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Unterwegs in Europa

Geschichte mit Biss

Das polnische „Land der 100 Seen“ beherbergte schon viele Fremde. Nicht alle kamen in Frieden und nur einige blieben. Nun sind alle Besatzer weg, die Windmühlen der Holländer, die Traditionen der Bamberger und einige preußische Prachtbauten aber noch da. Und die Gastfreundschaft der Polen sowieso.

Von 
Bettina Bernhard
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Jetzt essen Sie erst mal ein bisschen was“, spricht der Gastgeber und tischt auf. Ein köstliches Süppchen, einen bunten Salat, frischen Spargel, gegrilltes Gartengemüse, zartes Fleisch, knusprige Kartoffeln, Piroggen, Käse, dann Holunderküchlein, Obst, Nüsse, Eis. Und dazu – „Probieren Sie mal“ – Blütensirup, Obstschorle, Nusslikör, Sekt, Bier, Wein, Wodka. Alles stammt aus eigenem Anbau oder aus der Nachbarschaft von Marek Gradzki, dem Chef des Biohofs Sery Gradzine. Hier im Dorf Linie, wo Straßen keine Namen haben und Verkehrsteilnehmer oft vierbeinig sind, zaubert er mit seinem Team Slow-Food-Festivals in der Tradition polnischer Familienfeiern, die manchmal Tage dauern und dirigiert werden vom Auf- und Abtragen immer neuer Köstlichkeiten. Dazwischen toben die Kinder, die Erwachsenen erzählen.

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Wie Gastgeber Gradzki, dessen Hofhistorie gleich mehrere Kapitel polnisch-deutscher Geschichte enthält. „Ende des 19. Jahrhunderts baute eine deutsche Familie den Hof, doch als 1919 der Großpolenaufstand kam, wollten sie keine polnische Staatsbürgerschaft und gingen. 1939 waren sie wieder da – als Gutsverwalter. Und 1945 mussten sie wieder verschwinden“, fasst Gradzki lapidar zusammen. Danach sei eine Landwirtschaftliche Produktionsgenossenschaft eingezogen, die sich in der Ferkelzucht versuchte. Zuletzt ging der ruinierte Betrieb in Flammen auf. Weder fand sich ein Verursacher noch eine zahlungswillige Versicherung, und so rottete die Brandruine vor sich hin, bis die Gradzkis sie 2003 wieder aufbauten. Und wie: Der offene Holzofen im geräumigen Inneren zählt zu den größten in Europa. Er besteht aus 8,5 Tonnen Ziegelsteinen, Reste der ehemaligen Brennerei des Hofes. Ein deutscher Militärherd von 1885 ergänzt die Kochgelegenheiten. Und während man sitzt und isst und trinkt und redet, schnippelt Piotr Michalski Kräuter, die seine Frau Ewa bündelweise hereinträgt. Gradzkis Frau Dobromilla jongliert Pfannen auf dem offenen Feuer und der Hausherr füllt nach. Bis keiner mehr kann und ein Ausflug in die hauseigene Käserei Bewegung verspricht. Gradzkis Ziegenkäse wurde vielfach ausgezeichnet: Mozzarella, Frischkäse, geräucherter Käse. Mit Knoblauch, Kümmel, Klee. Wehe dem, der das alles verkosten soll...

Gemüse-Chef Piotr © B. Bernhard

Draußen ist blauer Himmel aufgezogen, der Wind hat die Gewitterwolken weggeblasen, goldene Getreidefelder und saftig grüne Wiesen glänzen um die Wette mit den blaugrünen Seen, die dem „Land der 100 Seen“ ihren Namen gaben. Historische Windmühlen zieren die hügelige Landschaft. Die bauten holländische Siedler, durch deren Geschichte man in einem Modell-Garten der Ferienanlage Olandia spazieren kann. Sie residiert in einem Herrenhof aus dem 18. Jahrhundert und Geschäftsführer Damian Michalek präsentiert stolz Alt und Neu: die hölzerne Windmühle und den wiederentdeckten Gewölbekeller oder die Stromversorgung mit Windturbinen, die Bienenzucht und den Ökogemüsegarten. Und natürlich die Lage, Lage, Lage – direkt am See. Waldumrandet und unverbaut lädt er zum Paddeln, Schwimmen, Bootfahren oder dazu, sich treiben zu lassen, Schwalben und Libellen zuzuschauen und dem Kuckuck zu lauschen.

