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Zeitreise

Karl Drais, der Stammvater der Mobilität

Mit der ersten Fernfahrt auf seiner Laufmaschine vom Mannheimer Schloss in den Süden der Quadratestadt gelingt Karl Drais am 12. Juni 1817 der epochale Schritt zur schnelleren menschlichen Fortbewegung ohne Pferd. Gleichwohl bleibt seine Würdigung lange Zeit aus.

Von 
Konstantin Groß
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So stellen sich die Zeitgenossen die Ausfahrt von Karl Drais auf seiner Laufmaschine 1817 vor. © Archiv

Hans-Erhard Lessing sieht ihn als „unseren größten Erfinder seit der Goethe-Zeit. Und zwar auf Augenhöhe mit Benz oder den Gebrüdern Wright“, wie der langjährige Hauptkonservator am Mannheimer Landesmuseum für Technik und Arbeit formuliert. Was lange als typisch lokalpatriotische Übertreibung abgetan wird, ist inzwischen Stand der Wissenschaft: Die Erstausfahrt von Karl Drais mit seiner Laufmaschine am 12. Juni 1817 vom Mannheimer Schloss in den heutigen Stadtteil Rheinau markiert den epochalen Schritt zur schnelleren menschlichen Fortbewegung ohne Pferd, damit den Urknall moderner Mobilität. Doch die Drais-Story bietet noch weit mehr: deutsche Demokratiegeschichte und ein Lehrstück für Manipulation von Geschichtsbildern.

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Das beginnt schon mit der Person Drais. Er ist eben kein „gelangweilter Dandy“, wie oft suggeriert wird. Die Familie Drais gehört in Baden zum niederen, dem Beamtenadel ohne Grundbesitz, der sich für den Lebensunterhalt einen ordentlichen Beruf suchen muss. Der Vater, Reichsfreiherr Wilhelm von Drais, studiert denn auch Jura und wird Richter. 1785 kommt sein Sohn zur Welt. Im Beisein des Paten, Markgraf Carl Friedrich, wird er getauft – auf den Namen Karl Friedrich.

Erinnerung an Karl Drais

Drais-Denkmal Mannheim: Die Idee dazu hat Paul Buchert, Geschichtslehrer am Lessing-Gymnasium und historisch interessierter CDU-Stadtrat. Sein Mitstreiter Ulrich Bechtold gestaltet ein Modell.

Finanzierung: Bürger und Vereine spenden, Unternehmen stellen ihre Arbeit in den Dienst des Projektes: So ist das Denkmal nicht nur privat initiiert, sondern auch ohne öffentliche Mittel finanziert (60 000 Euro).

Standort: Die dreieckige Grünfläche direkt am Karlsplatz – der authentische Ort und als Knotenpunkt des Auto- und Nahverkehrs im Mannheimer Süden auch im Blickfeld.

Gestaltung: Von Architekt Michael Marzenell bewusst so minimalistisch-modern gehalten wie die Laufmaschine bei ihrem Erscheinen 1817. Das Zweirad steht auf einem offenen Betonrahmen – eben weil diese Erfindung damals aus dem Rahmen fällt. Und der quadratische Rahmen ist natürlich ein Bezug zum Quadrate-Grundriss der Mannheimer City.

Verankerung vor Ort: Bald hat das Denkmal seinen Spitznamen weg: die Brille. Zumal einer der ehrenamtlichen Förderer, Michael Lösch, ein Optik-Geschäft in der Relaisstraße führt. Doch zeigt dieser Spitzname nur, dass sich die Menschen damit identifizieren. Viele Jahre lang wird von der Dachorganisation der Vereine hier jeweils am 12. Juni gefeiert.

Zukunft: Wenn der Karlsplatz ab 2024 umgebaut wird, soll das Denkmal wieder aufgestellt werden – auf dem Areal vor der Tankstelle.

Literatur: brandaktuell: Hans-Erhard Lessing/Tony Hadland: Evolution des Fahrrades, 524 Seiten, Springer-Verlag, 29,99 Euro. -tin

Früher Erfindergeist

Schon früh zeigt sich der Hang des Jungen zur Technik. Drais studiert Mathematik, Physik und Baukunst an der Universität Heidelberg. 1811 zieht er ins elterliche Haus nach Mannheim in M 1, 8 – nicht weit vom Schloss, in dessen rechtem Flügel der Vater mittlerweile als Präsident des Oberhofgerichtes amtiert.

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Der Sohn tritt formal in den staatlichen Forstdienst ein, seinen technischen Neigungen bleibt er treu, entwickelt etwa einen Klavierrekorder, um Musik aufzeichnen – ein Prinzip, das später bei Schallplatten Anwendung finden wird.

1813 lässt Drais einen vierrädrigen Wagen bauen, den er Fahrmaschine nennt. Der Antrieb besteht aus einer Tretmühle, die mit den beiden Hinterrädern verbunden ist. Der hintere Passagier tritt, der vordere lenkt. Sechs km/h ist das Gefährt schnell. Nach einer Vorführung in Karlsruhe schlägt Zar Alexander II. von Russland sogar eine Präsentation beim Wiener Kongress vor. Doch die Fürsten haben andere Sorgen, vor allem mit Napoleon.

