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Romy und die Stasi

In der Lausitz erzählt ein Museum von den unbekannten Seiten der berühmten Schauspielerin.

Von 
Ulrike Wiebrecht
Lesedauer: 
Die Schauspielerin Romy Schneider (hier auf einem Foto von 1974) wurde von der Stasi gesucht. © Horst Ossinger/dpa

Man kann nur darüber spekulieren, was aus Romy Schneider geworden wäre, wenn der Suchbefehl der DDR-Behörden gegen sie Erfolg gehabt hätte. Am 19. Januar 1978 wurde die österreichische Schauspielerin zur Fahndung ausgeschrieben. Als Mitglied des „Schutzkomitees Freiheit und Sozialismus“, in dem sich Intellektuelle und Künstler wie Heinrich Böll, Max Frisch oder Otto Schily für die Freilassung von politischen Gefangenen der DDR einsetzten, hatte sie unter anderem einen Aufruf zur Freilassung von Christian Kunert, Gerulf Pannach und Jürgen Fuchs unterzeichnet. Tatsächlich wurden die drei unter dem Druck der Öffentlichkeit aus dem Stasi-Gefängnis nach Westberlin entlassen. Fortan galt Romy Schneider als Staatsfeindin der DDR.

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Brandenburg

Anreise Mit dem Zug über Leipzig und Priesterwitz nach Senftenberg (www.bahn.de).

Unterkunft Das Strandhotel liegt direkt am Senftenberger See und hat einen eigenen Kajak- und Fahrradverleih, DZ/F ab 120 Euro, www.senftenberger-see.de. Vier-Sterne-Komfort bietet das Seehotel in Großräschen, das auch ein kurioses Fälschermuseum beherbergt. Radler- Arrangement: 2 Tage mit Halbpension und Leihrad ab 139 Euro, https://seehotel-grossraeschen.travdo-hotels.de/de/.

Aktivitäten Alle Infos (Sonderausstellungen, Eintritt und Öffnungszeiten) zum Romy-Schneider-Museum im Schloss Klein Loitz unter https://romyschneidermuseumschlosskleinloitz.business.site. Die Gartenstadt Marga liegt im Senftenberger Ortsteil Brieske, ist jederzeit frei zugänglich und mit Infotafeln ausgestattet, www.senftenberg.de. Das Lausitzer Seenland lässt sich ideal mit dem Fahrrad erkunden. Es gibt unterschiedliche, gut ausgeschilderte Routen, die zwischen sechs und 500 Kilometern lang sind. Unterwegs auf der Tour „Bergmann trifft Seemann“ kann man auch einen Blick in den größten noch bestehenden Tagebau Welzow-Süd werfen, www.lausitzerseenland.de.

Essen und Trinken Vom guten Mittagstisch bis zum abendlichen Cocktail versorgt einen das Hafenbistro Pier 1 am Stadthafen von Senftenberg, https://piereins.de. Nicht nur feinste Schokolade, sondern auch andere Köstlichkeiten gibt es im Café der Confiserie Felicitas, www.felicitas-schokolade.de.

Allgemeine Informationen www.reiseland-brandenburg.de

Das politische Engagement ist eine weniger bekannte Seite der Sissi-Darstellerin. Doch wer Zweifel hat – in der Lausitz kann man sich durch Romys dicke Stasi-Akte wühlen. Ansonsten schmücken Schwarz-Weiß-Fotos des Fotografen Roger Fritz, Briefe und Kleidungsstücke aus dem Nachlass die etwas plüschigen Innenräume von Schloss Klein Kloitz. Ausgerechnet an diesem unscheinbaren Ort in der Lausitz eröffnete 2019 Deutschlands einziges Romy-Schneider-Museum. Wieso gerade hier? „Wir waren auf der Suche nach einem Ort, um unser Archiv der Öffentlichkeit zugänglich zu machen“, erklärt Ariane Rykov, die selbst aus der Lausitz stammt und mit anderen Sammlern einen beträchtlichen Fundus zusammengetragen hat. Da traf es sich gut, dass im Umkreis von Spremberg ein Herrenhaus mit schönem Landschaftsgarten auf seine neue Bestimmung wartete. Bis 2022 soll das Museum fertig eingerichtet sein. Ob die Romy-Schneider-Fans den Weg zu ihm finden?

