Mit der Kraft des Windes

In Costa Rica entsteht der Segelfrachter „Ceiba“. Die Kanadier Danielle Doggett und Lynx Guimond wollen mit dem Projekt nicht nur ein Zeichen für nachhaltigen Transport setzen, sondern den Menschen vor Ort neue Perspektiven aufzeigen. Die Mitstreiter kommen aus 25 verschiedenen Ländern.

Von 
Jan Kotulla
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Das Hemd klebt auf der Haut, der ganze Körper schreit nach einer Abkühlung, die Kehle lechzt nach einem eiskalten Cocktail. Kein Wunder bei fast 35 Grad und über 90 Prozent Luftfeuchtigkeit. Doch Luuk van Binsbergen steht in der prallen Sonne Costa Ricas und hobelt hochkonzentriert die bis zu drei Meter langen Planken, jede doppelt so dick wie ein Arm. Immer wieder fährt der Holländer prüfend mit der Hand über das rötliche Zedernholz und trägt an einigen Stellen noch ein paar Millimeter ab. Alles muss passen. Der 31-Jährige hilft seit neun Monaten dabei mit, den Frachtsegler „Ceiba“ zu bauen.

Danielle Doggett vor dem Rumpf der „Ceiba“. Der Frachtsegler wird 45 Meter lang und hat einen Tiefgang von 4,3 Metern. © Kotulla
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Das Besondere: Die 45 Meter lange „Ceiba“ – benannt nach dem für die Maya heiligen Baum, der wegen seines majestätischen Wuchses von vielen als Vorbild für den mystischen Baum aus dem Film „Avatar“ gehalten wird – soll Waren emissionsfrei von Mittelamerika bis nach Kanada bringen.

Der Segelfrachter „Ceiba“

Länge insgesamt: 45 Meter

Länge an Deck: 35 Meter

Masthöhe: 33,5 Meter

Tiefgang: 4,3 Meter

Verdrängung: über 350 Tonnen

Frachtkapazität: 250 Tonnen

Segelfläche: 620 Quadratmeter plus Leichtwindsegel

Zusätzlicher Motor: Elektromotor, der aus Lithium-Ionen-Akkus gespeist wird – diese laden sich während der Fahrt durch die Schraubenrotation wieder auf

Geschwindigkeit: vier bis acht Knoten unter Segeln. Mit Motorunterstützung bis zu 16 Knoten

Besatzung: Zwölf Personen als Stammbesatzung plus zwölf „Gäste“ wie Forscher oder Förderer

Luuk ist nur einer von vielen Freiwilligen, die sich diesem außergewöhnlichen Vorhaben verschrieben haben. „Wir sind eine bunte Truppe aus 25 Ländern“, erzählt Danielle Doggett. Sie hat das „Sailcargo“-Projekt vor drei Jahren gemeinsam mit ihrem kanadischen Landsmann Lynx Guimond und John Porras Porras aus Costa Rica initiiert.

„John hat uns sehr mit den hiesigen Genehmigungen und Anträgen geholfen“, berichtet die 29-jährige Danielle, die in „der Schweiz Mittelamerikas“ eine neue Heimat gefunden hat. Aufgewachsen in Kingston am Ontario-See segelt sie seit ihrem 13 Lebensjahr. „Mit 21 habe ich mein Kapitänspatent gemacht und mich auf Tauwerk für Segelschiffe spezialisiert“, erläutert sie. Unter anderem war die Kanadierin für die fachgerechte Takelage im Film „Fluch der Karibik – Salazars Rache“ mitverantwortlich und hat am Frachtsegler „Avontuur“ geknotet und gespleißt. Die „Ceiba“ ist mit geplanten 250 Tonnen Frachtkapazität aber fast doppelt so groß wie der Schoner.

Über 50 000 Stunden

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Ebenfalls über ein Segelfrachter-Projekt kam Lynx Guimond auf die Idee zu „Sailcargo“. „Er war einer der Leiter der ,Tres Hombres’“, erzählt Danielle. Auf einer Tour mit der 1943 im damaligen Swinemünde gebauten Brigg haben sich die beiden auch kennengelernt. „Vor zehn Jahren war der Segler von der Dominikanischen Republik aus mit 18 000 Flaschen Rum auf dem Rückweg nach Europa. 17 998 Flaschen sind angekommen“, erzählt Danielle und lacht.

