Reise

Erfahrungsbericht: Die Besteigung des Kilimandscharo in Tansania

Viele Wege führen auf den Kilimandscharo, den höchsten Berg Afrikas. Auf manchen Pfaden herrscht in der Trekkingsaison ein ziemliches Gedränge. Fast allein ist man beim Aufstieg durch die Western Breach – doch das hat Gründe.

Von 
Klaus Eichmüller
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Blick von der Shira-Kraterebene zum den Kilimandscharo © Klaus Eichmüller

Wer als Bergführer 243-mal auf dem Kilimandscharo war, entwickelt einen Blick für die Kundschaft. Doch der kann täuschen. Am Ende seiner 244. Gipfelbesteigung wird sich Michael Mariwa, 34 Jahre alt und ein Typ wie der junge Denzel Washington, zu einem Geständnis durchringen: Bei der Vorbesprechung der Tour habe er angesichts seiner drei Trekkinggäste nur einen Gedanken gehabt: „Mein Gott, wie wollen die das schaffen?“ Dabei hatten seine Zweifel weniger mit der Menge leerer Bierflaschen Marke „Kilimanjaro“ auf dem Tisch zu tun. Die Skepsis hatte einen anderen Grund. „Warum wollen die ausgerechnet durch die Western Breach, die schwierigste Route am Kilimandscharo, aufsteigen“, wunderte sich der Bergführer.

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TANSANIA

Anreise Von Frankfurt oder München mit dem Flugzeug nach Nairobi in Kenia. Direkt- und Umsteigeflüge bieten Lufthansa, Emirates, Turkish Airlines, Ethiopian Airlines oder Kenya Airways an. Von Nairobi gibt es mehrmals täglich Flüge zum Kilimandscharo-Airport in Tansania. Ausgangspunkt für Touren auf den Berg ist meist die Provinzstadt Moshi.

Unterkunft und Veranstalter In Moshi sind viele kleine Hotels wie das Panama Garden Resort (www.panamagardenresort.co.tz) oder das Park View Hotel (www.pvim.com) auf Trekkingtouristen eingestellt. DZ/F ab 80 Euro. Die beschriebene Tour wurde von Summitclimb (www.summitclimb.de) organisiert und kostet ab 4400 Euro. Dazu kommen Trinkgelder für Träger und Bergführer. Ähnliche Touren bieten Wikinger oder Diamir an. In Moshi gibt es lokale Anbieter, die maßgeschneiderte Angebote zusammenstellen.

Was Sie tun und lassen sollten Unverzichtbar für eine Besteigung des Kilimandscharo sind körperliche Fitness und ausreichende Höhenakklimatisierung. In Moshi und im Bereich der Regenwälder ist Insektenschutz wichtig. Tansania erlaubt keine Plastiktüten.

Allgemeine Informationen Nationalparks unter www.tanzaniaparks.go.tz. Wegen der Regenzeiten konzentriert sich die Trekkingsaison am Kilimandscharo auf Januar und Februar sowie Juni bis Oktober.

Ja, warum nur? Die drei Wanderer aus Deutschland – Ingrid (32), Ulrich (54) und Klaus (66) – hatten sich beim Trekking in Nepal kennengelernt. Dort war die Idee entstanden, miteinander den Kilimandscharo zu besteigen. Der favorisierte Veranstalter bot nur eine Tour an: Zur Akklimatisierung auf den Mount Meru (4566 Meter) im Arusha-Nationalpark, dann ein Erholungstag mit Safari und schließlich der Aufstieg zum Kilimandscharo (5895 Meter) über die Lemosho-Route mit der Variante Western Breach. Das klang spannender als die Standardprogramme über die vollen, ausgetretenen Pfade der Marangu- und Machame-Route.

Eine Woche nach dem ersten Treffen mit Mariwa wird klar, was es mit der Western Breach auf sich hat: Über dem Arrow Glacier Camp auf 4806 Meter Höhe erhebt sich eine steile Schutthalde, an der viele Bergsteiger scheiterten. Erst 1972, 83 Jahre nach der Erstbesteigung des Kilimandscharo, wurde diese Route erstmals erfolgreich durchstiegen. Nachdem dort drei Menschen durch Steinschlag starben, war die Western Breach jahrelang gesperrt. Heute mahnt ein Schild, den Aufstieg spätestens um 5.30 Uhr zu beginnen. Denn nur bei Temperaturen unter null sind der Schutt und der brüchige Fels einigermaßen stabil.