Vulkan als Initialzündung?

Den Durchbruch für Drais bringt, so besagt es die „Tambora“-Theorie von Lessing, eine Naturkatastrophe am anderen Ende der Welt: Im April 1815 kommt es auf der Insel Sumbawa östlich von Bali zum Ausbruch des Vulkans Tambora – mit einer Explosionsstärke von 170 000 Hiroshima-Bomben. 70 000 Menschen sterben, die Aschewolke verbreitet sich über die gesamte nördliche Hemisphäre und führt hier zu Schneefällen im Sommer – und zu einem Ausfall der gesamten Ernte von 1816.

Das alles nach Jahren ohnehin schlechter Ernten und Verlusten durch die napoleonischen Kriege. Die Folge ist eine Hungersnot. Menschen verfallen sogar auf Moos und Katzenfleisch, stürmen Bäckereien und Mühlen, um Brot und Mehl zu erobern. Es kommt zu Revolten.

Die Not zeitigt aber auch Folgen für die Mobilität. Deren Hauptträger, die Pferde, verhungern ebenfalls oder müssen als Nahrung herhalten.

Lessing ist überzeugt: Dies ist der Anlass dafür, dass Drais seine Suche nach einer Mobilität ohne Pferde intensiviert. Er entwickelt eine Laufmaschine. Ihr Fahrer sitzt zwischen den Rädern und stößt sich mit den Füßen vom Boden ab. Das Gefährt besteht aus Holz (Waldesche), im Unterschied zu den heute gezeigten, klumpig wirkenden Nostalgie-Modellen sehr leicht, nur 18 Kilogramm.

Am 12. Juni 1817 unternimmt Drais damit seine erste Fernfahrt. Sie führt ihn von seinem Wohnhaus in M 1,8 auf der damals bestausgebauten Straße Badens, der Chaussee zwischen Mannheimer und Schwetzinger Schloss. Er wendet an einem ihm als Forstmeister bestens bekannten Forsthaus in Höhe des heutigen Karlsplatzes, in etwa dort, wo heute das Drais-Denkmal steht.

Drais benötigt für die Strecke knapp eine Stunde, was einer Geschwindigkeit von 14 oder 15 Stundenkilometern entspricht. „Damit war er eindeutig schneller als die Postkutsche, und dies aus eigener Kraft!“, macht Lessing die epochale Bedeutung dieser Fahrt deutlich.

Bereits das zeitgenössische Presseecho ist denn auch enorm, reicht bis nach Paris, dessen Korrespondent schreibt, dass diese Maschinen geeignet seien, „den Luxus von Pferden abzuschaffen und den Hafer- und Heupreis zu senken.“ Was er damit meint: In England kosten der Erwerb und der Unterhalt eines Pferdes 1700 Pfund, der Preis eines veritablen Hauses also, der Kauf eines Laufrades jedoch nur 20 Pfund.

Wagenbauer in ganz Europa, ja darüber hinaus, beginnen denn auch mit der Produktion – schätzungsweise bis zu 10 000 Exemplare weltweit. Drais selbst profitiert davon übrigens nicht. Zum einen sind die meisten Produkte schlichtweg Raubkopien, zum zweiten verbietet das badische Beamtengesetz ihm als Forstmeister Nebeneinkünfte.

Doch der jähe Boom findet auch ein jähes Ende. Die Ernte von 1817 fällt wieder positiv aus. „Das günstige Zeitfenster für diese Erfindung war geschlossen“, glaubt Lessing. Nun werden Laufmaschinen als störend empfunden, bereits im Dezember 1817 in Mannheim auf Gehsteigen verboten, später auch in Mailand, London, New York. Doch auf den von Pferden und Kutschen zerfurchten, nicht befestigten Straßen ist das filigrane Rad nicht fahrbar. So wird die Technologie tot gemacht.

Politisch in Ungnade

Das endgültige Ende für Drais‘ Innovation bringt ein politisches Ereignis: 1819 ermordet der demokratisch gesonnene Student Karl Ludwig Sand in Mannheim den reaktionären Bühnenautor August von Kotzebue. Das Oberhofgericht unter Vorsitz von Drais‘ Vater verhängt die dafür vorgesehene Todesstrafe, die 1820 durch Enthauptung vollstreckt wird. Der Hass der demokratischen Opposition, bei denen der Attentäter als Freiheitsheld gilt, trifft in Sippenhaft mit voller Kraft auch den Sohn.

In Deutschland sieht Drais keine Zukunft. Ein Freund seines Vaters nimmt ihn 1822 als Landvermesser mit auf seine Hacienda in Brasilien. Doch auch dort bleibt er seiner Passion treu: Dem Kaiser von Brasilien stellt er die vom ihm entwickelte Schreibmaschine mit Tastatur vor.

Nach Rückkehr in Deutschland 1828 entwickelt er sie weiter zur Stenomaschine auf Lochstreifen. 1000 Buchstaben pro Minute sind damit zu schaffen. Finanziert mit dem Erbanteil aus dem Verkauf des elterlichen Hauses, reist Drais damit sogar nach England, um sie den Stenografen des Londoner Parlaments vorzustellen. Doch die bleiben lieber bei ihrer traditionellen Handarbeit.