Wasser, Windmühlen, Holland – das ruft nach gemütlicher Radtour. So schön eben, wie das klingt, gestaltet sich die Strecke auf dem 100-Seen-Trail jedoch nicht. Der Weg nach Sierakow führt durch Wald und Wiesen, an verträumten Buchten und blühendem Klatschmohn vorbei und durchs Dorf Gora, übersetzt „kleiner Berg“. Doch das Ziel lohnt: Die im 13. Jahrhundert entstandene Stadt Sierakow quirlt vor Leben und wirkt charmant aus der Zeit gefallen mit Mahnmalen in Sozialistenarchitektur und Läden mit längst vergangener Damenmode. Napoleon-Büsten und -Cafés erinnern an den Franzosen, dessen Russlandfeldzug auch mit einer verlorenen Schlacht hier am Fluss Warthe endete. „Napoleon schätzt man hier, denn im Gegensatz zu Deutschland sieht man keinen Eroberer in ihm, sondern einen Verbündeten gegen die Russen“, erklärt Robert Jedrzejczak. Er hütet als Museumsdirektor die Reste der mittelalterlichen Burg Sierakow, die reich geschmückte Sarkophage eines alten Adelsgeschlechts beherbergt.

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Folgt man der Warthe, landet man in Posen, der Hauptstadt des Verwaltungsbezirks Großpolen. Auch sie ist geschichtsträchtig, hier hinterließen Preußen und Franken ihr Erbe. Vom Ende des 18. Jahrhunderts bis 1918 war Polen aufgeteilt zwischen Preußen und Russland. „Aus Posen haben die Preußen eine Festung gemacht, denn die russische Grenze war direkt nebenan“, erzählt Stadtführerin Katarzyna Tymek. Erst Anfang des 20. Jahrhunderts habe man Posen zur schönen Kaiserstadt umgebaut. Deren Königliche Akademie, so verrät die Stadtführerin schmunzelnd, habe allerdings keinen besonders guten Ruf gehabt, „weil man dort nur preußischen Gehorsam lernte“.

Heute hat Posen acht Hochschulen bei rund 540 000 Einwohnern. Ihnen gilt das alte Kaiserschloss als „schönstes Abschiedsgeschenk der Preußen“. Fast wäre es als Nazisymbol gesprengt worden nach dem Zweiten Weltkrieg, denn Hitler unterhielt hier eine Residenz. Doch der Sprengstoff reichte wohl nicht. Während die Preußen zwar einige Prachtbauten, ansonsten aber eher gemischte Gefühle bei den Polen hinterließen, sind die eingewanderten Bamberger ein Teil der Posener Stadtkultur.

„Nach dem Großen Nordischen Krieg vor 300 Jahren waren viele Dörfer kaputt und es gab keine Versorgung mehr“, erzählt die Stadtführerin. Deshalb habe man fromme katholische Bauern aus Bamberg geholt, denn die hatten das Problem, dass der Hof immer an den ältesten Sohn fiel und die jüngeren leer ausgingen. Etwa 600 Franken kamen, arbeiteten viel und integrierten sich gut. Das wurde ihnen zum Verhängnis, als erst die Nazis, später die polnischen Sozialisten sie vertrieben. Doch nun sei die Kultur Tausender Posener mit Bamberger Wurzeln wieder lebendig im Museum und im Stadtleben.

Im „Bamberka“ am Alten Markt serviert man Knödel, Gans und Bier, außerdem Gebäck, Käse, Heilkräuterlikör, Bonbon-Fudge. Posens Touristikchef Jan Mazurczak begrüßt seine Gäste herzlich: „Jetzt essen Sie erst mal ein bisschen was...“

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Polen

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