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Klassik

Als Organist auch gut zu Fuß

Bezirkskantor Johannes Michel präsentiert zu seinem 60. Geburtstag in einer siebenteiligen Konzertreihe seine Orgelwerke

Von 
Hans.-Günter Fischer
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Dass nur tote Komponisten gute Komponisten sind, wie der geniale Spötter Georg Kreisler einmal scherzte, weiß Johannes Michel. Doch zum „hartnäckigen Weiterleben“ ist der Mannheimer Bezirkskantor gleichwohl entschlossen, und auch das darf man ironisch nehmen. Schließlich wird der Mann erst 60. Den Geburtstag will er überwiegend „still und heimlich“ im privaten Rahmen feiern, teilt er mit. Doch an das Publikum ist auch gedacht: Bereits im Vorfeld werden in der Christuskirche stolze 181 Orgelwerke aufgeführt, die Michel in den letzten 40 Jahren komponiert hat. Und das sind noch nicht mal alle: Kurze, oft nur ein paar Takte lange Stücke, die liturgischen Erfordernissen dienen, bleiben außen vor. Dennoch nimmt dieses Unterfangen sieben Abende in Anspruch, immer donnerstags und sonntags finden die Konzerte statt.

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Allein 100 Choralvorspiele oder -fantasien gibt es von Johannes Michel. Angefangen mit „Jauchz’, Erd, und Himmel, juble hell“ von 1982, das sich noch ganz an den Schreibstil seines Vaters Josef Michel anschmiegt, denn auch der war Kirchenmusiker. Werden die Söhne von Kantoren auch wieder Kantoren, so, wie Arztsöhne fast immer Ärzte werden?, fragen wir. Besonders häufig sei die Neigung zur Selbstrekrutierung nicht, erklärt Johannes Michel, seine Kinder jedenfalls plane er nicht ein. Pfarrerssöhne oder -töchter freilich fänden sich recht zahlreich unter den Kantoren.

Seit 23 Jahren ist Johannes Michel an der Christuskirche tätig. Sein Können und seine Erfahrung bringt er als Dozent an der Mannheimer Musikschule und der Hochschule für Kirchenmusik in Heidelberg ein. © Markus Prosswitz

Was die Vorbilder betrifft, nennt Michel hauptsächlich Sigfrid Karg-Elert, einen Komponisten, der im frühen 20. Jahrhundert wirkte und für den er sich oft stark gemacht hat. Weil Karg-Elert eine große Freiheit in der Wahl der Form geübt und außerdem gelehrt habe, „dass man sich jegliche Musik zum Vorbild nehmen“ dürfe. Das betrifft auch die Choralvorspiele oder -fantasien, die um 1900 meistens noch barocken Techniken und Formmodellen folgten. Bei Karg-Elert änderte sich das. Johannes Michel greift es auf, „Lobe den Herren“ etwa habe er „bei einer Volksmusikkapelle abgelauscht“, und im Konzert könnte man fast an eine Kirmesorgel denken, ohne das in irgendeiner Weise abwertend zu meinen. Bei den mehr barockisierenden Choralbearbeitungen wechselt Michel seinen Arbeitsplatz. Verlässt das große, vielgerühmte Instrument der Firma Steinmeyer mit seinen 96 Klangregistern und weit über 7000 Pfeifen und begibt sich über die Empore zur kompakten, schlanken Marcussen-Orgel, die eine gestochen scharfe Artikulation erlaubt. Ein kleiner Rundgang durch das Werk des Komponisten wird zum Rundgang durch die Christuskirche.

