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Das Gold des Westerwaldes

Krüge und Töpfe, Teller und Tassen, alle mit grau-blauem Dekor: Dafür ist das Kannenbäckerland im Westerwald seit Jahrhunderten bekannt. Heute brechen manche Designer und Keramiker mit der Tradition.

Von 
Bernd F. Meier
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Sigerd Böhmer bei der Arbeit in seiner Keramikwerkstatt. © Bernd Meier/dpa-tmn

Klatsch! Der kleine Tonklumpen gibt ein sattes Geräusch von sich, als Sigerd Böhmer ihn auf die Töpferscheibe wirft. Mit viel Fingerspitzengefühl formt der 59-Jährige aus dem unscheinbaren Klumpen schnell ein bauchiges Gefäß. „Pfeffer- und Salzstreuer sind heute auf der Scheibe“, erzählt der Töpfer den Besuchern seiner Keramikwerkstatt.

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Das Töpferatelier in Höhr-Grenzhausen hat er gemeinsam mit seiner Frau Charlotte in den 1990er Jahren in einer leerstehenden Werkstatt aufgebaut. Die Stadt befindet sich im Westerwaldkreis. Die Region ist seit dem 16. Jahrhundert für ihre Keramik-Tradition bekannt.

Kannenbäckerland

Reiseziel Die Region im Westerwald – zwischen dem Rheintal bei Vallendar im Südwesten und der Stadt Wirges im Nordosten – ist seit dem 16. Jahrhundert für seine Keramiken bekannt. In den Hauptorten Höhr-Grenzhausen und Ransbach-Baumbach befinden sich zahlreiche Keramikwerkstätten. Das Keramikmuseum Westerwald ist eines der größten seiner Art in Europa.

Anreise Mit der Bahn bis Montabaur oder Koblenz, weiter mit dem Bus.

Unterkünfte In der Region gibt es Hotels, Pensionen, Ferienwohnungen, Camping- und Wohnmobilstellplätze. Übernachtungen im Hotel-Doppelzimmer liegen zwischen 90 und 250 Euro pro Nacht.

Informationen Kannenbäckerland-Touristik-Service, Lindenstraße 13, 56203 Höhr-Grenzhausen (im Keramikmuseum; Tel.: 026241/9433, E-Mail: info@kannenbaeckerland.de, Internet: www.kannenbaeckerland.de)

Besucher aus aller Welt kommen dorthin. Und zu den Böhmers. Wegen ihrer kunstvoll bemalten Töpferwaren und wegen des Industriedenkmals nebenan. Denn in der Werkstatt des Ateliers befindet sich einer der größten noch erhaltenen Kann-Öfen der Region, Baujahr 1870.

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Von
Susanne Kaeppele
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„Mit Briketts wurde der riesige Brennofen langsam angeheizt, dann mit Buchenholz weiter befeuert bei über 1200 Grad Celsius. 50 Stunden dauerte der Brand. 300 Kilogramm Kochsalz wurde beigegeben, um so die typischen grau-blauen, salzglasierten Haushaltsgefäße zu bekommen“, erklärt Töpfer Böhmer.

Teller und Tassen, Töpfe, Flaschen, Kannen, Brotkörbe und Bierhumpen entstehen aus dem hochwertigen Ton, der nur wenige Kilometer entfernt gewonnen wird. Auch die bauchigen „Ebbelwoibembel“, Steingutkrüge für den Frankfurter Apfelwein, werden auf diese Weise gebrannt.

Ende des 18. Jahrhunderts bekommt die Region im Westerwald um Höhr-Grenzhausen, Hillscheid, Ransbach-Baumbach und Siershahn den bezeichnenden Namen Kannenbäckerland.

Bauchige Bembel mit Henkelgriff hat die 1884 gegründete Töpferei Girmscheid noch immer im Sortiment. Das Traditionsunternehmen soll die größte Produktpalette der salzglasierten Tonwaren führen. Auf Bestellung fertigt die Töpferei auch individuell beschriftete Teller, Krüge, Krippenfiguren, Schirmständer und Urnen.