Die Nacht vor dem Gipfelsturm will nicht enden. In wirren Träumen kreischen Affen, ein Büffel bricht durchs Unterholz. Dabei ist es nur der Sturm, der im Arrow Glacier Camp am Zelt rüttelt. Ständig schlägt in der ungewohnten Höhe das Herz hart und unregelmäßig und lässt einen aufschrecken. Die Gedanken kreisen um die immer gleichen Fragen. Was bringt der morgige Tag? Wird es eine Schinderei wie am Mount Meru, als man beim nächtlichen Aufstieg wegen Atemnot und Schwindel ans Aufgeben dachte? War die Vorbereitung für den Kilimandscharo, der noch mal fast 1500 Meter höher ist, ausreichend? Und vor allem: warum durch die Western Breach? Wie kann man nur so naiv sein?

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Endlich ist es 4 Uhr, Zeit zum Aufstehen. Vor dem Zelt stolpert die einzige andere Wandergruppe vorbei. Fünf Amerikaner. Drei von ihnen werden den Gipfel nicht erreichen. Uns bleibt Zeit für ein schnelles Frühstück. Eine Tasse Tee und mit Widerwillen eine Schale Porridge. Dann der Aufbruch. Vorne geht Michael, hinten Frankie, der zweite Bergführer. Über der Gruppe glänzt ein grandioser Sternenhimmel, am Boden funkeln im Licht der Stirnlampen große Kristalle im Vulkangestein. Zurück bleibt die Crew: ein Koch, neun Träger, ein Mann fürs Toilettenzelt.

Mit jedem Schritt wird der Anstieg steiler. Obwohl die Dunkelheit langsam weicht, ist bald kein Pfad mehr zu erkennen. Noch ist der Felsschutt durch den Frost stabil, doch das wird sich ändern. Dann heißt es: zwei Schritte vor, einen rutscht man zurück. Das Keuchen wird lauter. Die Konzentration lässt nach. Ein zu kurzer Sprung über eine tauende Eisrinne endet mit einer Rutschpartie, löst aber zum Glück keinen Steinschlag aus. „Hakuna matata?“, fragt Michael auf Suaheli. „Alles in Ordnung?“ Eine Schürfwunde, nicht der Rede wert. Lieber geht der Blick nach oben und sucht ein nächstes Zwischenziel. Eine Felsrippe scheint in zehn Minuten erreichbar.

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Tatsächlich dauert es bis dorthin eine Stunde. Einfach nicht mehr hochschauen, nur auf den Rucksack des Vordermanns. Schritt für Schritt. Keuchen. Verschnaufpause. Weiter. Schritt für Schritt. Keuchen. Verschnaufen. Hat der Hang kein Ende? Plötzlich geht es sehr schnell. Nach einer leichten Kletterei tut sich überraschend eine schneebedeckte Ebene auf. Der Kraterrand. Nach fünf Stunden und 900 Höhenmetern scheint das Ziel erreicht. Welch ein Irrtum! Während der Rast reißt ein Windstoß die Wolken auf und gibt den Blick auf einen steilen Firnhang frei. „Der Berg will uns verarschen“, stöhnt Ingrid. Da hinauf? Der Bergführer nickt bloß.

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Es folgen zwei Stunden, die nur bruchstückhaft in Erinnerung bleiben. Mal versinken die Wanderer hüfttief im Schnee, mal lässt sie die Angst vor dem Abrutschen auf allen vieren kriechen. „Pole, pole“, gibt Michael das Tempo vor: „Langsam, langsam.“ Wenn der Blick nach oben den höchsten Punkt Afrikas sucht, ploppt wie in einem Computerspiel ein immer noch höherer Schneehaufen auf. Bis dann, wie eine Fata Morgana, doch das Gipfelschild des Uhuru Peak mit der magischen Zahl 5895 zu erkennen ist. Aus den Tränen der Erschöpfung werden Tränen des Glücks. Geschafft. Man liegt sich in den Armen. Wer denkt jetzt daran, dass nach der Gipfelrast ein Abstieg von 2000 Höhenmetern wartet . . .