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Reise

Island in Miniaturform auf Heimaey

Nur 40 Fähr-Minuten von der Südküste Islands entfernt liegt Heimaey, die einzige ständig bewohnte Westmännerinsel. Wer sich dorthin verirrt, erlebt Island in Miniaturform – samt zwei Vulkanen, Lavageröll, grünen Felsen und Papageientauchern in der Sommerzeit. Sogar ein Gott hat sich auf der Insel angesiedelt.

Von 
Bernadette Olderdissen
Lesedauer: 
Von den Felsen am Hafen von Heimaey sieht man den Brocken Heimaklettur und das Inseldorf © Bernadette Olderdissen

Gutes Wetter ist, wenn kein Wind geht“, weiß jeder Isländer, und das gilt für die Westmännerinseln erst recht. Hat man das Glück, auf Heimaey einzulaufen, wenn das Wetter seine schlechte Laune mal nicht an der Insel auslässt, ist es wie ein Besuch im Bullerbü von Island. Sonne lässt die grün bewachsenen Felsen erstrahlen und die weißen Häuschen im Hafen streiten sich um den Rang des inselschönsten. Vom turbulenten Leben mit den beiden Vulkanen Eldfell und Helgafell im Inselherzen erzählen zwei Museen, denn erst 1973 verwandelte der Eldfell Heimaey in einen Aschehaufen.

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Was seine Bewohner ebenso geprägt hat wie die Papageientaucherkolonien im Sommer und ein Sport, der manch Wagemutigen ins Inselkrankenhaus schickt. „Wenn kein Wind ist, muss man den Heimaklettur besteigen, unseren Inselfelsen! Bei Wind geht das auch, ist aber schwieriger.“ Spätestens, wenn man vor dem zwar nur 283 Meter hohen, dafür aber fast senkrecht gen Himmel strebenden Ungetüm steht, kommen Zweifel an der Empfehlung der Hotelrezeptionistin auf. Kein Weg, aber eine gut zwei Meter hohe Holzleiter führt nach oben, gefolgt von weiteren Leitern – dazwischen höchstens mal eine Stufe aus Gitternetz. Während man klettert und bangt und sich bei jedem Schritt in Achtsamkeit übt, stellt sie sich dann langsam ein – die Zähigkeit, die den Westmännern und -frauen nachgesagt wird. Was ein Besucher wegen der Aussicht über die gesamte Insel und bis zu den Gletschern des Festlandes auf sich nimmt, ist das Fitnessstudio der Insulaner: im Laufschritt den Heimaklettur rauf und runter.

Westmännerinseln

Anreise Ab Stuttgart über Kopenhagen mit SAS, www.flysas.com. Oder ab Frankfurt direkt mit Icelandair, www.icelandair.com

Unterkunft Hotel Vestmannaeiyjar: Modernes Hotel mit Spa-Bereich und ausladendem Frühstücksbüfett, DZ/F ab etwa 147 Euro oder Ü/F ab etwa 92 Euro, https://hotelvestmannaeyjar.is/ Guesthouse Hamar: Einfache Zimmer mit Bad in der familiengeführten Unterkunft, DZ/F oder Ü/F ab etwa 94 Euro, https://guesthousehamar.is/en/home/ Guesthouse Hamar: Hübsche Cottages mit Küche und toller Ausstattung, Cottage ab 126 Euro, www.ofanleiti.is (nur Isländisch)

Aktivitäten Heimaklettur-Wanderung (bei Nässe, starkem Wind, Schwindel oder Höhenangst besser vermeiden). Besteigung des Eldfell Heimatmuseum Sagnheimar zur Gesamtgeschichte der Westmännerinseln, Öffnungszeiten: 1. 5. bis 1. 9. täglich 11 bis 17 Uhr, sonst Samstag 13 bis 16 Uhr. Vulkanmuseum Edheimar zur Vulkangeschichte der Westmännerinseln und mit interaktiver Ausstellung inklusiv Audioguide zum Ausbruch des Eldfell 1973, Öffnungszeiten täglich 11 bis 17 Uhr.

