Ein Stück vom Urlaubsglück

Deutschland-Reise: Die Sylter Strandkörbe werden auf der Insel immer noch von Hand geflochten. Echte nordfriesische Wertarbeit, die in der Corona-Krise Urlaubsgefühle auf heimische Terrassen zaubert.

Von 
Brigitte Jurczyk
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Wenn’s andersrum schwierig ist, kommt Sylt zum Touristen. © Ferdinand Graf Luckner

Wenn der himmelblaue Opel Blitz, Baujahr 1950, über die Straßen von Sylt brummt, wissen Eingeweihte: Da wird sich jetzt aber jemand freuen! Willy Trautmann und seine Tochter Svenja liefern nämlich gerade mal wieder einen ihrer Strandkörbe aus. Ein Bild von einem Sonnensitz! Von Hand geflochten und stabil bis in alle Ewigkeit. Und natürlich kutschieren sie die Wertarbeit nicht nur zu den Stränden und Terrassenbesitzern der Nordseeinsel, sondern lassen sie bis zu ihren Kunden nach Kanada und Australien bringen. Gerade jetzt, wo der Tourismus sich schwertut, bringen die Sylter Originale vielen Menschen ein Stück vom Urlaubsglück nach Hause.

Sylt

  • Unterkunft Das privat geführte Hotel Long Island House Sylt liegt am Rande von Westerland: Ein Mix aus amerikanischem Design plus nordischem Charme, mit zehn Zimmern und maritimem Frühstücksbüfett, DZ ab 136 Euro. Elegant logiert man im modernen 5-Sterne-Hotel Budersand in Hörnum mit 200 Kunstwerken, Gourmetrestaurant, Bibliothek, Spa und vielen Kulturveranstaltungen, DZ ab 325 Euro.
  • Strandkorbmanufaktur Sylt Strandkörbe, Hafenstraße 10 in Rantum auf Sylt. Bei einer 45-minütigen Führung kann man den Korbflechtern über die Schulter schauen. Preise für einen Zweisitzer: ab 1790 Euro.
  • Auch an der Ostsee gibt es eine Strandkorb-Manufaktur, und zwar im Seebad Heringsdorf auf der Insel Usedom. Dort werden Strandkörbe schon seit 1925 von Hand gefertigt: Korbwerk Usedom, www.korbwerk.de
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„Bei uns haben sich tatsächlich etliche Anrufer gemeldet, die sonst regelmäßig ihre Ferien auf Sylt verbringen“, sagt Benjamin Trautmann, der neben Vater Willy und Schwester Svenja den Familienbetrieb „Sylt-Strandkörbe“ in Rantum leitet. „Einige gönnen sich jetzt solch einen Zweisitzer als Ersatz für den Urlaub, den sie sonst jedes Jahr bei uns machen.“

Während sich die Sylter Strände merklich leerten, die Restaurants schlossen und die Hotels dichtmachten, kamen die Trautmanns gar nicht mehr mit ihren Aufträgen hinterher. Der Strandkorb als standfester Krisensitz. Ein Seelenstreichler in Corona-Homeoffice-Tagen.

Dabei startet die Geschichte des Insel-Unikums tatsächlich auch in einer Zeit der Not: Der Zweite Weltkrieg ist gerade vorüber, da beginnt der Ex-Soldat Paul Schardt auf Sylt, eine Korbflechterei aufzubauen. Sein Strandkorb unterscheidet sich von dem Modell, das man sonst an der Ostseeküste antrifft, dort wo der Wind- und Sonnenschutz erfunden wurde: Sein Zweisitzer lässt sich nach hinten kippen, während das ursprüngliche Exemplar starr und rundlich in der Form ist. Stiefsohn Willy Trautmann steigt in den 1970er Jahren mit einer abgeschlossenen Tischlerlehre in den Familienbetrieb ein. Die dritte Generation – Tochter Svenja (39) und Sohn Benjamin (32) – ist auch schon seit Jahren mit an Bord. Und weitere 14 Mitarbeiter, die heute sommers wie winters im Süden von Sylt den Platz an der Sonne entstehen lassen.

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Zum Beispiel Cemil Mogar, genannt „Jimmy“. Der gebürtige Kurde hält der norddeutschen Manufaktur schon seit 39 Jahren die Treue.

Er ist zusammen mit weiteren drei Korbflechtern dafür verantwortlich, dass der Corpus des Stuhls diese besondere Optik erhält. Etwa einen halben Tag braucht er zum Flechten des PVC-Materials. Es ersetzt schon seit Jahren das Peddigrohr, aus dem früher die Strandkörbe gefertigt wurden. Deshalb trotzen jetzt bieg- und flechtbare Kunststoffbänder Wind und Regen. Vorzugsweise übrigens in Weiß, das sich so schön mit den blau-weißen Blockstreifen der Polsterung zur Sommerfrische verbindet. Wer sich ins Stoffkontor der Sylter Manufaktur begibt, darf sich auch durch 70 weitere, unterschiedliche Markisenstoffe wühlen.

Die Strandkörbe halten mehr als 25 Jahre

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Aber bevor die zum Einsatz kommen, muss zunächst der Tischler Rahmen- und Kleinteile aus Holz anfertigen. In der Taucherei werden sie lasiert und witterungsfest imprägniert. Nach dem Trocknen setzt sich dann der Korbflechter an sein Werk. Etwa 500 Meter Kunststoffbänder verbraucht er, bevor der Korb fertig ist. Nach dem Zuschneiden der Markisenstoffe und dem Polstern und Beziehen der Sitzflächen, Fußrasten und Seitenteile kann dann der Stuhl zusammengesetzt werden. Die ganze Prozedur dauert etwa acht bis zehn Stunden und erklärt den hohen Preis des Garten- und Terrassenmöbels. Das Standardmodell ist ab 1790 Euro zu haben. Eine norddeutsche Wertarbeit, die auf der ganzen Welt geschätzt wird. Selbst das renommierte Londoner Nobel-Kaufhaus Harrods hat „Sylt Strandkörbe“ in die ausgesuchte Liste der Lieferanten aufgenommen – ein Ritterschlag!

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Die drei Trautmanns attestieren ihren handgemachten „Westküstenmodellen“ mit dem eingestickten Sylt-Logo denn auch ein Leben von 25 Jahren und mehr – und das, obwohl sie das ganze Jahr über draußen stehen können. „Manchmal erfüllen wir Kunden auch Extrawünsche“, verraten die Nordfriesen und erzählen von extrabreiten Modellen, wärmenden Heizungen im Sitz oder eingebauten Lautsprechern, die beim Hineinsetzen mit Möwengeschrei und Nordseerauschen aufwarten – fürs Ferienfeeling.