Reise

Urzeitliche Gefühle bei den Moschusochsen in Norwegen

Vor rund einer Million Jahren durchstreiften Moschusochsen die riesigen Tundralandschaften Eurasiens. Dank erfolgreicher Wiedereinbürgerung kann man die Tiere heute in Norwegen live erleben.

Von 
Juhran
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Ein Moschusochse im Dovrefjell. © Juhran

Kim van Kooten ist zuversichtlich: „Die Chancen, dass ich Ihnen heute Moschusochsen zeigen kann, sind recht gut.“ Kim ist seit Juni 2019 Rangerin im norwegischen Nationalpark Dovrefjell-Sunndalsfjella – ein Traumjob. „Was kann es Schöneres geben, als täglich in dieser Märchenlandschaft mit ihren wunderbaren Tieren, majestätischen Bergen und glasklarer Luft unterwegs zu sein?“, schwärmt sie. Kims Begeisterung überträgt sich schnell auf die kleine Gruppe deutscher Touristen, die am Morgen von der Ortschaft Oppdal aus zur Moschusochsen-Safari aufgebrochen war. Oppdal ist rund 40 Autominuten vom Nationalpark entfernt. Mit Wanderschuhen, Regenkleidung, Kamera und Lunchpaket ausgerüstet, beginnt die Safari am Eingang des Nationalparks in Grönbakken.

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NORWEGEN

Anreise Mit dem Flugzeug über Amsterdam nach Trondheim z. B. mit KLM, www.klm.com. Weiter mit Leihwagen oder Zug nach Oppdal.

Unterkunft Trondheim: Hotel Scandic Nidelven, DZ/F ab 120 Euro, www.scandichotels.de/

Britannia Hotel mit echter Teatime, DZ/F ab 270 Euro, www.britannia.no/en. Oppdal: Turisthotell, DZ/F ab 125 Euro, www.oppdalturisthotell.com/no

Bortistu Gjestegard, beim Schutzgebiet, DZ/F ab 90 Euro, www.bortistu.no

Essen und Trinken Kraft Bodega, Brattörkaia 17b, Trondheim; leckere lokale und internationale Gerichte in maritimer Atmosphäre direkt am Kai, https://kraftbodega.no

Aktivitäten Oppdal Safari, www.moskussafari.no/de

Allgemeine Informationen www.visitnorway.de

Auf einer Übersichtskarte zeigt Kim, wo sie zuletzt eine Herde sichten konnte. „Da die Tiere nicht mit Chips bestückt sind, müssen wir täglich selbst herausfinden, wo sie sich aufhalten“, erklärt sie. Doch gerade diese Ungewissheit macht die Safari zu einem echten Abenteuer. Niemand kann voraussagen, ob man hier nur zwei oder vielleicht sechs Stunden lang unterwegs ist.

In freudiger Erwartung streift die Gruppe durch eine Landschaft, die durch kleinwüchsige Birken, Blaubeersträucher, Heidekraut und weiße Flechten gekennzeichnet ist. Die Tiere leben auf einem Hochplateau, das von schneebedeckten Bergspitzen umgeben ist. Feuchtbiotope und sandige Täler setzen landschaftliche Kontraste.

„Fast wäre es den Moschusochsen ergangen wie dem Mammut und anderen urweltlichen Tierarten“, erzählt Kim. Er sei der Ausrottung nur deshalb entgangen, weil man rechtzeitig etwas dagegen unternommen habe. In Norwegen wurden zum Beispiel zwischen 1932 und 1953 mehrfach Tiere aus Grönland importiert und im Nationalpark angesiedelt. Hier trafen sie auf günstige Lebensbedingungen mit ausreichend Nahrung, wenigen Bären und Vielfraßen, die ihnen gefährlich werden konnten.

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Die spärliche Bewaldung und die langen Winter bilden ein ideales Umfeld, obwohl ihr Stammgebiet mit rund 100 Quadratkilometern vergleichsweise klein ist. Im Laufe der Jahre konnte die einzige wild lebende Population von Moschusochsen in Kontinentaleuropa von 135 Tieren im Jahr 2003 auf jetzt 300 Tiere anwachsen – ein Riesenerfolg, nachdem die Tiere vor 20 000 Jahren aus der Region verschwunden waren. Und ein Glück für europäische Naturliebhaber, die ansonsten nur in Grönland oder im äußersten Norden Kanadas, Alaskas und Russlands eine Chance hätten, die zotteligen Gesellen zu Gesicht zu bekommen.

Kim bleibt stehen, zupft vom Gebüsch kleine Büschel weichen Unterfells der mit den Ziegen verwandten Horntiere.

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Dann entdeckt sie mit ihrem Fernglas eine Gruppe von neun grasenden Moschusochsen. Langsam pirscht sich die Gruppe bis auf 250 Meter an die Tiere heran. Kim hebt die Hand, sie hat unter den allesamt weiblichen Tieren ein Kalb identifiziert, womit sich eine weitere Annäherung verbietet.

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Auch die Nationalpark-Regeln schreiben vor, einen Mindestabstand von 200 Metern zu wahren. „Moschusochsen kennen keine Furcht“, klärt Kim auf. Bei Gefahr bilden sie einen Kreis und bieten dem Angreifer die Stirn. Anschließend gehen die kräftigen Tiere einzeln zum Angriff über und werden dabei bis zu 60 Kilometer pro Stunde schnell. Zwei Parkbesucher mussten eine unbedachte Annäherung mit ihrem Leben bezahlen. Auch aus sicherer Entfernung wird die Tierbeobachtung vor dem Panorama der faszinierenden Gebirgslandschaft zu einem unvergesslichen Erlebnis. Ruhig äsend stapfen die bis zu 300 Kilo schweren Damen mit gesenkten Hörnern durch die Tundra, zupfen Blätter von Birken und Weiden oder wenden sich genügsam Flechten und Moosen zu. Während des Grasens halten sie es aufgrund ihrer ausgezeichneten Augen und ihres empfindlichen Geruchssinns nicht für nötig, die Köpfe zu heben.

Längst haben sie die kleine Safari-Gruppe ausgemacht und dulden sie auf Abstand. Auch die Kälte macht ihnen nichts aus. Ihr dichtes Unterfell isoliert achtmal stärker als Schafwolle und ist weicher als Kaschmirwolle. „Aktuell leben 60 Kälber im Nationalpark“, sagt Kim. „Kommt Anfang Juni wieder. Das frische Grün lockt die Tiere mit ihrem Nachwuchs ins Tal und man kann sie oft schon von der Straße aus sehen.“