Mit dem Bootsbau ist der 38-jährige Lynx auf ganz besondere Weise verbunden. Der Mann aus Quebec ist Gallionsfigurenschnitzer. „Aber eigentlich kann und macht er alles aus und mit Holz“, erzählt Danielle. „Für Forscher hier im costa-ricanischen Nebelwald von Monteverde hat er Plattformen und Baumhäuser gebaut, damit sie Pflanzen wie Bromelien und Orchideen, die auf den Bäumen wachsen, besser untersuchen können“, berichtet sie. „Bei unserem Projekt ist er unser Technischer Direktor und unser leitender Bootsbauer“, konkretisiert die Kanadierin.

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Während des Gesprächs im Büro der Werft in Punta Morales, etwa zwei Autostunden westlich von der Hauptstadt San José entfernt, muss die 29-Jährige immer mal wieder eine Pause einlegen. Dann, wenn einer ihrer Mitstreiter mit einer riesigen Kettensäge den nächsten mächtigen Baumstamm bearbeitet. „Wir haben eine 40-Stunden-Woche und bis jetzt weit über 50 000 Arbeitsstunden in unser Projekt gesteckt“, sagt die Kanadierin in einer der leiseren Phasen – und der Stolz auf die bereits geleistete Arbeit ist ihr deutlich anzumerken.

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Damit der Traum vom emissionsfreien Transport nachhaltig produzierter Waren wie Kaffee oder Kakao Gestalt annimmt, starteten Danielle und Lynx eine Crowdfunding-Aktion. Dabei wird die Finanzierung eines Projektes durch eine Menge Interessierter (englisch „crowd“) gesichert. „Normalerweise geht es doch so, dass die Leute sagen: ,Hey, wir haben ein Boot und wollen Fracht transportieren‘. Wir haben es andersrum angefangen und uns gefragt, wie der perfekte Plan für einen geschäftlichen, sozialverträglichen und umweltschutzrelevanten Erfolg aussehen muss. Dafür haben wir uns viel Zeit genommen“, blickt Danielle zurück.

„Unser erstes Geld war unser Eigenkapital. Das war nicht viel. Im Nachhinein muss man schon sagen, dass wir verrückt waren, mit so wenigen Dollars dieses Projekt zu starten“, schüttelt sie ungläubig den Kopf. „Dann haben wir ein Video gemacht und das auf einer Crowdfunding-Plattform präsentiert. Wir haben gesagt: ,Leute, wir denken über diese verrückte Idee nach. Wollt ihr sehen, wie sie Wirklichkeit wird?‘ Und die Menschen haben Geld zur Verfügung gestellt. Innerhalb eines Monats kamen 30 000 Dollar zusammen.“

Das sei der Startschuss gewesen. Im Dezember 2017 wurde die Werft eröffnet. Beim Gang über das Gelände wird an vielen Stellen deutlich, dass es Danielle und ihrem Team um mehr geht. Die einzigen geschlossenen Gebäude sind die Küche und das Büro – und das hat Lynx natürlich auf Stelzen gesetzt. Um Geld zu sparen, sei alles möglichst einfach gehalten und möglichst schnell entstanden, erzählt Danielle. Lynx und sie lebten jahrelang in einem Zelt auf dem geleasten Gelände. Erst jetzt baut der Mann aus Quebec – „Lynx ist kein Kanadier – das ist ihm wichtig“, sagt die 29-Jährige und lacht – eine etwas komfortablere Unterkunft.

„Ich bin damals eigentlich nur für zwei Wochen hergekommen, um Land zu pachten, falls Costa Rica der richtige Ort für unser Projekt ist. Lynx lebt bereits seit sechs Jahren hier. Und dann kam der Zeitpunkt, an dem wir uns entscheiden mussten: Lassen wir unser ,richtiges‘ Leben hinter uns und machen das jetzt? Oder lieber doch nicht? Ich habe dann mein Rückflugticket verfallen lassen.“

Bereut hat sie diesen Schritt nicht. Aber: „Als wir mit einem Teil der 30 000 Dollar eine genaue Marktanalyse finanziert haben, war das schon ein seltsames Gefühl“, gesteht sie. „Heute klingt das logisch, damals habe ich mir schon gesagt, damit könnten wir jetzt auch das Grundstück für die Werft finanzieren, damit könnten wir Holz kaufen. Das war eine Herausforderung, aber es war die richtige Entscheidung. So haben wir im Vorfeld viele Probleme ausräumen können, die uns heute das Leben schwermachen würden.“

Die Investitionssumme für die „Ceiba“ beläuft sich laut Danielle auf rund 3,6 Millionen Dollar, insgesamt rechnen die beiden mit Gesamtkosten von 4,2 Millionen. Und weiterhin sind Investoren sehr willkommen. „Lynx und ich, aber auch viele weitere Mitarbeiter, werden größtenteils in Anteilsscheinen bezahlt. Auf diese Weise müssen wir nicht die komplette Summe sofort zur Verfügung haben“, erläutert sie. Außerdem sei diese Art der Bezahlung ein weiterer Beweis, dass sie an ihr Projekt glauben.

