Witze, so platt wie das Land

Als Reiseführer begleitet der Komiker „Ausbilder Schmidt“ Rundfahrten durch die Krummhörn in Ostfriesland. Wenn der strenge Kommandant seine Gäste im so genannten Lachbus antreten lässt, bleibt kein Auge trocken.

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Manfred Lädtke
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Der idyllische Hafen des Fischerdörfchens Greetsiel hat auch abseits des Lachbusses einiges zu bieten. © Lädtke

Montagnachmittag in der Krummhörn. „Schied, wo steiht de denn?“ Dass der Lachbus nicht wie angekündigt vor der Greetsieler Touristinformation, sondern abseits auf einem Parkplatz wartet, finden die rund 40 Passagiere nicht wirklich lustig. Zumal das schmucklose Gefährt so gar nichts von einer Spaßkutsche hat. Vielmehr ist es so nüchtern und grau wie der Himmel über der Nordsee. „Wer muckt hier auf?!“, raunzt Ausbilder Schmidt – oder Holger Müller, wie der Komiker im echten Leben heißt – insbesondere männliche Mitreisende an. Für den „Ausbilder“ sind viele Männer nämlich echte Luschen, die er gerne mal anbrüllt. Natürlich nur zum Spaß und nur bei seinen Lachbus-Touren hinterm Deich. Dass man in Ostfriesland aber nicht alles als bare Münze nehmen darf, erkennen die Insassen auf den ersten Blick. Ostfriesische Busse sind stets zehn Meter breit aber nur drei Meter lang, weil immer alle vorne sitzen wollen? Quatsch, stimmt gar nicht.

Tipps und Adressen

  • Handbuch: „Fettnäpfchenführer Ostfriesland“ von Sylvie Gühmann. Voller spaßiger Anekdoten, Conbook Verlag.

Rheinländischer Wahlostfriese

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Ulkiges und Wahres erfahren die Passagiere, während der Omnibus gemächlich über Land- und Dorfstraßen rollt. Als eine Wiese vor den Fenstern auftaucht, erzählt der Wahlostfriese aus dem Rheinland, dass auch andere Landstriche in Ostfriesenwitzen ihr Fett abbekämen. Das hört sich dann so an: Beim Freundschaftsspiel einer Ostfriesenauswahl gegen Bayern München fährt plötzlich ein Zug vorbei. Als die Lok pfeift, glauben die Ostfriesen das Spiel sei aus und verlassen den Platz. 30 Minuten später steht es 1:0 für die Bayern. „Ja, das dauert, bis der hinten angekommen ist“, witzelt der Ausbilder.

Bei der „Tour de Spaß“ sind an diesem Tag nicht allein Touristen an Bord, auch einige ortskundige Ostfriesen sind bei der humoristischen Landpartie dabei. Bis die nächste Möwe kreischt, sind sie mit anderen Businsassen schon per Du. „Lustig bei Euch“, bemerkt ein Mann aus dem Ruhrpott.

Beschaulich zeigt sich Rysum, an dessen Ortsrand die Ausflügler aussteigen. In dem denkmalgeschützten Warfendorf geht es immer rund. Von einer „Kreis“-Straße, die das Dorf komplett umrundet, streben Gassen sternenförmig bis zu einer Kirche auf der sechs Meter hohen Warft. Da die Friesen bis zum Mittelalter keine Deiche kannten, waren die schlicht eingerichteten Gotteshäuser Festungen gegen Sturmfluten und Piraten.

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Prachtstück in dem steinernen Zeitzeugen stürmischer ostfriesischer Geschichte ist Nordeuropas älteste bespielbare Orgel. Um den holländischen Baumeister das heute 563 Jahre alte Instrument zu bezahlen, haben Bauern und Fischer zehn fette Kühe über das Eis nach Holland getrieben.

Auf dem Rückweg zum Bus schlüpft er gleich wieder in die Rolle des Comedian. Am Vorgarten eines Landarbeiterhauses zeigt er auf das geöffnete Gartentor: „Das muss immer auf sein, damit die Pflanzen genug Luft kriegen.“ Die meisten Witze sind auch auf der Rückfahrt so platt wie das Land. Wenn schon Witze, dann auch ein bisschen Witzelogie, also ulkkundliche Ahnenforschung, hebt Kabarettist Müller den Zeigefinger. Dass Ostfriesen den Ostfriesenwitz ganz alleine erfunden haben, sei jedenfalls ein Witz. Ostfriesische und Oldenburger Gymnasiasten waren es, die 1968 bei einem Schulausflug in einer West-Berliner Herberge dem Alkohol frönten und gegenseitig ihre Herkunftsregionen durch den Kakao zogen. Desto voller die Gläser, umso doller die Zoten: Warum zieht ein Ostfriese ein Seil von Emden nach Oldenburg? Antwort: schieben geht nicht.

Nonsens zahlt sich aus

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Zurück im oldenburgischen Ammerland ließ der spätere Professor und Angstforscher Borwin Bandelow seinen Schnapsideen im Schülerblatt „Trompeter“ freien Lauf und karikierte den „Homo ostfrisiensis“ als verschrobenen, trotteligen Hinterwäldler. Mit Hilfe des selbstironischen ostfriesischen Blödelbarden Otto zahlte sich der Nonsens Jahre später vor allem für den Tourismus und damit verbundene Grundstückspreise aus. Die „dösigen“ Friesen mussten fortan nicht mehr jeden Pfennig auf die Parkbank legen, um etwas Geld auf der Bank zu haben.

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Von Rysum bis ins Bauerndorf Pilsum fährt der Lachbus 15 Minuten. Nahe der alles beherrschenden wuchtigen Kreuzkirche reiht sich gegenüber ein unscheinbares Häuschen in die Ortsidylle ein, das es in sich hat. Über einen Pfad führt Holger Müller seine Gäste in ein Theater-Foyer im Hinterhaus. Während in Gläsern der Kommrein-Sekt perlt, rumort es backstage in der „Kleiderkammer“ des Ausbilders. Platz für 54 Popos bietet das „Sehr kleine Theater“, dessen Bühne nun zum Kasernenhof wird.

„Das muss hier alles zack, zack gehen“ macht sich der vom netten Holger Müller zum Kommisskopf mutierte Komödiant selber Beine. „Stillgesessen!“, pfeift der in einen Panzer verliebte Krieger mit Barett, in Stiefeln, Nahkampfhose und mit Sonnenbrille seine Gäste an. Er komme zwar ohne Waffe, aber mit dem Spezialauftrag, seinem Publikum mit Lachsalven einzuheizen.

Nach einer knappen Stunde darf die Stimmungskanone „Vollzug“ melden. Im Foyer werden noch einmal die Gläser gefüllt, bis der Befehl „Abmarsch und aufsitzen“ die Runde macht. Schluss mit lustig? Nein. Das endgültige Ende aller Belustigungen krönt – wie es sich in Ostfriesland gehört – eine Teezeit. Da war doch noch einer… Welche Forderung der Französischen Revolution hat die Ostfriesen sofort überzeugt? „Lieber Tee.“