Land ohne Hast

Urige Wälder, weite Wiesen, unergründliche Seen, wilde Tiere: Das menschenleere Masuren entdeckt man am besten hoch zu Ross.

Von 
Annette Frühauf
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Die Pferde auf dem Hof Eulalia wurden vor dem Schlachter gerettet. © Annette Frühauf

Die Pferde stehen in kleinen Gruppen auf ihrer Weide. Zwei Schimmelstuten stecken ihre Köpfe zusammen. In der Nähe grasen ein paar Kaltblüter auf stämmigen Beinen. Unruhig trabt Danek zwischen ihnen hin und her. Der gescheckte Riese mit der langen, wehenden Mähne weicht geschickt dem Halfter aus, das die 16-jährige Juni in der Hand hält. Nicht einmal der Hafer lockt den Wallach. Foremka, eine braune Stute, und Aria, die unter dichten Wimpern hervorlinst, lassen sich bereits von ihren Reiterinnen den Hals tätscheln. Sie scheinen sich auf den heutigen Ausritt zu freuen und folgen willig zum Sattelplatz.

Masuren

  • Unterkunft Auf dem Gelände der Tierstiftung Eulalia in Piecki kann man auch wohnen. Preis pro Nacht und Person im Familienzimmer inklusive Halbpension ab 55 Euro. Details unter www.reiten-in-den-masuren.de oder www.eulalia.pl. In der Gegend gibt es viele Ferienhäuser, die von privaten Gastgebern vermietet werden. Buchbar z. B. über www.booking.de
  • Allgemeine Informationen Polnisches Fremdenverkehrsamt, www.polen.travel/de
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Friedlich ist es auf dem fast 20 Hektar großen Hof im westlichen Teil Masurens, dessen tierische Bewohner nur knapp dem Tod entronnen sind. „Die meisten Pferde kaufe ich vom Schlachter – als Kiloware“, sagt Eulalia Wojnics, Junis Mutter. Die Besitzerin des Gnadenhofs lebt mit ihrer Familie und über 90 Tieren in der Nähe von Piecki, wo es eine Schule, Einkaufsmöglichkeiten und sogar eine Eisdiele gibt. Seit über 20 Jahren rettet die Pferdenärrin Tiere von der Straße, aus den Fängen von Tierquälern und vor dem Metzger.

„In Polen hat Pferdefleisch eigentlich gar keine Tradition“, erklärt die Tierschützerin in hervorragendem Deutsch. „Die Schlachtpferde werden vor allem nach Italien und Frankreich verkauft.“ In den einstigen Zuchtställen für Trakehner steht heute vor allem schweres polnisches Kaltblut. Rund 500 Kilogramm setzen Fohlen im Jahr an – für die Bauern ein besserer Fleischertrag als bei der Aufzucht von Rindern.

Juni führt inzwischen Srocka zum Stall, die mehr Lust als Danek auf einen Ausritt hat. Die Tiere, die fast das ganze Jahr über auf der Weide und ihm angrenzenden Wäldchen verbringen, werden ausgiebig gestriegelt.

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Am langen Zügel geht es vorbei an den Hühnern, dem chinesischen Schwein Lali und dem Esel Lopez, der wegen einer Fehlstellung der Hufe beim Schlachter gelandet war.

Das Grautier teilt sich mit ein paar Ziegen und Schafen die Weide. Cola, die Hundemischung aus Collie und Berner Sennenhund, begleitet die Reiter ein kurzes Stück. Die Gnadenhof-Besitzerin reitet an der Spitze und erklärt den Reitern, wie die Zügel in der Hand liegen sollen. Dann fällt sie auch schon in Trab und zeigt, wie man sich bei jedem zweiten Schritt leicht aus dem Sattel hebt, um den Pferderücken zu entlasten.

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Es rattern zwar kaum noch Fuhrwerke über die kleinen, oft unbefestigten Straßen, doch die Natur hat sich im ehemaligen Ostpreußen ihre Ursprünglichkeit bewahrt. In den Wäldern sind neben Rehen und Wildschweinen auch Wisente, Elche, Luchse und Dachse zu Hause. Sonnenlicht fällt auf die Kiefern und Birken. Immer wieder duckt sich die Gruppe, um den tief hängenden Ästen auszuweichen.

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Die Pferde kennen den Weg weit besser als ihre Reiter. Warum nicht ihnen die Führung überlassen und einfach die herbe Schönheit ringsherum genießen. Blau schimmert der See durchs Dickicht. Schilf und Binsen säumen das Ufer, von dem lange Holzstege übers Wasser führen. Der Wind kräuselt die glatte Oberfläche. Die Pferde gehen wieder im Schritt, schnauben. Ein seltenes Gefühl von Freiheit breitet sich aus – flutet wohlig durch den Körper. Im Hier und Jetzt spielt Zeit keine Rolle. Eulalia Wojnics schweigt und unterbricht ihre Erzählungen über ihre Heimat, in der deutsche und polnische Geschichte untrennbar verwoben sind. Inzwischen sind die Tiere schneller geworden und traben über die staubige Eichen-Allee ihrem Zuhause entgegen. Wieder zurück auf der Weide mischen sie sich unter ihre Artgenossen. Die Sonne verschwindet langsam hinter den Baumwipfeln und taucht die Pferde in goldenes Licht. Auf einer Bank sitzend, kann man das Schauspiel bis zum letzten Sonnenstrahl genießen. Was für eine Wonne für den Betrachter, den nichts treibt, außer vielleicht die Aussicht auf das Essen von Eulalias Mama, die allabendlich die Gäste mit polnischen Gerichten verwöhnt. Ein letztes Schnauben der Pferde, dann ziehen sie sich langsam in den Schutz der Bäume zurück.