„Wir kennen die ungefähren Transportzeiten. Wir wissen, wie groß unsere Kapazität ist. Daher können wir die Zahlen ziemlich genau abschätzen. Bei einer 100-prozentigen Auslastung gehen wir von einer jährlichen Verzinsung von 32,6 Prozent aus. Das heißt, wer 1000 Dollar investiert, bekommt 326 Dollar Ertrag heraus“, rechnet die Kanadierin vor. Neun große Container sollen im Bauch des Segelfrachters später von Costa Rica aus Waren nach Norden transportieren. „Geplant sind zwei Fahrten pro Jahr. Eine Tour dauert etwa fünf Monate. Nächstes Jahr werden wir die genauen Lade- und Logistikplanungen angehen“, blickt sie voraus.

Holz statt Fiberglas

Den Vorwurf einiger Nörgler, mit der „Ceiba“ würde man nur einer ökologischen Träumerei hinterherzujagen, kennt Danielle: „Natürlich können wir einem Containerschiff mit Kapazitäten von über 6000 Einheiten keine Konkurrenz machen. Aber wir können eine Nische besetzen und vor allem ein Zeichen setzen.“ Außerdem gehe es um mehr. „Wir sehen in ,Ceiba‘ ein langfristiges Projekt, nicht nur den Bau eines Bootes“, macht sie klar.

„Aus den Samen der Pflanzen, die wir essen, ziehen wir Setzlinge, die wir unseren Nachbarn schenken. Außerdem planen wir Workshops und haben da zusammen mit Fischern hier am Ort ein kleines Boot aus Holz gebaut. Bislang haben sie welche aus Fiberglas verwendet, die sie mit Epoxydharz ausgebessert haben, verbunden mit all den giftigen Dämpfen und Ähnlichem“, nennt sie weitere Projekte. „Hier gibt es keine Schiffsbautradition, keine Werften. Wir wollen den Menschen hier vor Ort Wissen vermitteln, das ihnen weiterhelfen kann“, erklärt die Kanadierin.

An der „Ceiba“ bringt seit Juli Nicolas Trochon sein Können ein. „Ich habe auf einer großen konventionellen Werft gelernt und war dann in der Bretagne an der Skol ar Mor, einem Zentrum für traditionelles Bootsbauhandwerk “, erzählt der 31-jährige Franzose. „Aber in Europa gibt es kaum eine Möglichkeit, ein so großes Schiff aus Holz zu bauen“, schwärmt Nicolas. Deshalb ist klar: „Ich will mindestens ein Jahr bleiben. Am liebsten aber so lange, bis die ,Ceiba‘ fertig ist.“

Der Stapellauf ist für Ende 2021 geplant, also zwei Jahre nach der Kiellegung. „Dieser Kiel besteht beispielsweise aus Tamarindenbäumen, die einem Hurrikan zum Opfer gefallen sind“, erzählt Danielle. Etwa 200 weitere Bäume seien gespendet worden. Noch werden die Spanten gesetzt. Und je näher man der „Ceiba“ kommt, desto beeindruckender werden die Dimensionen.

Nicht nur am Schiff selbst. „Wir hatten Experten hier, die einen ganzen Monat gebraucht haben, um einen Plan im Maßstab 1:1 aufzuzeichnen. Meines Wissens ist das derzeit der größte aktive Schnürboden. Ansonsten werden solche Pläne nur noch am Computer erstellt“, erzählt Danielle, während sie über den überdimensionalen Schnittmusterbogen voller verwirrender Linien direkt neben der „Ceiba“ läuft. Sie und ihre Mitstreiter behalten den Durchblick und haben ihr großes Ziel vor Augen. Nur wenige Meter entfernt wartet blauschimmernd der Pazifik auf die „Ceiba“.

Info: Fotostrecke unter morgenweb.de/wochenende

Redaktion Sportredakteur