Wohnen - Wer in einem Mehrfamilienhaus lebt, braucht manchmal gute Nerven / Gesetze schützen vor Krach / Kinder dürfen auch mal laut sein

Diese Rechte haben Nachbarn bei Lärm

Von 
Falk Zielke
Lesedauer: 
Niemand kann seine Wohnung oder den Balkon geräuschlos nutzen. Dennoch sollte man Rücksicht auf die Nachbarinnen und Nachbarn nehmen. © dpa

Berlin. Lärm ist für viele Mieterinnen und Mieter ein Problem: Laut Umweltbundesamt fühlen sich fast 60 Prozent der Befragten vom Lärm ihrer Nachbarn gestört. Nur: Was laut ist, wird sehr unterschiedlich bewertet. Es gibt aber Regelungen, an denen sich jeder orientieren kann.

AdUnit urban-intext1

„Was zulässig ist und was nicht, ergibt sich aus mehreren Vorschriften und Gesetzen“, erklärt Julia Wagner vom Eigentümerverband Haus & Grund Deutschland. Wichtig für das Zusammenleben in einem Mehrfamilienhaus sind etwa das Bundesimmissionsschutzgesetz (BImSchG) oder die Technische Anleitung zum Schutz gegen Lärm (TA Lärm). Hinzu kommen zahlreiche landesrechtliche und kommunale Bestimmungen sowie die Vorgaben des Mietvertrages.

Orientierung für Gerichte

Kinder gelten im Gesetz nicht als Lärmquellen

Manche Geräuschquellen sind geschützt, Kinder zum Beispiel.

In Paragraf 22 des Bundesimmissionsschutzgesetzes heißt es dazu: „Geräuscheinwirkungen, die von Kindertageseinrichtungen, Kinderspielplätzen und ähnlichen Einrichtungen wie beispielsweise Ballspielplätzen durch Kinder hervorgerufen werden, sind im Regelfall keine schädliche Umwelteinwirkung.“

Stört sich also jemand am Lärm vom Spielplatz oder der Rasselbande von oben, kann er zumindest juristisch nur schwer etwas dagegen unternehmen.

Unruhe, die infolge des normalen Spiel- und Bewegungstriebes von Kindern entsteht, müssen Nachbarn aushalten, erklärt der Mieterbund.

Sind Kinder zum Beispiel laut, bevor sie das Haus morgens in Richtung Kindergarten oder Schule verlassen, rechtfertigt das keine Mietminderung, entschied das Landgericht München (Az.: I 31 S 20796/04).

Auch nächtliches Weinen und Schreien von Kleinkindern oder Säuglingen kann niemand verhindern, Nachbarinnen und Nachbarn müssen das aushalten.

Allerdings hat alles seine Grenzen: Fußball spielen in der Wohnung, Rollschuh- oder Fahrradfahren im Hausflur oder Treppenhaus müssen Nachbarinnen und Nachbarn nicht klaglos akzeptieren, erklärt der Mieterbund.

Auch während der allgemeinen Ruhezeiten sollten Eltern und Kinder Rücksicht nehmen. Bei Problemen rät Julia Wagner von Haus & Grund zunächst zum direkten Gespräch. dpa

Zweck des Bundesimmissionsschutzgesetzes ist es, Menschen, Tiere und Pflanzen, den Boden, das Wasser, die Atmosphäre sowie Kultur- und sonstige Sachgüter vor schädlichen Umwelteinwirkungen zu schützen und dem Entstehen schädlicher Umwelteinwirkungen vorzubeugen. „Zu den schädlichen Umwelteinwirkungen zählt auch Lärm“, so Wagner.

Die Vorgaben der entsprechenden Gesetze richten sich zwar nicht explizit an Vermieter oder Mieter. „Doch die Gerichte orientieren sich bei Miet- oder Nachbarschaftsstreitigkeiten oft daran“, sagt die Juristin.

AdUnit urban-intext2

Ein Beispiel: Die 32. Verordnung zur Durchführung des Bundesimmissionsschutzgesetzes regelt eigentlich den Betrieb von Geräten und Maschinen im Freien. Das hat auch eine Bedeutung für Mieter oder Eigentümer. Denn laut Paragraf 7 dürfen Geräte und Maschinen an Sonn- und Feiertagen ganztägig sowie an Werktagen in der Zeit von 20 Uhr bis 7 Uhr nicht betrieben werden.

Das heißt auch: Bohrmaschine oder Rasenmäher dürfen in diesen Zeiten nicht benutzt werden. „Aus dieser Vorgabe lässt sich also eine Nacht- und Feiertagsruhe ableiten“, sagt Wagner.

AdUnit urban-intext3

Auch durch Immissionsschutzgesetze der Länder wird die Zeit zwischen 22 und 6 Uhr besonders geschützt. „Während dieser Zeit sind alle Tätigkeiten verboten, die die Nachtruhe stören könnten“, erklärt der Deutsche Mieterbund (DMB). Das heißt: Keine Hausmusik mehr und auch Fernseher, Radio oder Boom-Box sollten auf Zimmerlautstärke laufen.

AdUnit urban-intext4

Bei der Auslegung darüber, was Zimmerlautstärke eigentlich bedeutet, gibt es allerdings Spielraum. Nach einem Urteil des Landgerichts Hamburg zum Beispiel setzt Zimmerlautstärke nicht voraus, dass sich die Vernehmbarkeit der Musik auf den Raum des Wiedergabegerätes beschränkt und überhaupt keine Geräusche nach nebenan dringen (Az.: 317 T 48/95). Erst wenn die Lautstärke über das hinausgeht, was unter Einbeziehung der baulichen Verhältnisse nicht mehr als normales Wohngeräusch in die Nachbarwohnung dringt, wird das Maß der Zimmerlautstärke überschritten, so der Mieterbund.

Wie laut es in etwa werden darf, kann man aus der TA Lärm ableiten. Laut dieser Vorschrift sind beispielsweise in Gebieten, in denen vorwiegend gewerbliche Anlagen untergebracht sind, tagsüber Geräuschimmissionen von 65 dB (A), in reinen Wohngebieten hingegen lediglich 50 dB (A) zulässig. Nachts dürfen 35 dB (A) nicht überschritten werden. Strenger sind die Werte bei Geräuschübertragungen innerhalb von Gebäuden: Unabhängig von der Lage des Gebäudes dürfen tagsüber 35 dB (A) und nachts 25 dB (A) nicht überschritten werden.

Allerdings greifen diese Grenzwerte nicht automatisch bei Miet- oder Nachbarschaftsstreitigkeiten. „Stellt etwa der hörgeschädigte Nachbar sein Radio etwas lauter, können sich gestörte Nachbarn nicht automatisch auf die Grenzwerte berufen“, sagt Wagner. Gerichte orientieren sich zwar daran, müssten hier jedoch auch abwägen – zum Beispiel zwischen dem Bedürfnis auf Ruhe und dem Bedürfnis auf Wohnen und Information. dpa