Lebensmittel - Vollprodukt enthält mehr Vitamine / Wichtiger als Fettanteil ist eine insgesamt ausgewogene Ernährung Milch mit 3,5 oder 1,5 Prozent?

Von 
Tom Nebe
Lesedauer: 

München/Bonn. Die Frage nach der besten Milch ist für viele Menschen eine Prozentfrage – 3,5 oder 1,5? Manche behaupten, Vollmilch schmeckt besser und ist gesünder. Andere reklamieren das für die fettarme Variante – wobei die wohl eher den gesundheitlichen als den geschmacklichen Aspekt betonen dürften.

Wie viel Fett ist da drin? Eine Frage, über die Milchtrinkerinnen und -trinker ganz unterschiedlicher Meinung sind. Auch Expertinnen und Experten haben keine eindeutigen Antworten, welche Wahl die bessere ist. © Gemma Ferrando/Westend61/dpa-tmn
AdUnit urban-intext1

Die Frage, welche der beiden in Deutschland meistkonsumierten Milchvarianten die bessere ist, wird nicht nur an den Küchentischen der Republik diskutiert. Sie beschäftigt sogar die Wissenschaft.

Empfohlene Tagesmengen – und Alternativen zum tierischen Produkt

Erwachsene sollten nach Empfehlung der Deutschen Gesellschaft für Ernährung (DGE) täglich 200 bis 250 Gramm Milch oder Milchprodukte wie Joghurt, Kefir oder Buttermilch konsumieren. Dazu kommen 50 bis 60 Gramm, also zwei Scheiben, Käse.

Dadurch erhalte der Körper gut verfügbares Protein und zahlreiche Vitamine und Mineralstoffe.

Immer mehr Verbraucherinnen und Verbraucher reduzieren aus gesundheitlichen, ethischen oder ökologischen Gründen den Konsum tierischer Lebensmittel. Der Markt an Milchersatzprodukten – wie Hafer-, Soja- oder Mandeldrinks – wächst dadurch enorm.

„Ernährungsphysiologisch unterscheiden sich die alternativen Getränke erheblich von der Kuhmilch“, so das Bundeszentrum für Ernährung.

Die pflanzlichen Alternativen könnten mit dem hohen Nährstoffgehalt der Milch nicht mithalten. Nur Sojadrink besitze ähnlich viel Eiweiß und Fett, enthalte aber mehr Zucker.

Was die Ökobilanz betrifft, gilt der Haferdrink als gute Alternative: Hafer wird in Europa angebaut. tmn

Bei einer Untersuchung von Kindern zwischen ein und sechs Jahren kamen kanadische Forscher vor etwa vier Jahren beispielsweise zum recht überraschenden Ergebnis, dass der Konsum fettarmer Milch bei Kindern womöglich das Risiko für Übergewicht erhöht und sie folglich eher Vollmilch trinken sollten. Allerdings schränkten die Autoren die Aussagekraft ihrer Studie selbst massiv ein, vor allem mit Blick auf den Ursache-Wirkungs-Zusammenhang zwischen dem Fettgehalt der Milch und dem Body-Mass-Index der Kleinen.

Dünne Datenlage

Auch insgesamt ist die Datenlage dünn. 2014 bewertete das Max-Rubner-Institut, das sich als Bundesforschungsinstitut wissenschaftlich mit gesunder Ernährung auseinandersetzt, Milch und daraus hergestellte Produkte wie Käse oder Joghurt – und beschäftigte sich dabei auch mit der Frage, ob Vollmilch oder fettarme Milch aus gesundheitlicher Sicht besser ist. Die Antwort fiel ernüchternd aus: Keine differenzierte Bewertung möglich, weil die Anzahl an entsprechenden Studien zu mager ist.

AdUnit urban-intext2

Bleibt ein Blick auf die nackten Zahlen: Vollmilch hat mehr als doppelt so viel Fett wie fettarme Milch, und zwar im Schnitt 3,57 Gramm im Vergleich zu 1,6 Gramm pro 100 Gramm – wenig überraschend, denn das verraten schon die Prozentangaben auf der Verpackung. Entsprechend liefert Vollmilch mehr Kalorien, erläutert die Deutsche Gesellschaft für Ernährung (DGE). Beim Protein-, Laktose- und Kalziumgehalt nehmen sich beide nichts.

Vitamine machen Unterschied

Interessant ist der Blick auf die Vitamine. Hier bringt der höhere Fettgehalt der Vollmilch Vorteile, weil die Vitamine A, D, E und K fettlöslich sind – und ihr Gehalt in Vollmilch deshalb wesentlich höher ist als in fettarmer Milch.

AdUnit urban-intext3

„Das ist eigentlich auch der einzige wesentliche Unterschied zwischen den beiden Milcharten“, sagt der Ernährungswissenschaftler und Buchautor Malte Rubach.

AdUnit urban-intext4

Die Schweizer Milchproduzenten, Swiss Milk, fällen trotzdem ein klares Urteil: Es sei nicht von Nutzen, „auf fettreduzierte Produkte auszuweichen“. Fett sei außerdem ein wichtiger Geschmacksträger. Soll wohl heißen: Vollmilch schmeckt auch besser.

Aus Nachhaltigkeitsgesichtspunkten könnte man darüber hinaus noch fragen, was mit dem Fett passiert, das der fettarmen Milch entzogen wird? Würde es entsorgt werden, spräche das wohl für Vollmilch. Doch Malte Rubach kann Entwarnung geben: „Das Fett, das nicht gebraucht wird, wird in der Regel zur Herstellung von Butter genutzt.“ Von der Substanz gehe da nichts verloren.

Er nennt zudem einen guten Grund dafür, im Supermarktregal lieber fettarme Milch in den Einkaufswagen zu packen. „Natürlich kann man auch so argumentieren, dass einige Kalorien aus der Vollmilch bei Menschen mit Gewichts- und Blutfett-Problemen unnötig sind.“

Grundsätzlich bevorzugen jene Menschen, die insgesamt bewusster und gesünder leben, eher fettarme Milch, schreibt das Max-Rubner-Institut in seiner Analyse noch. Auch das erschwert übrigens den objektiven Vergleich der gesundheitlichen Wirkung der beiden Milcharten.

Also, was nun – 1,5 oder 3,5 Prozent? Für Ernährungswissenschaftler Rubach ist das keine Frage, die sich wirklich stellt, sofern man sich ausgewogen ernährt: „Man sollte eh nicht jeden Tag einen Liter Milch trinken, sondern ein kleines Glas. Da ist man weder bei fettarmer noch vollfetter Milch gefährdet, zu wenig Vitamine oder zu viel Kalorien aufzunehmen.“ tmn