Angehört The Notwist: "Vertigo Days"

Von
Jörg-Peter Klotz
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Mannheim. Überall erleben wir gerade Tage des Zorns, The Notwist nennen ihr zwölftes Album aber „Vertigo Days“ (Tage des Schwindels). Auch das passt in eine Zeit, in der einem oft genug schwindlig wird vor lauter ungeahnten Entwicklungen, Fake News und schierem Wahnsinn. Das international hoch verehrte Experimental-Indie-Trio aus dem oberbayrischen Weilheim bringt Chaos und Ordnung mit ihren 14 neuen, ab 2018 produzierten Songs verspielt in eine erstaunlich schöne Balance.
Die klingt für ihre Verhältnisse oft ungewöhnlich schön, Markus Achers Gesang wirkt noch zarter als gewohnt und die Wahl der auch von zahlreichen Gastmusikern gespielten Instrumente ist ungewöhnlich konventionell. Die zuletzt oft dominanten elektronischen Elemente treten in den Hintergrund. Neben dem Multiinstrumentalisten Ben LaMar Gay haben unter anderem Jazzklarinettistin Angel Bat Dawid, die argentinische Singer-Songwriterin Juana Molina und die japanische Sängerin Saya die Ehre. Deren Ehemann, Banjospieler (!) Takashi Ueno, sorgt bei der Schlussnummer „Into Love Again“ mit einer Art Jazz-Kammerensemble namens Zayando für musikalische Widersprüche, die sich sehr hoffnungsvoll in Wohlgefallen auflösen.
Das Gesamtkunstwerk geht für The-Notwist-Verhältnisse erstaunlich schnell und leicht ins Ohr. Aber in den Texturen der Songs verbirgt sich genug Komplexität, so dass „Vertigo Days“ auf Dauer spannend bleibt. Das gelingt selbst Songs wie „Sans Soleil“ oder „Ghost“, die fast schon Ohrwurmcharakter haben. Letzteres erinnert dabei von Ferne an Stücke wie „Ruckzuck“ (1970), in dem die späteren Elektronik-Großmeister von Kraftwerk noch wie eine analoge Krautrock-Band mit Trommeln und Flöte klangen.
Politik poetisch verpackt
Und The Notwist werden sogar politisch. Wobei vermutlich noch niemand poetischer die antirassistische „Black Lives Matter“ besungen hat als Markus Acher im Text zum düster groovenden „Oh Sweet Fire“ von US-Jazzer Ben LaMar Gay: „Tief im Geschehen / Nein, niemals nur Worte / Der Block ist in Alarmbereitschaft / So rot wie die Augen, die funkeln / Ich marschiere mit meiner Liebe / Ja, wir singen und wir brüllen / Das Geräusch von Trommeln, die von Gebäuden reflektiert werden / So hoch wie die gereckte Faust / Oh, süßes Feuer / Ich fühle in ihrer Handfläche / Den Drang, es bekannt zu machen / Den Mächten, die es gibt - dass echtes Gleichgewicht fällig ist / Überfällig.“ Das hätte sich auch bei Joe Bidens Inaugurationsfeier als US-Präsident gut gemacht.
Dass sich die Brüder Markus und Micha Acher sowie Andi Haberl nach ihren letzten beiden Studioarbeiten, dem minimalistischen, fast kargen „The Devil You + Me“ (2008) und dem elektronisch kühlen „Close To The Glass“ (2014), wieder einmal neu erfunden und dabei aua zahllosen Nebenprojekten kreativen Input geschöpft haben – geschenkt. Das ist sozusagen die Geschäftsgrundlage von The Notwist seit ihrer Gründung 1989. Und live klingt das alles wieder faszinierend anders, wie das Projekt 2013 als Headliner beim Mannheimer Maifeld Derby unter Beweis stellte.

Lassen sich weder visuell noch stilistisch fixieren: The Notwist. © Norr Music

Tolle Vinyl-Ausstattung
Wie fast immer bei The Notwist lohnt sich die Vinyl-Variante: Die organischen Klangelemente wirken noch etwas wärmer – nur das eingebaute Knacken im ersten Song „Al Norte“ irritiert ein wenig und man putzt die Nadel womöglich einmal mehr als nötig. Auch optisch und haptisch gefällt die auf rund 140-Gramm-Vinyl gepresste Doppel-LP: Neben Lieko Shigas kunstvoll verhuschten Fotos gefallen vor allem die ungewöhnlich aufwendig gestalteten Innenhüllen, die aus ähnlich starker Hochglanzpappe bestehen wie das Hauptalbumcover. Neben weiteren Shiga-Motiven enthalten sie Texte und Produktionsdetails. Dass die vierte LP-Seite blind, also nicht bespielt ist, fällt da nicht ins Gewicht, auch wenn man das nicht unbedingt nachhaltig finden muss. Ein Download-Code komplettiert das attraktive Paket - neben üblichen MP3s bekommt man dort zum Kauf der LP auch kostenlos FLAC-Dateien, also die Songs als verlustfreies Studiomaterial (das bedeutet rund 277 MB für das Album gegenüber 96 in normaler Qualität). Auch das lohnt sich. (Morr Music)

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Ressortleitung Stv. Ressortleiter Kulturredaktion