Drais‘ Reise ins Mutterland der Parlamente erfolgt nicht zufällig. Er ist ein überzeugter Demokrat. „Ich halte es für Zufall, in welcher Religion und in welcher Nation, in welcher Standeshöhe und mit welchem Reichtum ein Mensch geboren sei“, schreibt er 1828: „Ich bin daher der Meinung, dass man sich wegen den zufälligen Verschiedenheiten nicht hassen und verachten soll.“ Ist das nicht hochmodern, ja aktuell?

Doch damit macht er sich beim Regime des Vormärz unbeliebt. Es drangsaliert ihn mit den damaligen Mitteln, verwickelt ihn etwa in Wirtshausschlägereien. Nachdem er öffentlich das imperative Mandat für Abgeordnete fordert, kommt es sogar zu einem Mordanschlag mit einem Feuerspritzenrohr; nur durch blitzschnelles Wegducken entgeht er dem Schädelbruch. Drais zieht sich in den Odenwald zurück, in das Dorf Waldkatzenbach, erst 1845 in seine Geburtsstadt Karlsruhe.

Die Badische Revolution von 1848 ist seine Zeit. In einer Zeitungsannonce legt er öffentlich den Freiherren-Titel ab und will nur noch Bürger Drais genannt werden – gemäß dem revolutionären französischen Vorbild „Citoyen“. Doch die Revolution scheitert, und die Ächtung Drais‘ beginnt von neuem. Von zwei jungen Adeligen wird er zusammengeschlagen, seine Pension beschlagnahmt. Verarmt stirbt er im Dezember 1851 mit erst 66 Jahren in Karlsruhe – wenige hundert Meter von seinem hochherrschaftlichen Geburtshaus. Nur die mutigsten Freunde begleiten seinen Sarg.

Doch seine Erfindung macht lange nach seinem Tode Karriere – dank immer neuer Innovationen. Bei der Pariser Weltausstellung 1867 treten diese Frontkurbelvelozipede an die Öffentlichkeit. Unter denen, die damit eine Runde drehen, ist auch ein Mechaniker aus Mannheim: Carl Benz. „Es war also das Tretkurbelveloziped gewesen, das den Konstrukteur Benz . . . hin zum pferdelosen Individualverkehr antrieb“, schreibt Lessing. Er tritt damit der These entgegen, nicht das Fahrrad, sondern die Kutsche sei die technische Vorform des Autos.

Rückendeckung erhält er dafür von Technikhistorikern. „Keine frühere technische Innovation – nicht einmal der Verbrennungsmotor – war für die Entwicklung des Automobils so wichtig wie das Fahrrad“, urteilt James J. Flink in seinem Standardwerk „The Automobile Age“.

Bis vor kurzem fast vergessen

Doch trotz dieser offenkundigen Leistungen führt Drais im kollektiven Gedächtnis der Deutschen fast zwei Jahrhunderte lang ein Schattendasein. Bestenfalls vom verkannten Genie, das seiner Zeit voraus sei, wird gesprochen. Es dominieren das Narrativ vom verrückten Adeligen mit Geschichten wie der vom Salto portale, wonach er trunken auf seinem Zweirad die Karlsruher Rathaustreppe hinabfährt, nicht ohne sich und sein Gefährt zu lädieren.

Doch Historiker Lessing arbeitet minuziös heraus, dass es sich hierbei nicht um das bloße Verkennen eines Genies handelt. Es ist Ergebnis der bewussten Verbreitung eines falschen Geschichtsbildes über einen frühen Vorkämpfer der Demokratie durch deren Feinde. Die Salto-Geschichte etwa wird gestreut von einem Major namens von Seubert, Monarchist und Anti-Demokrat. Klar, dass sich im 20. Jahrhundert auch die Nationalsozialisten in diese Schweigespirale einreihen.

Das ändert sich erst in den 1990er Jahren, als das Fahrrad vom Nischengefährt für Freizeitler zu einer ernstzunehmenden Alternative für individuelle Mobilität in der modernen Industriegesellschaft wird – heute gibt es in Deutschland mehr als 80 Millionen. Mit Erforschung dieses Verkehrsträgers beginnt auch die Beschäftigung mit Drais.

Plötzlich sind die Orte seines Wirkens stolz auf ihren großen Sohn, seine Geburtsstadt Karlsruhe natürlich, Mannheim wie oft in solchen Dingen spät, und auch nur auf private Initiative hin. 2003 wird im Stadtteil Rheinau durch die Dachorganisation der Vereine ein Denkmal aufgestellt – an der Stelle, an der 1817 die in doppeltem Sinne historische Wende erfolgt.

Immerhin hat es Werbewirksamkeit bis über den Atlantik: Am 1. Juni 2017 berichtet die renommierte „New York Times“ mit einem Bild vom Rheinauer Drais-Denkmal über Mannheim als Stadt der ersten Fahrradtour der Geschichte – „the first bike tour in history“.

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