Ganz schön schräg

Im thüringischen Bad Frankenhausen gibt es besondere Perspektiven, wie einen extrem schiefen Kirchturm und ein Riesenbild vom Bauernkrieg.

Von
Ekkehart Eichler
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Kein Knick in der Optik: Der Kirchturm in Bad Frankenhausen neigt sich um fast fünf Grad. © imago/Karina Hessland

Vier Meter sechzig. Als Weg auf dem Boden ein Sechs-Schritte-Klacks. Als Anakonda oder Alligator ein Killer im XXL-Format. Als Sonnenblume ebenso Weltrekord wie als Schneemann. Noch spektakulärer werden vier Meter sechzig dann, wenn sie von der Norm abweichen. Wie etwa am Turm der Oberkirche im thüringischen Bad Frankenhausen. Denn dieser Kirchturm steht schief. Und zwar so extrem, dass er jeden Moment umzustürzen scheint. Vielleicht auch längst umgefallen wäre, hätten nicht findige Köpfe dem dramatischen Drang zum Abkippen statisch Einhalt geboten. Fakt ist: Der Kirchturm von Bad Frankenhausen weicht um genau jene 4,60 Meter von der Lotrechten ab. Mit fast fünf Grad Neigung steht er schiefer als fast alle anderen schiefen Türme auf der Welt.

Der Untergrund gibt unter der Baulast von 2300 Tonnen nach

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Die Ursachen für das Dilemma liegen tief. Im wahren Wortsinn. Denn weit unter Bad Frankenhausen löst Wasser Salz- und Gips-Gestein auf, was zu Hohlraumbildungen und Senkungen führt. Von dieser geologisch instabilen „Kyffhäuser-Südrandstörung“ freilich ahnt Baumeister Friedrich Halle nichts, als er die Kirche „Unserer Lieben Frauen am Berge“ 1382 fertigstellt. Und so gibt im Laufe der Zeit der Untergrund unter den 2300 Tonnen Bauwerkslast immer mehr nach, und der 56 Meter hohe Turm wird sichtbar schiefer und schiefer.

Thüringen

Anreise Autobahn 71 (Abfahrten Artern/Sömmerda) und 38 (Roßla) sowie B 85. Mit dem Zug bis Artern (www.bahn.de), weiter per ÖPNV.

Unterkunft Das traditionsreiche Hotel Thüringer Hof aus dem 18. Jh. inklusive rustikalen Restaurants mit regionaler Küche liegt direkt und ideal an Markt und Kurpark, DZ/F ab 92 Euro, www.thueringer-hof.com. Das Wellnesshotel Residenz liegt oberhalb des Kurparks mit Blick auf den nur zwei Gehminuten entfernten schiefen Turm, DZ/F ab 94 Euro, www.residenz-frankenhausen.de.

Aktivitäten Panorama-Museum Di.-So. 10-17 Uhr, Eintritt 8/3 Euro, auch bei Öffnung momentan wegen Corona keine Führungen, umso mehr ist der Audioguide ein Muss (Kurzführung 25, Langführung 72 Minuten) auch als Gebärdensprachen- und Sehbehindertenführung (40/55 Minuten), www.panorama-museum.de. Schiefer Turm: Außengelände mit Info-Pavillon und Infotafeln frei begehbar, www.der-schiefe-turm.de. Ziele in der Umgebung: Kyffhäuser-Gebirge (Wandergebiet), Kyffhäuser-Denkmal, Barbarossahöhle, Barockdorf Bendeleben (noch ein schiefer Kirchturm), Stausee Kelbra (unter anderem Kranich-Hotspot).

Allgemeine Informationen Tourist-Info Bad Frankenhausen: www.bad-frankenhausen.de, Thüringer Tourismus GmbH, www.thueringen-entdecken.de, www.thueringer-wald.com.

