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Glanz des Silver Star

Wer die Vielfalt der USA erleben möchte, steigt am besten in den Nachtzug. Eine Reise mit Retro-Waggons und Mikrowellen-Essen.

Von 
Steve Przybilla
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Jetzt aber schnell! In Richmond, Virginia, macht der Silver Star einen kleinen Zwischenstopp. © Steve Przybilla

Wo ist er bloß? Panisch mustert die Frau in Wagen 13 ihr Abteil. Es fehlt an nichts: zwei Sitze, die sich zu einem Bett zusammenschieben lassen, ein kleines Waschbecken, Handtücher, Klapptisch und sogar eine Toilette, direkt neben dem Sitz. Doch für all das hat die Dame keine Augen. „Wo ist bloß der USB-Anschluss?“, ruft sie in den Gang, noch bevor der Zug überhaupt losgefahren ist. James Thomas, der Schaffner, eilt zu Hilfe: „Sorry, Ma’am, das ist der Silver Star. Hier können wir nur mit Steckdosen dienen.“ Die Frau nickt, stöpselt ihr Handy ein und zieht die Vorhänge zu. Die nächsten Stunden wird man nichts mehr von ihr hören, mit Ausnahme der Klospülung.

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Es ist Montagvormittag, 11.10 Uhr, als sich der Silver Star in Bewegung setzt.

Zugreisen in den USA

Anreise

Flüge nach New York City ab Frankfurt mit Lufthansa (www.lufthansa.com) oder Delta (www.delta.com).

Unterkunft

In New York liegt das Hotel Moxy NYC Chelsea zu Fuß nur wenige Minuten von der Pennsylvania Station entfernt, DZ ab 150 Euro, www.moxychelsea.com.

Zugreise

Fahrten im Privatabteil des Silver Star kosten ab 500 Euro pro Person auf der Strecke New York-Miami. Buchung z. B. bei Gleisnost: www.gleisnost.de. Wer die USA durchqueren möchte, wird bei Lernidee fündig. Eine 14-tägige Reise von New York nach San Francisco kostet ab 6970 Euro, www.lernidee.de.

Aktivitäten

Untapped Cities bietet Führungen durch die New Yorker Bahnhöfe Grand Central Station und Pennsylvania Station an. www.untappedcities.com.

Allgemeine Informationen

www.visittheusa.com; www.nycgo.com PRZ

15 Waggons, 300 Passagiere, Spitzengeschwindigkeit 200 Kilometer pro Stunde. Noch aber rollt er gemächlich über die Gleise, Startpunkt: New York Pennsylvania Station. Das Ziel: Florida. Über 32 Stunden wird die Fahrt bis Miami dauern, 2000 Kilometer, in denen sich nicht nur Landschaften und Temperaturen rapide ändern. Fabrik oder Bauernhof, Glanz oder Gosse – an den Fenstern des Silver Star zieht Amerika in all seinen Facetten vorbei.

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„Nach einer solchen Tour brauche ich immer einen Tag, um mich zu erholen“, erzählt James Thomas. An Bord kontrolliert er nicht nur Fahrkarten, sondern verstaut auch Gepäck, serviert Essen, macht Betten, putzt Toiletten, bespaßt Kinder und weist auf Coronaregeln hin. Seit Ewigkeiten macht er diesen Job, auf seiner Krawatte ist die Zahl 1971 eingestickt: das Gründungsdatum des staatlichen Bahnkonzerns Amtrak. „Wirklich verändert hat sich seitdem nichts“, sagt der 57-Jährige. „Wir haben jetzt WLAN und mehr Steckdosen, aber die meisten Wagen gab es schon, als ich vor 28 Jahren angefangen habe.“ Was auch schon zu einem Grundproblem des Bahnreisens in den USA führt: Mit der romantischen Vorstellung kann die Realität nicht immer mithalten; manche Bundesstaaten werden von Amtrak nicht mal durchquert.

Immerhin, es ist Besserung in Sicht: Das neue Infrastruktur-Gesetz der Biden-Regierung lässt 66 Milliarden Dollar in das marode Eisenbahnnetz fließen. Bis 2035 sollen Phoenix, Nashville und Las Vegas angebunden werden – Metropolen, die bisher ohne Bahnanschluss auskommen mussten. Joe Biden, der als Senator täglich per Zug zur Arbeit gependelt ist, schwärmt von der Rückkehr der Eisenbahn.

13 Uhr. Lunchtime im Speisewagen. Zur Auswahl stehen: Nudeln mit Hackbällchen, Enchiladas, sautierter Lachs mit Jasminreis oder „Chicken à la Rosa“. Das Piepsen der Mikrowelle offenbart, was sich hinter den kulinarischen Verheißungen verbirgt: in Plastikschalen erwärmte Fertigkost. Porzellan sucht man vergeblich; stattdessen stehen mehrere Mülltonnen im Speisewagen. John Toben, ein 60-jähriger Brite, der zum Start einer Weltraumrakete nach Florida fährt, lupft den Deckel seiner Nudelbox. Er lacht. „Vom Essen her ist das nicht der Orientexpress, sondern ein Flugzeug.“

In Richmond, Virginia, hält der Zug für zehn Minuten, ein sogenannter Stretch Stop, bei dem sich die Fahrgäste die Beine vertreten sollen. In der Realität bleiben fast alle an Bord. Diejenigen, die aussteigen, verspüren nicht etwa den Drang nach Bewegung, sondern nach Tabak. So auch John Toben, der Brite. Ihn plagt der Gedanke an die bevorstehende Nachtfahrt. „Ich hab’ gar nichts gegen Übelkeit dabei“, sorgt sich der 60-Jährige. Prompt lädt ihn Schaffner James in den Speisewagen ein: „Trink ein Bier! Das hilft mehr als jede Pille.“

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Am nächsten Morgen erwachen alle in einer neuen Welt. Plötzlich sind die Straßen von Palmen gesäumt, Spanisches Moos hängt von den Bäumen. Beim Stopp in Jacksonville, Florida, ist es 15 Grad wärmer als in New York, obwohl die Sonne gerade erst aufgeht. Der Duft des Südens liegt in der Luft. „Ich habe richtig gut geschlafen“, berichtet John Toben. „Als ich um halb sechs aufgestanden bin, blockierte schon ein anderer Mann die Dusche. Zum Glück war danach noch warmes Wasser da.“

Die Fahrt im Silver Star, sie ist nicht für jeden etwas. Es gibt diejenigen, die sofort ihre Vorhänge schließen und zwölf Stunden lang aufs Handy starren. Und es gibt die anderen, die Lust haben auf fremde Menschen, Miniduschen und Mikrowellen-Nudeln. Zu welcher Gruppe man selbst gehört, weiß man meist erst hinterher. Justin Rivers, ein 43-jähriger New Yorker, bringt es auf den Punkt: „Die meisten Amerikaner träumen davon, Amtrak zu fahren – so lange, bis sie es einmal getan haben.“

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