Zum Gratis-Comic-Tag Die fetten Jahre sind vorbei

Zwischen 1980 und 2000 erlebte die Comic-Branche eine regelrechte Blütezeit, gefolgt von einigen Jahren der Krise. Heute ist Gratis Comic Tag, eine deutschlandweite Aktion von Verlagen, die den Händlern neue Kundschaft in die Läden bringen soll.

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Sonnenstrahlen fallen auf die Glastür des kleinen Geschäfts mitten in der Ludwigshafener Innenstadt. Sie spiegeln sich in der Scheibe wider und blenden grell in den Augen. Es braucht einen Moment, um sich an das angenehmere Dunkel im Ladeninnern zu gewöhnen, nachdem man durch die Tür getreten ist - eine Tür, die unmittelbar in eine andere Welt führt. In unzählige Welten, um genau zu sein, bevölkert von maskierten Superhelden, furchterregenden Bösewichten, übergewichtigen Galliern, jungen Mädchen mit großen Kulleraugen, sprechenden Enten - und nicht zuletzt von Detlev Leitz.

Comic-Händler Detlev Leitz in seinem Ludwigshafener Laden.

© leitz

Branche kämpft

Der Gratis comic tag

  • Der Gratis Comic Tag findet bereits zum siebten Mal in Deutschland statt. Die Idee wurde vom amerikanischen "Free Comic Book Day" übernommen.
  • Er soll der etwas ins Stocken geratenen Comic-Branche neuen Schwung geben und neue Leserkreise erschließen.
  • Nahezu alle deutschen Comic-Verlage beteiligen sich an der Aktion und drucken gemeinsam eine Auflage von rund 400 000 Heften, die sie für 29 Cent pro Stück an die teilnehmenden Händler abgeben.
  • Beim heutigen Gratis Comic Tag gibt es 34 verschiedene Geschichten im Angebot, darunter auch Klassiker wie Batman, die Marvel-Superhelden um Captain America, Donald Duck oder Lucky Luke.
  • Deutschlandweit beteiligen sich rund 300 Händler am Aktionstag und verschenken die 34 Titel an ihre Besucher. In der Regel erhält jede Person dabei drei Hefte gratis.
  • In der Region nehmen folgende Geschäfte an der Gratis-Comic-Aktion teil: Mannheim: Thalia (P7 und C1), Ludwigshafen: Comic Zentrum, Thalia (Rheingalerie), Speyer: Osiander, Bensheim: Buchhandlung H. L. Schlapp, Worms: Paper Street Comic Company, Thalia, Viernheim: Hugendubel, Neustadt: Osiander.
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Der Besitzer des Comic-Buchladens "Comic Zentrum" in Ludwigshafen kniet gerade hinter ein paar Aufstellern und stöbert in seinem Lager. Im Laden ist es still. Zu hören sind nur das leise Summen der Klimaanlage und dezentes Flüstern einer Gruppe von Kunden, die ihre Köpfe über einem aufgeschlagenen Heftchen zusammenstecken. Es ist ein guter Tag für Leitz. Wenige Straßen weiter findet das Hanami Festival statt, eine Veranstaltung für Fans der japanischen Comic-Kultur. Verkleidete Manga-Anhänger sind zu Hunderten in die Stadt geströmt, und viele von ihnen verirren sich auch in die Ludwigstraße 63. Es ist einer dieser wenigen umsatzstarken Tage im Jahr, die über längere Durststrecken hinwegtrösten. Denn längst nicht immer geht es im Comic Zentrum so geschäftig zu wie an diesem Tag.

"Die Branche hat zu kämpfen, das muss man ganz ehrlich so sagen", berichtet der Comic-Händler. "Wir hatten unsere goldenen Jahre zwischen den 1980er und den 2000er Jahren, dann gab es eine längere Durststrecke." Mittlerweile habe sich die Situation wieder etwas entspannt, doch immer noch müssten Händler regelmäßig Insolvenz anmelden und ihre Läden dichtmachen. "Die Comicothek in Mannheim etwa gab es 35 Jahre lang, bevor sie vergangenes Jahr schließen musste", sagt Leitz und die Fassungslosigkeit ist ihm anzusehen. "Dabei war das wirklich eine tolle Geschäftslage, das ist Wahnsinn."

Doch Leitz empfindet nicht nur Bedauern, so ehrlich ist er. "Natürlich habe ich auch von der Schließung profitiert, viele der Kunden kommen jetzt zu uns in den Laden", sagt er. Kunden, von denen ihm jeder einzelne enorm wichtig ist. "Der Comic-Handel lebt von einer kleinen, aber treuen Leserschaft", sagt der 60-Jährige, der noch einen weiteren Laden in Mainz betreibt. "Das ist eine eingeschworene Gemeinde, die auch untereinander gut vernetzt ist."

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Früher war das Comic-Lesen vor allem Männersache, Superhelden und Abenteurer wurden zu Idolen ganzer Generationen. Zwar gehören Batman, Spider-Man und Co. noch immer zu den begehrtesten Figuren, doch vor allem durch den Trend hin zu Mangas, also japanischen Comics, konnten neue Leserkreise erschlossen werden. "Diese Sparte spricht vor allem die jüngeren Leser und auch Frauen an", erklärt Leitz.

Bis ins Feuilleton

Und auch die Neuetikettierung unter dem Begriff "Graphic Novel" - das Comic im erweiterten Buchformat -, die seit den 1980er Jahren aus den USA kommend langsam, aber stetig Einzug in die Branche hielt, brachte neuen Schwung. Die Geschichten beschäftigten sich nun auch mit gesellschaftlich relevanteren Themen und schafften es teilweise bis ins Feuilleton großer Zeitungen.

