Der neue Film - „Die Agentin“ ist eine Mischung aus Spionage-Thriller, Liebesgeschichte und Charakterstudie „Die Agentin“: Weder gerührt, noch geschüttelt

Von 
Gebhard Hölzl
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„Ich bin ganz allein. Nur ich. Und der Rest der Welt.“ Mit diesem Satz beschreibt sich Rachel (Diane Kruger), „Die Agentin“, Heldin von Yuval Adlers unterkühltem Thriller, der im Februar im Wettbewerb der Berlinale außer Konkurrenz im Wettbewerb gezeigt wurde. Schon dieser Umstand belegt, dass es sich hier nicht um klassische Spionageaction handelt. Keine atemlosen Verfolgungsjagden oder wüste Schießereien.

Szene aus „Die Agentin“ mit Diane Kruger. Der Film kommt am Donnerstag in die Kinos. © Brandt/Weltkino Filmverleih
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Der Regisseur, der in Tel Aviv zunächst Mathematik und Physik studiert hat, bekanntgeworden durch seinen preisgekrönten Erstling „Bethlehem - Wenn der Feind dein bester Freund ist“ (2013), interessiert sich wieder für die Machenschaften innerhalb des israelischen Geheimdienstes Mossad. Als Vorlage diente ihm als sein eigener Drehbuchautor der umstrittene Roman „The English Teacher“ von Yiftach R. Atir. Der war vor seiner Pensionierung General der israelischen Armee, unter anderem beteiligt an der berühmt-berüchtigten „Operation Entebbe“, bei der eine Spezialeinheit im Juli 1976 die Geiseln eines Air-France-Fluges aus den Händen palästinensischer und deutscher Terroristen befreite.

Diane Kruger

  • Der Rummel um Diane Kruger begann, als Wolfgang Petersen sie 2004 in „Troja“ besetzte.
  • In der US-Traumfabrik wurde sie nicht heimisch, kehrte nach Europa zurück, wo sie sich mit Disziplin und Fleiß in Produktionen wie „Merry Christmas“, „Klang der Stille“ und „Goodbye Bafana“ einen Namen machte und zugleich beim weiblichen Publikum punktete.
  • Diane Heidkrüger wurde 1976 in Algermissen bei Hildesheim geboren, wollte Tänzerin werden und begann ihre Ausbildung an der Royal Ballet School in London.
  • Auf Anraten von Luc Besson nahm sie Schauspielunterricht an der Cours Florent.
  • Karriere-Highlights sind ihre Rollen in „Inglourious Basterds“, Jaume Collet-Serras Thriller „Unknown Identity“, das Drama „Sky: Der Himmel in mir“ und Fatih Akis „Aus dem Nichts“. Für ihren Auftritt in letztgenanntem NSU-Thriller wurde Kruger, die ihr komisches Talent in „Willkommen bei den Sch’tis“ unter Beweis stellte, in Cannes als beste Darstellerin ausgezeichnet.
  • Von 2001 bis 2006 war sie mit Schauspieler und Regisseur Guillaume Canet („Kleine wahre Lügen“) verheiratet. 

Man kann also davon ausgehen, dass der Mann wusste, worüber er schrieb. Wobei er freilich betont, sich ausschließlich im fiktionalen Bereich zu bewegen. Primär auf zwei Figuren konzentriert sich das Skript. Auf Rachel und ihren Kontaktmann Thomas Hirsch (Martin Sheen). Der genießt seinen Ruhestand in Köln - ein Grund hierfür ist wohl, dass deutsche Fördergelder in dieser Ko-Produktion stecken. Eines Tages erhält er von seiner Ex-Agentin einen mysteriösen Anruf. Ihr Vater sei gestorben. „Schon wieder“. Ein Code dafür, dass sie aussteigen möchte. Was sofort für nervöse Hektik in der Operationsbasis sorgt. Sie weiß viel. Zu viel. Hirsch soll herausfinden, was die von ihm geführte Spionin bezweckt …

Verschachtelte Rückblenden

Der Beginn von geschickt verschachtelten Rückblenden, die den Werdegang Rachels nachzeichnen, wobei nie wirklich begreifbar wird, warum sie sich überhaupt hat anheuern lassen. Obwohl sie für den gefährlichen Job natürlich bestens geeignet ist, als Sprachlehrerin, die fließend Deutsch, Englisch und Französisch spricht. Dank deutscher Mutter, britischem Vater und einer ruhelosen Kindheit. Ihr fehlen die Wurzeln, sie hat keine Freunde und selbst die Frage nach ihrem Glauben, beantwortet sie halbherzig: Der Papa sei Halbjude.

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Eine Frau auf der Suche nach sich selbst, nach einem Sinn im Leben - und der Liebe, die sie im Teheran unerwartet findet. In Geschäftsmann Farhad (Cas Anvar), der Nuklearbauteile für die Regierung besorgen soll, während die Gegenseite plant, ihm fehlerhafte Ware zu verkaufen. Ein genretypisches Szenario. Mit dem Unterschied, dass es hier nicht um die erfolgreiche Umsetzung des Auftrags geht, sondern eine innerlich zerrissene Individualistin, die (spät) erkennt, dass das was sie tut, nicht ihrem Wesen entspricht.

Also verfolgt sie eigene Ziele, legt falsche Fährten, versucht ihren Kopf aus der selbst geknüpften Schlinge zu ziehen. Zur türkisch-iranischen Grenze geht’s, Bomben soll sie dorthin schmuggeln, landet im Kofferraum eines Jeeps, wird beinahe vergewaltigt. In einem Aufzug kommt es zu einer Schießerei mit drei Toten, nachts schleicht sie sich in den Serverraum einer Elektronikfirma ein, um eine Spähsoftware zu installieren. Fast wird Rachel dabei entdeckt.

Ambivalentes Verhältnis im Fokus

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Für Spannung ist gesorgt, die sattsam bekannten Versatzstücke sind allesamt vorhanden. Es wird jedoch nur beiläufig mit ihnen gespielt. Der Filmemacher interessiert sich vornehmlich für seine Protagonistin und deren Verhältnis zu ihrem Vorgesetzten, der sie jagt und gleichzeitig zu schützen versucht. Überaus glaubwürdig agiert Kruger. Blass bleibt Martin Freeman, dessen Rolle zu wenig ausgearbeitet ist. Kein Bond-Heroismus, kein Martini, weder geschüttelt noch gerührt. Nahe am wahren Agentenleben scheint das Drama angesiedelt, für das Kameramann Kolja Brandt („Der junge Karl Marx“) passend diffuse, kontrastarme Bilder gefunden hat.

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