Der neue Film - Paul Thomas Anderson erzählt in „Licorice Pizza“ eine Teen-Twen-Romanze im San Fernando Valley der 1970er Jahre

Der neue Film: Paul Thomas Andersons „Licorice Pizza“

Von 
Gebhard Hölzl
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Alana Haim als Alana und Cooper Hoffman als Gary in einer Szene des Films. © Paul Thomas Anders/Metro-Goldwyn-Mayer Pictures Inc./dpa

Wie Wes Anderson („The French Dispatch“) oder die Coen-Brüder („The Big Lebowski“) ist Paul Thomas Anderson eine Ikone des US-Independent-Kinos – und an der Kinokasse (meist) erfolgreich. Eigenwillig, in Sachen Thema und Machart speziell, sind seine Filme, die er in jahrelanger Arbeit akribisch vorbereitet. Mit der Haute Couture im London der 1950er-Jahre setzte er sich in „Der seidene Faden“ auseinander, mit dem Ölboom zur vorletzten Jahrhundertwende in „There Will Be Blood“, mit der aufkommenden Pornoindustrie in „Boogie Nights“. Im Kalifornien der 1970er war letztgenannter Aufreger verortet – dahin kehrt er mit „Licorice Pizza“ zurück.

Als Art Jugenderinnerung kann man dieses entspannte Werk lesen, als gegen den Strich gebürsteten Initiationsspaß mit ernsthaftem Unterton. Auf einer Schultoilette geht’s los, in einer der Kabinen explodiert eine Kloschüssel, lachend suchen die Übeltäter das Weite. Staunend und leicht irritiert beobachtet vom 15-jährigen Gary Valentine (Cooper Hoffman), der gerade mit ganz anderen Dingen beschäftigt ist. Er hat, so lässt er alle wissen, die Frau seines Lebens kennengelernt, die er entsprechend auch zu heiraten gedenkt. Sie heißt Alana (Alana Haim), ist Assistentin des Fotografen, der gerade Fotos fürs Jahrbuch schießt und zwischendurch noch Zeit findet, der Mittzwanzigerin ungehörig den Po zu tätscheln.

Alana Haim – Musik- und Filmphänomen

  • Alana Haim wurde 1991 in Los Angeles geboren.
  • Im heimischen Wohnzimmer stand ein Schlagzeug, was wohl ihre Liebe zum Classic Rock befeuerte. Mit ihren Eltern und ihren Schwestern Danielle (*1998) und Este (*1986) tat sie sich zur Coverband Rockinhaim zusammen und stand bereits in jungen Jahren auf der Bühne.
  • 2012 wurde ihre EP „Forever“ nebst Video im Netz veröffentlicht. Bald nannten sich die Schwestern, bei den Grammy Awards 2015 in der Rubrik Best New Artist nominiert, in Haim um und wurden von Polydor unter Vertrag genommen. Sie haben bislang drei Alben veröffentlicht, zuletzt „Women in Music, Pt. III“ (2020).
  • Unter Paul Thomas Anderson, der bereits mehrere Haim-Musikvideos in Szene gesetzt hat, gibt Alana Mychal Haim ihr Leinwanddebüt – vielfach ausgezeichnet, darunter mit dem Chicago Film Critics Association Award als beste Nachwuchsdarstellerin oder einer Golden-Globe-Nominierung in derselben Kategorie.

Diese reagiert erstaunt auf Garys Avancen, willigt aber dennoch zu einem Abendessen – keinesfalls, wie sie betont, als Date zu verstehen –mit dem forschen Teenager ein. Nicht zuletzt wohl weil sie sich fragt, wie er sich das teure Restaurant überhaupt leisten kann. Bei diesem eröffnet er ihr, dass er – von Drehbuchautor Anderson frei nach dem Schauspieler und späteren Produzenten Gary Goetzman modelliert – als Darsteller zum Ensemble einer erfolgreichen Sitcom gehört. Zu einem turbulenten Pressetermin nach New York darf sie ihn als „Aufpasserin“ bald darauf begleiten. Statt seiner Mutter, die kurzfristig anderen Verpflichtungen nachgehen muss.

Durchgedrehte Hollywood-Typen

Fortan hängen die beiden zusammen ab, verbringen viel Zeit miteinander. Ums Erwachsenwerden geht es einmal mehr, um die erste große Liebe, aus der allmählich echte, tiefe Gefühle entstehen. Fast beiläufig ist die Handlung, die aus locker aneinandergehängten Episoden, gerne in Plansequenzen festgehalten, besteht. Wie in einem Richard-Linklater-Film fühlt man sich über weite Strecken – „dazed and confused“, benommen und verwirrt. Einen florierenden Wasserbettenhandel zieht das Duo mit Hilfe von Freunden und Verwandten auf, Gary eröffnet, kurz nachdem das neue Glücksspielgesetz dies zulässt, einen Flipperladen. Der junge Tausendsassa entpuppt sich als echter Entrepreneur.

Inmitten dieses alltäglichen Trubels aus Jobs und Karriere erzählt der Filmemacher von einem Land im Umbruch. Von der aufkommenden Jugendkultur, Vinyl und Super 8, von Schlaghosen und knappen Röcken, von der Ölkrise, einem chaotischen Bürgermeisterwahlkampf und dem nahenden Impeachment von Richard Nixon, der wegen der Watergate-Abhöraffäre als Präsident zurücktreten musste. Vor allem jedoch vom Lebensgefühl im damaligen San Fernando Valley und durchgedrehten Hollywood-Typen.

So etwa vom libidinösen Promi-Friseur Jon Peters, der ein Wasserbett bestellt, das geliefert werden soll, während er sich mit Barbra Streisand trifft. Oder vom markigen Oscar-Gewinner und Ronald-Reagan-Buddy William Holden, der zu Jack „umgetauft“ und schwer angetrunken, angefeuert von seinem Kumpel Rex Blau, Evel-Knievel-gleich mit einem Motorrad über ein großes Lagerfeuer springt.

Klug und anrührend

Bradley Cooper, Sean Penn und Multitalent Tom Waits schlüpfen in diese knapp gehaltenen, augenzwinkernden Parts, sie sind für die Starpower zuständig. Getragen jedoch wird die Produktion, benannt nach einer von James Greenwood 1969 in Südkalifornien gegründeten Platten- und Videokette, von den vielversprechenden Nachwuchstalenten Hoffman, Sohn des verstorbenen Philip Seymour Hoffman, und der Grammy-nominierten Musikerin Haim aus der Schwesternband Haim, die der Filmemacher bereits in mehreren Musikvideos inszeniert hat und die hier vor der Kamera als Familie zu sehen ist.

Ruhelos, ewig in Bewegung, sind die nur vorgeblich coolen Protagonisten. Sie laufen, stolpern, fahren und spazieren durch Zeit und Raum. Suchen ihren Weg und zu sich selbst. Nebeneinander, miteinander, gegeneinander. Irrungen, Wirrungen und Fehltritte inbegriffen. Bis Gary und Alana final zueinanderfinden, sich als ideale Partner fürs Leben erkennen. Eine kluge, anrührende und hippe Teen-Twen-Romanze.

Freier Autor

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