Auf der Wartebank der Spaßgesellschaft

Schauspiel: Sandra Strunz zeigt am Nationaltheater Mannheim Becketts Godot-Klassiker

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mer
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Mannheim. „Es geht nicht um schnelle Lösungen“, sagt Regisseurin Sandra Strunz im Nationaltheater (NTM) und weiß doch, dass das Warten als „bewusst sinnfreie Zeit“ in einer Gesellschaft unendlicher Dynamisierung längst Anachronismus geworden ist.

Samuel Koch (Pozzo) mit Robin Krakowski (Lucky). © Michel
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Dass sie genau diesen Zwiespalt in ihrer Interpretation von Samuel Becketts dramatischem Kultwerk „Warten auf Godot“ bis in die finsteren Abgründe existenzieller Ängste auskosten wird, verwundert keineswegs. Denn wer in der Quadratestadt verfolgte, wie Strunz den Mythos Helmut Kohl vor fast genau einem Jahr in Lukas Bärfuss’ „Elefantengeist“ wonnevoll entzauberte, ahnt längst, dass auch die Protagonisten Wladimir und Estragon bei ihr nicht die verfolgten Juden symbolisieren, als die sie historisch so gerne gelesen werden.

Was die Regisseurin dagegen viel mehr interessiert, ist die Erschaffung eines „Assoziationsraums“, in dem einerseits „dieser unglaublich dichte Text“ seine Schwingen entfalten darf, sich andererseits aber auch „vermeintlicher Nonsens als etwas vielfältig Neues erweist“, ohne dabei den Anspruch auf proklamierte Wahrheit zu verfolgen.

Die Konstellation für eine solche Herkulesaufgabe könnte dabei nicht treffender, aber auch kaum schwieriger sein. Denn während sich seit Beginn der Flüchtlingskrise Millionen von Menschen als Gejagte aus einem fremdem System empfinden, lehrt die Jugend die Mächtigen dieser Welt durch ihre Klimaproteste, dass das Warten endlich dem Handeln weichen muss. „All das sind Faktoren, die auch wir nicht ausklammern und ganz bewusst auf den einfachen Menschen beziehen. Denn es sind eben nicht die Schönen und Reichen, die auf das Neue und Bessere warten – es sind du und ich, die auf Rettung und Erlösung warten“, wie Strunz klarstellt.

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Dass die Regisseurin ihren Weltentanz mit zwei Theater-Routiniers wie Martin Weigel (Wladimir) und Matthias Breitenbach (Estragon) in den Hauptrollen begeht, ist dabei keineswegs Zufall, sondern vielmehr Zeichen des unbedingten Willens, den Balanceakt der Vielschichtigkeit durch die „sprachliche Qualität von zwei unglaublichen Künstlern“ sensibel und tiefgründig zu meistern.

Rein physisch denkt sich die Inszenierung daher bewusst vom klassischen Wegesrand fort und hin zu einer entrückten Autoscooter-Bahn, die dem Enthusiasmus vergangener Kirmes-Zeiten längst entrissen ist. Dass Samuel Koch als Pozzo inmitten des umwucherten Kosmos als einziger autonom mobil bleibt, steht als bissige Pointe und sarkastische Wendung einer geistigen Elite zu Buche, die auf der Suche nach dem Höhepunkt auf der Wartebank der Spaßgesellschaft verkümmert.

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Und Godot? „Godot ist das, was wir daraus machen – vielleicht ja auch nur die Zeit, bis während des Wartens etwas geschieht, mit dem wir so gar nicht gerechnet hätten“, wie Sandra Strunz es zusammenfasst – und die Zeit bis zur Premiere selbst kaum noch erwarten kann. mer

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Info: Premiere von „Warten auf Godot“ ist am Samstag, 19. Oktober, 19.30 Uhr im Schauspielhaus des Mannheimer Nationaltheaters. Folgende Termine am 26.10., 9./15./18./30.11.