Angehört - Electro Schiller: "Summer In Berlin"

Von
Jörg-Peter Klotz
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Mannheim.. Wenn schon nichts Anderes geht, warum keine Klangreise zu Schillers „Summer In Berlin“?  Den kann man als Kurztrip via Doppel-LP buchen, als Mischung aus Live- und Studioalbum mit neuen Songs als CD-Deluxe-Edition oder als Luxus-Sause mit zusätzlicher Doppel-Blu-ray. Für echte Fans des Produzenten und Soundtüftlers, der bürgerlich Christopher von Deylen heißt, lohnt sich die audiovisuelle Fassung. Nicht nur, weil sie mit acht Stunden einen guten Arbeitstag lang Eskapismus pur bietet. Im positiven Sinn. Noch wichtiger: Schillers bildstarke Live-Inszenierungen machen vor allem in einem zweistündigen Konzertfilm aus seinen flächigen Klangkonstruktionen erst so etwas wie ein Gesamtkunstwerk. Komplettiert wird es von exklusiven Dokumentationen, Videoclips sowie einem aufwändigen Foto-Artbook.

In der Luxus-Variante bietet Schillers "Summer In Berlin" bis zu acht Stunden elektronischen Eskapismus. © Sony Music
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Der Gesamtkunstwerk-Aspekt fehlt natürlich auf der CD-Variante, vor allem den 14 eher wechselhaften neuen Studiotracks. Die spielen zwar mehr oder weniger einfallsreich mit diversen Filmthemen wie „Metropolis“, „Menschen im Hotel“ und 20 eindrucksvolle Minuten lang im Schlussepos „Dem Himmel so nah“ (mit Thorsten Quaeschnig von den Electronik-Pionieren Tangerine Dream). Grauenhafter Kitsch wie das von Triola McTeague gesungene „Miracle“ und schlimme Retro-Schlager-Drumsounds wie in dem Janet-Devlin-Gastspiel „Better Now“ konterkarieren aber die starken Momente wie die Koproduktion mit Alphaville für den Titelsong. Generell nervt die rückwärtsgewandte Klanginszenierung der Rhythmik immer wieder.

Das ist beim Live-Mitschnitt des Abschlusskonzerts der „Es werde Licht“-Tournee in der ausverkauften Berliner Mercedes-Benz-Arena wesentlich besser. Kein Wunder: Pink Floyds Konzertschlagzeuger Gary Wallis und Living Colours Basslegende Doug Wimbish, der auch schon mit Mick Jagger oder Madonna unterwegs war, rollen als unfehlbare Rhythmussektion dem opulenten Schiller'schen Klangmärchen einen ganz anderen Teppich aus. Dazu kommen interessante Klangfarben von Gästen wie dem Produzenten Schwarz alias Roland Meyer de Voltaire oder der Kurdin Yalda Abbasi.

Vielleicht hat sich Schiller für die Studio-Produktion zu wenig Zeit gelassen: Erst Ende Oktober 2020 hat von Deylen  unter eigenem Namen das erneute Nummer-Eins-Album „Colors“ vorgelegt. Trotz einiger Makel dürfte „Summer In Berlin“ sein insgesamt achtes Werk auf der Pole Position der Charts werden – der Wellness-Charakter des Sounds passt einfach zu gut in die Zeit.  (Sony)

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