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Veröffentlicht
Von
Peter W. Ragge
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Vielfalt ist für Michel ebenso wie Anti-Dogmatismus eine Selbstverständlichkeit. Er widmet sich mit schöner Gleichberechtigung drei Komponier-Weisen: klassisch modern, avantgardistisch und, in über 60 Orgelstücken, Jazz-beeinflusst. Sogar Soul und Gospel greift er auf. Bereits als Jüngling habe er sich für den Jazz begeistert, berichtet Michel. Und bisweilen lässt er selbst die größte Orgel ziemlich lässig swingen –oder wählt in „Mirjams Tanz“ ein Klangregister, das mit seinen tieffrequenten Reibungen an Schlagzeug-Rhythmen denken lässt. Verbunden mit dem Sägen eines Kontrabasses. Und tatsächlich: Dieses Kontrabass-Register gibt es.

Auch zu Fuß ist Michel keineswegs zu unterschätzen: Er hat viele Stücke komponiert, die nur mit der Pedalklaviatur der Orgel arbeiten. Oft dienen sie dem ausgefuchsten Pädagogen Michel für den Unterricht, die sonst oft plumpen Füße lernten so, bei „richtiger“ Musik statt starrer, Lehrbuch-artiger Etüden, Technik und Phrasierung weitaus besser.

In der siebenteiligen Konzertserie heißt „Orgel plus“ das Zauberwort: Es werden jeweils Gäste eingeladen, Instrumentalisten oder Instrumentalistinnen – oder auch Sänger oder Sängerinnen. Kantor Amnon Seelig von der Jüdischen Gemeinde Mannheim ist der erste Gast, er gibt mit warmem, vollem Bariton „Shalom al Israel“ und hat bei der Entstehung dieses Michel-Werks für Singstimme und Orgel mitgewirkt: Seelig beriet den Komponisten hinsichtlich der Sprachbehandlung des Hebräischen.

Die jüdische Kultur beschäftigt Michel sehr. Denn er hat jüdische Familienwurzeln, israelische Verwandte. Er erzählt von seiner Ahnenforschung, dabei geht es selbstredend auch um den Holocaust. Und dass der umtriebige Michel Bücher schreibt, dass neben seinem Organisten-Krimi „Tod im Fernwerk“ (ausführlich in dieser Zeitung rezensiert) eine historische Erkundung mit der Überschrift „Seht, wie man mich zerschlägt in tausend Scherben“ jüngst erschienen ist, verdankt sich solchen Forschungen. Karl Schloß, Dichter und Unternehmer, ist die Hauptperson des letztgenannten Buchs. In Auschwitz wurde er ermordet.

Organist, Chorleiter, Komponist - und (Krimi-)Schriftsteller

Johannes Michel, geboren am 1. Oktober 1962 in Stuttgart, ist in Gaienhofen aufgewachsen, dicht am Bodensee.

Klavier studierte er in Basel, später ließ er sich zum Kirchenmusiker und Organisten ausbilden (in Heidelberg, Frankfurt und Stuttgart).

Für zehn Jahre war Michel Bezirkskantor in Eberbach am Neckar, 1999 kam er an die Christuskirche Mannheim. Er war lange Jahre Landeskantor für Nordbaden und ist mittlerweile stellvertretender Landeskirchenmusikdirektor.

An der Christuskirche leitet er den Bachchor, Kammerchor und das Ensemble Mannheim Vokal.

Er unterrichtet an der Mannheimer Musikhochschule und der Hochschule für Kirchenmusik in Heidelberg.

Als Interpret hat er verschiedene CDs veröffentlicht, etwa mit den Harmonium-Werken von Karg-Elert. Neben Orgelstücken hat er Chormusik, Musik für Blechbläser und vieles mehr geschrieben. Eines seiner großen Vorbilder als Komponist ist Leonard Bernstein.

Die Konzerte mit den Orgelwerken Michels finden in der Christuskirche statt, immer um 19 Uhr. Die Interpretinnen und Interpreten wechseln. Näheres im Internet. Termine: 15. („Barock meets Jazz“), 18. („Kirchenfenster“), 22. („Suite jazzique“), 25. („Epigramme“) und 29. September („Nun danket alle Gott“). HGF

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