Campern den Hof machen

Nicht nur zur Corona-Zeit: Ferien auf dem Bauernhof, aber mit dem eigenen Wohnmobil, werden bei Familien immer beliebter.

Von 
Gabriele Beautemps
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Frieda, das Haus- und Hofschwein, kennt das Szenario. Sobald Bauer Michael Heizmann am frühen Abend zum Schafefüttern ruft, ist er in null Komma nichts von einer Kinderschar umringt. Und Frieda muss sich damit abfinden, dass sie vorläufig keine weiteren Streicheleinheiten ergattern kann. Denn die Kinder sind in Richtung Schafe verschwunden. Tiere füttern und streicheln, frische Eier aus dem Stall holen und auf dem Traktor durch die Gegend zockeln: Das zieht offenbar auch im Jahr 2021 noch, auf dem Haberjockelshof der Familie Heinzmann oberhalb vom Titisee genauso wie auf den anderen 1300 Höfen in Baden-Württemberg, die an Feriengäste vermieten.

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Immer mehr landwirtschaftliche Betriebe bieten neben Ferienwohnungen auch Wohnmobilstellplätze an. Die Nachfrage ist gerade in Zeiten von Corona gestiegen. Viele Gäste suchen Erholung in den eigenen, mobilen Wänden. Sie wollen Natur erleben, gerne nicht allzu weit vom Wohnort entfernt. Vorreiter in Sachen Camping auf dem Bauernhof ist der Kirnermarteshof im Dreisamtal. Carolin und Tobias Jantz machen dort schon seit einigen Jahren Campern den Hof.

Auf den Obstwiesen unterhalb des Gehöfts haben sie einen Campingplatz mit 45 Stellplätzen geschaffen. Zum Frühstück gibt’s Milch von glücklichen Kühen, zum geselligen Abend vorm Wohnwagen selbst gebrannte Schnäpse und vor allem Tiere: Ziegen, Kühe, Katzen, Hasen sowie Ponys.

Die familiäre Atmosphäre macht den Charme von Bauernhof-Camping aus. Es gibt in der Regel nur wenige Stellplätze, man kommt leicht ins Gespräch. „Die Gäste aus der Stadt mögen den Austausch. Sie sind neugierig, wollen was erfahren über die Landwirtschaft“, sagt Constanze Bröhmer von der Landesarbeitsgemeinschaft Urlaub auf dem Bauernhof in Baden-Württemberg (LAG). Michael Heinzmann vom Haberjockelshof spricht vom Lernort Bauernhof. Wenn die Gäste seine Kobe-Rinder auf der Weide entdeckt haben, wollen sie mehr wissen. Zum Beispiel, warum ein Kilo dieses Edelfleisches 320 Euro kostet. Von Annette Zimmermann vom Reeshof in Horben, südlich von Freiburg, bekommen Gäste, die es wissen wollen, Tipps für den eigenen Garten. Und jedes Gästekind darf sich für die Zeit des Urlaubs um ein Pflegetier kümmern - um einen der Zwergwidderhasen oder um Wilma, die zahme Ziege. „Die meisten Kinder sind unheimlich stolz und nehmen ihre Aufgabe sehr ernst“, sagt die Bäuerin. Viele schauen schon vorm Frühstück, ob’s ihrem Tier gut geht. Außerdem dürfen die Kinder morgens die Eier im Hühnerstall abholen. „Anfangs sind die meisten irritiert, dass die Eier noch warm sind“, erzählt Annette Zimmermann. Die Vermieterin war früher bei der Stadtverwaltung, Kfz-Zulassungen. Irgendwann hat sie ihren Bürojob aufgegeben und widmet sich seitdem mit Leib und Seele den Feriengästen und ebenso dem Gemüse- und Kräuteranbau. Ehemann Roland versorgt im Nebenerwerb die Landwirtschaft, einen Grünlandbetrieb mit Mutterkuhhaltung. Und Tochter Isabelle kümmert sich um die Haflinger und Ponys, die auch die Gäste reiten dürfen. Annette Zimmermann trauert ihrem Job bei der Stadt keine Minute hinterher. Sie ist davon überzeugt, dass das Leben auf dem Bauernhof den Menschen guttut. „Viele Gäste kommen gestresst an und fahren gelassen wieder ab“, so ihre Beobachtung.

Die Gäste fahren gelassen wieder ab

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Die meisten Höfe haben nicht mehr als zwei oder drei Stellplätze anzubieten. „Wir würden gerne mehr einrichten, allerdings sind die Auflagen sehr hoch“, sagt Michael Heinzmann. Die strikte Regelung soll eine weitere Zersiedlung der Landschaft verhindern, heißt es von den Genehmigungsbehörden. Ein Argument, das Constanze Bröhmer zwar nachvollziehen kann. „Doch die meisten unserer Betriebe sind ökologisch orientiert. Die haben gar kein Interesse daran, ihren Hof zuzubetonieren. Das würde ihnen die Geschäftsgrundlage entziehen.“