Musik erzählt das Ungreifbare

POP: Interview mit Hubert von Goisern, der am 3. April im Mannheimer Rosengarten aufspielt

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Von der musikalischen Weltenbummelei - zuletzt zu besichtigen auf der DVD "Goisern Goes East" - hat Hubert von Goisern erst einmal genug. Der 56-Jährige konzentriert sich jetzt auf weniger aufreibende Tourneen - und lässt sich dabei am Freitag, 3. April, im Mannheimer Rosengarten sehen und hören.

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Sie spielen in Tibet, Afrika, Osteuropa, nehmen Musiker wie den Ägypter Mohamed Mounir mit auf Ihre Tourneen - ist Musik für Sie ein Mittel zur Völkerverständigung?

HUBERT VON GOISERN: So würde ich es nicht nennen. Musik ist für mich eine der Sprachen, die es gibt. Also sollte sie auch zur Verständigung verwendet werden. Sie bildet vor allem eine Ebene der Verständigung zwischen der gegenständlichen Welt und der, die es auch noch gibt - also als Mittler zwischen dem Greifbaren und Ungreifbaren, auf anderen Empfindungsebenen als Sprache. Deshalb funktioniert Musik auch über Sprachgrenzen hinweg - was ein Poet nie könnte.

Gab es auf Ihren Reisen schon mal Missverständnisse - dass sich etwa jemand vom Jodeln bedroht oder beleidigt gefühlt hat?

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VON GOISERN: Naa, das habe ich noch nicht wahrgenommen. Nur in einem Dorf in Afrika, in dem ich ohne Band gejodelt habe, fingen die Leute heftig zu lachen an. Das hat ihnen völlig den Stecker gezogen, obwohl sie selbst mit Schnalzlauten, also auch nicht ganz gewöhnlich, singen. In einem Sportstadion in der Ukraine bejubelten die 15 000 Zuschauer den Jodeleinsatz dagegen, als ob gerade ein prachtvolles Feuerwerk losgegangen wäre.

Was ist die ungewöhnlichste Gesangsart, die Ihnen bisher begegnet ist?

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VON GOISERN: Die Gesänge der Innuit-Frauen. Die bestehen nur aus Schnauf- und Atemgeräuschen. Das ist schon extrem.

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Wie sehr ärgert es Sie, dass traditionelle Volksmusik in Deutschland mit dem weichgespülten Industrieprodukt gleichgesetzt wird, das Florian Silbereisen und der Musikantenstadl verarbeiten?

VON GOISERN: Ich kann mit diesen Sachen nichts anfangen. In jungen Jahren hat mich das auch noch erzürnt. Eine Zeit lang habe ich gedacht, die machen die Musik kaputt. Aber das ist es ja nicht. Letztlich gibt es so etwas in jeder Kultur. Denken Sie an die Country-Musikszene in den USA, es ist der Wahnsinn, was da abläuft . . . Letztlich tun die kommerziellen Verzerrungen aber niemandem weh. Sie erreichen aber auch nicht den Zauber, der möglich wäre.

Der Mannheimer Musiker Laurent Leroi hat am hiesigen Theater mal ein Zwiefacher-Liveprojekt gestartet. Äußerst mitreißend, aber ohne dauerhaften Erfolg - warum hat es "German Folk" in seiner explosiven, ursprünglichen Form so schwer?

VON GOISERN: Vielleicht dauert es einfach seine Zeit. Man muss dran bleiben. Oder es liegt an der mangelnden Abwechslung, die das Genre bietet.

Sie arbeiten derzeit viel mit Xavier Naidoo - quasi von Volksmusiker zu Volksmusiker? Er definiert sich ja gern als Künstler für das ganze Volk, also für alle Alters- und Bildungsgruppen . . .

VON GOISERN: So gesehen: ja! Ich finde toll, was er macht und dass er sich so reinhängt - auch mit seinem Weltverbesserungsanspruch. Das ist mutig. Jeder will das zwar, aber die meisten trau'n sich nicht, weil es uncool sein könnte - und letztlich auch unerreichbar. Außerdem ist er ein mordsguater Sänger, der mit den Leuten umgehen kann - ganz großes Kino. Da brauchte ich nicht lang nach Gemeinsamkeiten suchen - wenn die Neugier für den Anderen so groß ist wie bei uns beiden, dann klappt es auch. Und ein Duett ist immer spannender, wenn zwei Leute nicht das Gleiche machen. Und er hat mich dazu inspiriert, mal etwas Hochdeutsches zu machen - das hatte mir sonst immer zu viel Pathos.

Würden Sie so ein Abenteuer wie die Schiffstournee auf der Donau noch mal unternehmen?

VON GOISERN: Das reicht jetzt a mol a Zeit lang. Das war ein Kraftakt, bei dem ich gerade so mit blauem Auge davongekommen bin. Dass wir ein Minus eingefahren haben, ist dabei völlig okay, angesichts dessen, was wir erlebt und auf die seelische Habenseite gebracht haben. Ich bin aber auch etwas ausgebrannt, was die Zusammenarbeit mit so vielen regionalen Künstlern angeht. Die ein, zwei Wochen, die sie bei uns an Bord waren, sind letztlich zu wenig gewesen. Ich hätte mich ihnen gern viel intensiver gewidmet.

Ist Ihr jüngstes Album "S'nix" die ultimative Synergie von Alpinkatzen und Weltmusik-Erfahrungen? Oder fließen die ganzen Einflüsse Ihrer Konzertreisen irgendwann in einer globalisierten Volksmusik-Platte zusammen?

VON GOISERN: Ich habe das Gefühl, das ich mich freigespielt habe von Zwängen. Auf "S'nix" habe ich einfach aus dem Vollen geschöpft - egal ob Weltmusik oder traditionelle Alpenmusik. Wahrscheinlich werde ich mich beim nächsten Mal mehr meinem geografischen Zentrum widmen - live spiele ich ab jetzt nur mehr im deutschsprachigen Raum, wo mich die Leute auch verstehen.

Apropos Verständnis: Können Sie das starke Wahlergebnis der neuen Haider-Partei nachvollziehen?

VON GOISERN: Es ist unglaublich, aber wahr. Allerdings würde ich den Kärntnern zugestehen, dass man sie nicht wegen ein paar Blitzköpfen komplett abschreibt. Immerhin haben es die Freiheitlichen nicht geschafft, und das Schisma zwischen den beiden Rechtsparteien besteht weiter. Jörg-Peter Klotz