Erstmals erwähnt wird die Abweichung im Jahr 1640. 1760 soll eine neue barocke Turmhaube die Neigung bautechnisch auffangen - diese Gegenkrümmung macht den Anblick heute noch kurioser. Mit einer Vielzahl baulicher Maßnahmen will man im 20. Jahrhundert den Turm retten. So kommen etwa Stützpfeiler zum Einsatz, Ringanker und Flüssigbeton zum Verdichten des Untergrundes. 2011 scheint sein Schicksal trotzdem besiegelt. Die Sanierungskosten sprengen alle Budgets - der Abriss scheint unvermeidlich. In letzter Minute kauft die Stadt den Turm für einen symbolischen Euro, das Land Thüringen finanziert ein Korsett sowie Stützpfeiler, mit denen die weitere Seitwärtsdrift aufgehalten werden soll. Das ist inzwischen getan. Und selbst wenn der Turm wohl weiter ein bauliches Sorgenkind bleiben wird, als Wahrzeichen mit Wiedererkennungswert ist er einmalig.

Neben diesem Kuriosum hat die Kleinstadt aber noch eine andere Attraktion: das Panorama-Museum über der Stadt. Exakt dort hatten sich im Mai 1525 mehr als 8000 Aufständische versammelt, um Recht und Freiheit mit Waffengewalt zu erzwingen. Angeführt vom Reformer und Feldprediger Thomas Müntzer, der zum Kampf gegen die Herrscher-Tyrannen aufrief. Doch die Landsknechte des Fürstenheeres machten kurzen Prozess mit den Bauern, metzelten 6000 gnadenlos nieder und nahmen Müntzer gefangen. Erst gefoltert in der Festung Heldrungen wurde er nur Tage später vor den Toren von Mühlhausen enthauptet, sein Leib aufgespießt, sein Kopf gepfählt.

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Anfang der 1970er Jahre wurde der Beschluss gefasst, am Ort der Schlacht eine Gedenkstätte zu errichten. Mit einem Bauernkrieg-Panorama als zentralem Element. Den Auftrag erhielt der Leipziger Maler Werner Tübke, der 1983 mit den Arbeiten in der Rotunde begann. Auf einer im Kreis gespannten Riesenleinwand von 14 mal 123 Metern –mit insgesamt 1700 Quadratmeter Malfläche. Auch thematisch-inhaltlich sprengt Tübkes Gemälde jegliche bekannte Dimension. Zeigt es doch den gewaltigen Umbruch vom Spätmittelalter zur Frühen Neuzeit, verhandelt aber zugleich Grundthemen der Menschheit wie Liebe und Hass, Geburt und Tod. Wer die Rotunde zum ersten Mal betritt, wird erschlagen, erschüttert, verwirrt, überwältigt. Wo anfangen, wo aufhören in diesem Giganten-Bilderring. Das bildnerische Werk umfasst 3000 Figuren samt ihrer Fülle an Metaphern, Symbolen, Allegorien: Der Sündenfall Adams und Evas, mit dem die Saat der Gewalt beginnt, aber auch Widerstand und Hoffnung. Das in winterlicher Nacht liegende Deutschland am Vorabend der Revolution. Die Schlacht in der Maienlandschaft von Frankenhausen. Müntzer mit gesenkter Bundschuhfahne als Vorahnung der Niederlage. Galgen und Folter als Symbole für die Rache des Siegers. Die Fürsten Europas, die um ihre Länder zocken. Und immer wieder Dämonen, Narren und teuflische Kreaturen. Und all das in altmeisterlicher Formensprache inszeniert von einem der besten figürlichen Maler seiner Zeit. So hinterließ Werner Tübke nicht nur eines der größten und figurenreichsten Gemälde der Kunstgeschichte, seine „Sixtina des Nordens“ begeistert und berührt gleichermaßen auch als Universum menschlicher Leidenschaften - zwischen Karneval und Totentanz. Ein Bilddom, der einlädt zum Staunen und Entdecken, zum Verweilen und Nachdenken. Kunst, die sprachlos macht.