bush Jr. zum Misanthropen geworden?

DAVID BYRNE: Die Versuchung war groß. Als Bush wiedergewählt wurde, fühlte ich mich wie ein Außerirdischer, weil alle ihre Sinne und ihre Menschlichkeit verloren zu haben schienen. Für einen Künstler ist das zwar kein ungewöhnlicher Gedanke, aber nach und nach schien die Hälfte der Nation so gefühlt zu haben wie ich. Ich war also doch kein Ausländer in einem fremden Land.

In Ihrem neuen Gemeinschaftsalbum mit Brian Eno stellen Sie den Begriff Heimat mehrfach zur Disposition. Weil Sie keine haben?

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BYRNE: Doch, wobei sich mein Heimeligsein weniger an Amerika als Nation, sondern viel mehr an unserer Obsession zur Pop- und Konsumkultur fest macht. Es ist die Sehnsucht nach Markennamen und TV-Shows, also nach einer artifiziellen Heimatauffassung, die unsere Nation zu einer Einheit macht. Deswegen bin ich vermutlich oft gerne alleine.

Sind Sie nie des Entdeckens der so genannten Weltmusik für uns müde geworden?

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BYRNE: Sie sind ja lustig! Natürlich gibt es unglaublichen Müll, der unter dem Oberbegriff Weltmusik vermarktet wird. Und mehr als 20 Jahre später den Terminus neu zu erfinden, würde mich in der Tat ermüden. Ich promote lieber Musik, die mir gefällt, als Energie darauf zu verwenden, die ganzen bescheuerten Sachen schlecht zu reden. Schlechte Musik verschwindet ohnehin meistens von alleine.

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Vergessen Sie nicht, dass die letzte Inkarnation von Michael Jackson wieder auf die Bühne will.

BYRNE: Oh, er! Oder besser: oh, es! Während des Flugs hierher las ich in einer Zeitung, dass das Interieur der Neverland-Ranch versteigert wird. Die Socken und Handschuhe aus der "Thriller"-Ära könnten mich schon in Versuchung führen, aber insbesondere ein Gemälde hat es mir angetan, für das er sich als König zeichnen ließ. Das Gemälde sagt nicht nur etwas über ihn, sondern über ganz Amerika aus.

Inwiefern?

BYRNE: Es drückt unseren Neid gegenüber Europa mit seinem Adel aus. Was macht eine Nation stark? Eine eigene Fluggesellschaft, ein Bier und eine königliche Familie. Ich schätze, dass Michael uns gerne als König Ludwig gedient hätte. Vermutlich sah er es sogar als seine Pflicht an, die Reinkarnation von König Ludwig zu werden, weil er in einer Zeit auf dem kommerziellen Höhepunkt war, als Entertainment noch dem reinen Eskapismus diente. Heute folgt fast alles einem langweiligen Realismus in der Popkultur.

Haben Sie darüber mit Ihrem Freund Brian Eno gesprochen, der Coldplay produziert?

BYRNE: Ich kenne deren Musik zu wenig, um darüber urteilen oder diskutieren zu können.

Das ist echte Diplomatie.

BYRNE: Nein, es ist die Wahrheit. Mich langweilt der Realismus der Photoshop-Gegenwart. Jeder nutzt die neuesten Technologien, aber ich sehe immer weniger der originellen Ideen, die das Nutzen solcher Programme rechtfertigen. Damit verhält es sich wie mit der allgemeinen Wahrnehmung von Kunst. Herz und Hirn müssen strikt getrennt sein, damit die Konfrontation mit dem jeweiligen Kunstwerk nicht zu anstrengend wird. Ich glaube, dass Herz und Hirn immer gleichzeitig stimuliert werden wollen.

Werden Sie deshalb Tänzer auf der Bühne präsentieren, wenn Sie demnächst in Deutschland auf Tour gehen?

BYRNE: Die Tänzer kommen nicht mit, um die Geschichten, die von der Band erzählt werden, zusätzlich darzustellen. Ich habe sie engagiert, um eine zusätzliche Dimension, ein weiteres Level der Unterhaltung bieten zu können. Wenn deren Darbietungen funktionieren, ist das Publikum zunächst meist erstmal überrascht und begreift spätestens nach der ersten Hälfte der Show, warum auf der Bühne getanzt wird.

Dient Ihnen das Tourmotto "Songs of David Byrne and Brian Eno" als roter Faden für die Songauswahl?

BYRNE: Es ist meine Richtlinie, die verhindert, dass ich einfach ein paar Songs für die Bühne zusammenstelle. Sie soll außerdem die Verbindung zwischen dem neuen Gemeinschaftsalbum mit Brian, "My Life In The Bush Of Ghosts", und den alten Talking-Heads-Platten darstellen, die von Brian produziert wurden, auch wenn Brian selbst diesmal nicht dabei sein wird. Das Programm ist durchaus reizvoll für mich, weil ich vor allem die alten Songs auf der Bühne aus ihrer klanglichen Datierbarkeit befreien kann.

Wie viel Pflichterfüllung dem Publikum gegenüber spielt dabei für Sie eine Rolle?

BYRNE: Natürlich verhandelt man mit dem Publikum. Ich weiß, was gewünscht wird, und das Publikum weiß, was ich gerne spielen möchte. Das aktuelle Programm ist sozusagen Resultat dieser Verhandlung. "Once In A Lifetime" und "Burning Down The House" haben ihre aktuelle Live-Existenz dennoch in erster Linie dem Tourmotto zu verdanken. Aber ein Künstler erfüllt keine Pflichten, weil er keine hat. Außer seiner eigenen Integrität zu folgen. Michael Loesl