In der ehemaligen Steinzeugmanufaktur Merkelbach in Höhr-Grenzhausen geht es weniger traditionell zu. Zwölf Designer und Keramikerinnen haben dort ihre Ateliers und Ausstellungsräume eingerichtet.

Mit dem Namen Kannenbäckerland können die meisten im Merkelbachhof nur wenig anfangen. „Wir schaffen künstlerische Objekte aus Ton, Henkelkrüge sind nicht unser Ding“, sagt Keramiker Andreas Hinder (58). Seine Spezialität sind Tierplastiken aus Ton.

Nahezu alle Designer und Keramiker hatten zuvor die Keramikfachschule in Höhr-Grenzhausen besucht, und sind in der beschaulichen Kleinstadt hängen geblieben. „Hier ist das Zentrum der Keramik in Deutschland mit Schule, Hochschule, Instituten und Forschungseinrichtungen“, sagt Susanne Altzweig (62) von der Keramikgruppe Höhr-Grenzhausen.

Dick Lion (66) aus den Niederlanden kam nach seinen Lehr- und Wanderjahren in den Merkelbachhof. In seinem Atelier entstehen LED-Lampenschirme in klarer Formensprache, am Computer entworfen und auf einer Fräsmaschine in Form gebracht.

Klare Linien zeigt auch das Geschirr aus dem Atelier von Barbara Kaas und Emil Heger. Der Clou ihrer Kollektion: Viele Einzelstücke sind in ihrer Größe kombinierbar. Ihr Stil ist sehr puristisch und steht im krassen Gegensatz zur althergebrachten Kannen-Kultur.

In den Ateliers sind Gäste willkommen, einige Keramiker bieten Töpfer-Workshops an. Besucher sollten sich jedoch vorher über die Öffnungszeiten informieren. Denn an manchen Wochenenden reisen die Keramiker zu Märkten.

Westerwälder Ton wird heute rund um die Orte Boden, Mogendorf, Meudt, Moschheim und Ruppach-Goldhausen gefördert. Das erfahren die Besucher im Tonbergbaumuseum Siershahn. Im Mittelpunkt des Museums steht die Schachtanlage „Gute Hoffnung“, in der Ton noch bis 1979 gefördert wurde. Sie ist das letzte Zeugnis des unterirdischen Tonabbaues.

„Heute kommt der Ton ausschließlich aus Tagebaugruben, etwa vier Millionen Tonnen sind es pro Jahr“, sagt Peter Noll (67). Der pensionierte Keramikingenieur betreut mit Ehrenamtlern das Museum rund um das weiße Gold des Westerwaldes, wie sie den hochwertigen hellen Ton hier voller Stolz nennen.

Wer im Kannenbäckerland unterwegs ist, dem wird klar: Ton ist nicht gleich Ton. Mehr als 250 verschiedene Sorten können in einer Tongrube stecken – mit weißer, roter und schwarzer Färbung. Hochtechnisierte Mischanlagen an den Gruben produzieren den Tonmix für die verschiedenen Anwendungen.

Nur einen Teil der Fördermenge verarbeiten die Keramiker und die Keramikindustrie im Westerwald selbst. Auch in italienischen Fliesen, Ziegelsteinen und Bad-Keramik ist Westerwälder Ton enthalten.

„Unser gebrannter Ton, die Keramik, ist bruch- und feuerfest, säurebeständig und widersteht auch großer Hitze“, sagt Annette Zeischka-Kenzler (54) vom Keramikmuseum Westerwald in Höhr-Grenzhausen.

Beispiele dafür sind die Hitzeschilde von Spaceshuttles aus keramischen Kacheln. Auch die leistungsstarken Bremsen der Formel 1-Rennwagen haben keramische Komponenten, ebenso wie die Isolatoren von Hochspannungsleitungen. dpa

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