Kamasutra-Kreationen aus Schokolade

Die Menschen in der Region sind bislang eher skeptisch. Aber das waren sie auch, als ein belgisches Ehepaar 1992 nach seinem Einsatz als Entwicklungshelfer aus Nigeria kam und sich im benachbarten Hornow niederließ, um Schokolade herzustellen. Inzwischen hat die Firma Felicitas mit erstklassigen Pralinen und Hohlfiguren wie Osterhasen oder auch exotischen Kamasutra-Kreationen eine bemerkenswerte Erfolgsgeschichte geschrieben. Ganze Busse reisen an, um sich im Showroom umzusehen und in der Mitmachwerkstatt zu betätigen, bevor sie mit vollen Tüten wieder abreisen.

In der Lausitz ist die Schokolade ebenso exotisch wie Romy Schneider. Aber beides passt zu einer Region, die sich neu erfindet. 150 Jahre stand sie im Zeichen der Braunkohle, für die bis zu 250 Dörfer abgebaggert, ganze Landstriche plattgemacht, die Luft verpestet wurde. Nachdem aus den Tagebauen zwei Milliarden Tonnen Braunkohle geholt wurden, blieb eine wüste Mondlandschaft zurück. Doch die verwandelt sich jetzt in ein Erholungsgebiet mit der größten künstlichen Wasserlandschaft Europas. Es kommen immer mehr Neugierige, um die Metamorphose hautnah mitzuerleben. Sie radeln auf der Seenland-Route an den neuen Ufern entlang, lassen sich den Wind um die Nase wehen und machen zwischendurch an Relikten der Industriegeschichte Station.

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Wie viel Leben sich bald um die 25 Seen entwickeln könnte, zeigt der Senftenberger See. Bereits in den 1970er Jahren aus dem Niemtscher Tagebau hervorgegangen, ist er heute ein Mekka für Wassersportler, die Stadt Senftenberg Synonym für den zukunftweisenden Strukturwandel. Gleich neben dem Wasser bespielt die Neue Bühne Senftenberg ein Amphitheater. Und im Renaissanceschloss beeindruckt neben einem Schaubergwerk die Kunstsammlung Lausitz, bestückt mit 2500 Werken von Künstlern aus der Lausitz oder solchen mit Lausitz-Bezug, darunter Georg Baselitz, Harald Metzkes oder Gerhard Richter.

Ihr schönstes Kleinod verdankt die Stadt wiederum dem Braunkohletagebau: die Gartenstadt Marga im Ortsteil Brieske, die die Ilse Bergbau AG um 1907 herum für ihre Mitarbeiter anlegen ließ. Stadtführerin Jenny Freitag bekommt jedes Mal strahlende Augen, wenn sie Besucher durch die älteste Gartenstadt Deutschlands führt. „Wir hatten das Glück, dass die Wende rechtzeitig kam, sonst gäbe es das alles nicht mehr“, freut sie sich. Zwar stand die Siedlung schon zu DDR-Zeiten unter Denkmalschutz, doch da es keine Baumaterialien gab, sei sie „übelst zerfallen“. Nach der behutsamen Sanierung entfaltet das kreisförmig angeordnete Gebäudeensemble des Dresdener Architekten Georg Heinsius von Mayenburg unglaublichen Charme.

Den Marktplatz flankieren Schule, Kirche und das Kaufhaus, das heute als Sozialkaufhaus Anlaufstelle für Bedürftige ist, sowie die Kaiserkrone, einst ein kulturelles Zentrum. „Damals wurde großer Wert auf Geselligkeit gelegt, es gab einen Gesangsverein, eine Kapelle und einen Fußballverein. Überhaupt war das Konzept sehr sozial“, erklärt die Stadtführerin. So fallen die 78 Wohngebäude unterschiedlich aus. Mal sind es stolze Villen, mal kleinstädtische Wohngebäude. Zur Dresdener Reformarchitektur gesellen sich Jugendstilelemente mit Fachwerk oder Ziegelsockeln. Und immer ein Garten. Früher diente er zur Selbstversorgung, da liefen Hühner, Ziegen und Schweine herum, die Verbindungen zwischen den Häusern sorgten für reges Miteinander. Heute geht es hier sehr ruhig zu. Zumindest, solange die Lausitzbesucher das idyllische Relikt der Bergbaugeschichte noch nicht entdeckt haben.

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