Allgemeine Informationen Island Tourismus, www.visiticeland.com

Da verwundert es nicht, dass auch der offizielle Inselsport bei Ungeübten schnell zum Rippenbruch führt: „Sprangan“, Klippen-Springen von einem Felsvorsprung zum nächsten. Dafür sind an einem Felsen unweit des Heimaklettur Seile in verschiedenen Höhen befestigt, und mit etwas Glück findet sich ein Insulaner beim Training. „Man muss sich beim Schwingen so drehen, dass man nicht mit dem Rücken an den Felsen klatscht“, erklärt einer der Hobbysportler. „Probiert es ruhig aus, wir haben ein sehr gutes Inselkrankenhaus!“

Es scheint ein Wunder zu sein, aber wie jeder Insulaner stolz erzählt, kamen beim Ausbruch des Eldfell am 23. Januar 1973 weitaus weniger Menschen zu Schaden als beim „Sprangan“ – kein einziger. „Weil an den Tagen zuvor schlechtes Wetter war, lagen alle Fischerboote im Hafen und konnten die Menschen sofort an Land bringen“, erklärt Vilborg orsteinsdóttir vom Sagnheimar Heimatmuseum. „Allerdings wurden 100 Häuser von Lavabomben getroffen oder von Asche verschüttet.“ Jeder, der auf der Insel leben wolle, sei sich der Gefahr eines erneuten Ausbruches bewusst. „Wir stellen unsere Möbel so auf, dass sie nachts auf niemanden drauffallen können, vor allem nicht auf ein Kinderbett.“

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Bevor man den heute friedlich in braun-schwarzes Lavageröll gekleideten Eldfell in nur 15 Minuten besteigt (Achtung, bei Starkwind morgens üppig frühstücken, sonst wird man leicht in den Krater geblasen!), lohnt ein Besuch des topmodernen Museums Eldheimar mit interaktiver Ausstellung zum Vulkangeschehen der Inseln. Als Mahnmal erinnert am Eingang ein zur Hälfte von Asche vergrabenes Haus an das Unglück von 1973. Doch am anschaulichsten prägt sich das omnipräsente Nachtfoto der kleinen weißen Kirche vor dem feuerrot sprudelnden Vulkan ein. Wanderer dürfen sich auf Heimaey nicht nur am Heimaklettur ausprobieren, sondern auch an den Nachbarklippen mit dem „Elefantenfelsen“ und dem pittoresken Westküstenpfad. Kommt nach so viel Action Hunger auf, stillt den „Gott“. „Ich habe mich am Anfang gefragt, warum so viele Touristen unser Namensschild fotografieren“, lacht Sigurur Gíslason, der das auch bei den Insulanern beliebte Restaurant zusammen mit seiner Frau Berglind Sigmardóttir eröffnete. Dabei bedeute „gott“ auf Isländisch einfach „gut“. Und mehr als gut ist in dem Familienbetrieb nicht nur der täglich frische Fisch. „Ich wollte Clean Food, ohne Zucker oder Gluten“, berichtet Sigmardóttir, und ihr Mann, zuvor Chef in der Fine-Dining-Szene, habe dazu kreative Rezepte kreiert. Kreativ ist auch die Restaurant-Ausstattung – mit von den Dörflern bestickten Sitzkissen bis hin zu Bildern heimischer Künstler.

Wer die Kreativität der Westmänner und -frauen nicht nur bei Gott, sondern auch im kommunalen Künstlerhaus bewundern möchte, besucht das unscheinbare Gebäude neben dem Supermarkt Kronan. „Wenn das Schild ,Art Gallery and Workshops‘ draußen steht, ist jemand da“, verrät ein Insulaner. An die 26 Künstler werkeln dort unter anderem an Taschen aus getrockneter Fischhaut, Porträts und Figuren aus Stein. Dass die Muse beim Blick über Felsen und Meer besonders kussfreudig ist, kann ihr niemand verübeln. Doch dass die Insulaner ihren Papageientaucher-Besuch – von etwa Mitte April bis in den August – im Wortsinn zum Fressen gern haben und die putzigen Vögel gerade beim großen Inselfest Anfang August reichlich verputzen, überrascht ein bisschen. Aber wenn die Sonne nach einem Bad im Kitschfarben-Tuschkasten im Atlantik versinkt, ist auch das schnell wieder vergessen.

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