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Die Comic-Branche musste sich also gewissermaßen neu erfinden, um konkurrenzfähig zu bleiben. Auch deshalb möchte Leitz nicht allzu schwarz malen. "Es gibt keinen Grund, einen Trauergesang abzuhalten", sagt er. "Man kann davon leben, aber man muss Ahnung haben." Schon seit 26 Jahren existiert das Comic Zentrum, vor zwei Jahren zog man von der Bahnhofs- in die Ludwigstraße. Die Nachricht, dass in Mannheim bald ein neuer Comic-Laden eröffnet, lässt Leitz kurz stutzen. Doch er ist überzeugt, viele seiner Kunden halten zu können - wie etwa Fahed Refai. "Jedes Mal, wenn ich herkomme, habt ihr wieder etwas Neues, was ich mir kaufen muss", sagt dieser mit gespielter Entrüstung und nimmt sich ein dickes "Deadpool"-Heft - einer der Helden des Marvel-Universums - aus einem der vollgestellten Regale. Refai schätzt an Comics ihre unendlichen Möglichkeiten. "Du dringst in verschiedene Welten ein, keine ist wie die andere und es gibt ständig neue Blickpunkte", schwärmt der 20-Jährige, dem es insbesondere die Superhelden des Comic-Autoren Stan Lee (die Fantastischen Vier, Spider-Man, X-Men) angetan haben. "Der sagte einmal, dass jede einzelne Figur eine Antwort auf ein Problem aus seinem Leben ist, und ich finde, das merkt man. Ich lerne unheimlich viel beim Lesen seiner Geschichten."

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Gelernt hat auch Detlev Leitz durch Comics - und zwar das Lesen selbst. "Ich habe mit Comics zu tun, seit ich laufen kann", erzählt er. "Meine Mutter hat das damals unterstützt, was für diese Zeit sehr fortschrittlich war", erinnert sich der 60-Jährige. Denn lange Zeit galten die bunten Heftchen als Feinde der guten Kultur. "Comics machen dumm", war die weitläufige Meinung. Diese Vorurteile bestehen heute nicht mehr so sehr.

Das bestätigt auch Philipp Schreiber, Verleger von "schreiber&leser" in Hamburg, einem Comic-Verlag, der überwiegend Graphic Novels für Erwachsene herausgibt. "Letztens hat mich ein Deutschlehrer angesprochen und es bedauert, dass Kinder nicht mehr so viele Comics lesen", so Schreiber. Doch auch deren Liebe zu Tim und Struppi, Lucky Luke, Asterix und Obelix, Mickey Mouse und Co. soll durch den heutigen Gratis Comic Tag wieder neu entfacht werden.

Vor sieben Jahren kam die Idee dafür aus den USA nach Deutschland. "Die Verlage waren sehr aufgeschlossen", sagt Schreiber, der als Koordinator für die Aktion mitverantwortlich ist. Fast alle Comic-Verlage in Deutschland drucken dabei gemeinsam eine Auflage von 400 000 Heften, die dann zu vergünstigten Einkaufspreisen an rund 300 Händler abgegeben und dort an die Kunden verschenkt werden. "Mit der Aktion wollen die Verlage die Comic-Händler etwas unterstützen, Aufmerksamkeit für ihre Läden schaffen und Leute anlocken, die sonst nicht in ein Comic-Geschäft gehen würden oder die schon lange nicht mehr dort waren", erklärt der 43-Jährige.

Das Prinzip ist erfolgreich. Zumindest für Detlev Leitz ist der Gratis Comic Tag eine runde Sache. "Nach dem Weihnachts- und dem Ostergeschäft ist es einer der umsatzstärksten Tage", sagt er. "Die Leute verweilen im Laden, suchen sich ihre gratis Comics aus und finden dann vielleicht nebenbei noch etwas, das ihnen gefällt." Drei kostenfreie Heftchen darf jeder Besucher im Comic Zentrum mitnehmen. "Manchmal erwischt dann jemand den Beginn einer Serie und kommt wieder, weil ihn die Geschichte gefesselt hat und er wissen will, wie es weitergeht", so der Ladeninhaber.

Dem Alltag entfliehen

Comics können eine gewisse Faszination ausüben und sind die perfekte Fluchtliteratur. "In gut gemachte Geschichten kann man sich reinversetzen und so dem Alltag entfliehen", beschreibt Leitz das Gefühl, das viele Comic-Fans beim Lesen haben. Oft werden die Hefte zu Sammlerstücken, die keinen auch noch so kleinen Knick haben dürfen - auch ein Grund, warum die Digitalisierung für die Comic-Branche noch keine allzu große Gefahr darstellt. "Die optische Aufmachung und die spezielle Lesesituation haben eine große Bedeutung", sagt Leitz. Um manche Geschichten entwickeln sich regelrechte Kulturen. Die Leser lernen fiktive Sprachen oder kleiden sich wie ihre Idole.

So auch Fahed Refai. Der Ludwigshafener ist in einen engen Ganzkörperanzug gekleidet: "Deadpool", der Held aus seinem Comic. Ihm mache es Spaß, so rumzulaufen, sagt er. Ohnehin fühle er sich in der Szene, die er vor rund drei Jahren für sich entdeckte, wohl. Man wisse, an wen man sich wenden könne, wenn man Hilfe brauche, und man lerne viele wertvolle Menschen kennen, meint er, während er seine EC-Karte in das Lesegerät steckt. Dann verlässt er den Laden, kehrt zurück in die reale Welt, in die Hitze der Stadt, nur, um wenig später - zu Hause, in aller Ruhe - wieder in eine völlig andere Welt abzutauchen.