Himmlers Heiligtum

Vor rund 1800 Jahren beuten römische Legionäre einen Steinbruch über Bad Dürkheim aus. Wegen der Felsbilder vermuten die Nationalsozialisten eine germanische Kultstätte

Von 
Klaus Backes
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Gigantischer Felsfeld, mythisch aufgeladen: Radfahrer informieren sich am Krimhildenstuhl über den römischen Steinbruch. © Klaus Backes

Am 11. Mai 1935 besucht Heinrich Himmler, der Reichsführer SS, Bad Dürkheim, aber nicht um zu kuren, sondern wegen eines Steinbruchs. Dort hat der Prähistoriker Friedrich Sprater vom Historischen Museum der Pfalz zuvor 24 römische Inschriften und rund 40 Felsbilder freigelegt, darunter Hakenkreuze und Sonnenräder. Die Nationalsozialisten glauben deshalb, ein germanisches Heiligtum vor sich zu haben. Himmler ist begeistert und lässt das Gelände noch 1935 für die SS pachten.

Tipps für besucher

Entfernung von Mannheim: etwa 25 Kilometer

Fahrzeit: circa 25 Minuten

Fußweg: entweder vom Forsthaus Weilach (auf der Straße zwischen Bad Dürkheim und Leistadt links abbiegen). Vom Wanderparkplatz Weilach zur Wegspinne Schlagbaum, dort dem Weinsteig-Zeichen folgen. Alternative: von der Sonnwendstraße in Bad Dürkheim aus. Gegenüber dem Haus Nummer 33 beginnt ein Weg, der auch zum Krimhildenstuhl führt. Für beide Varianten gilt: Da die Beschilderung verbesserungswürdig ist, Wanderkarte oder Navi mitnehmen.

Stadtmuseum Bad Dürkheim: Römerstraße 20/22 (Stadtzentrum). Parken: im Parkhaus „Dürkheimer Haus“ oder gratis auf dem Wurstmarktparkplatz. Vom Bahnhof zehn Minuten zu Fuß zum Museum. Öffnungszeiten: Dienstag bis Sonntag 14 bis 17 Uhr. Eintritt frei. Rufnummern: 06322 935-404 oder 06322 935-137, Internet: https://www.bad-duerkheim.de/kultur-tourismus/sehen-erleben/museen/stadtmuseum/virtueller-rundgang/

Literatur: Dr. med. Adolf Stoll: Der Brunholdisstuhl am Ringwall über Bad Dürkheim, in: Mannheimer Geschichtsblätter, Jahrgang 1935, Heft 1-3; Heinz Cüppers (Herausgeber): Die Römer in Rheinland-Pfalz, Stuttgart 1990. kba

Um seine Faszination nachvollziehen zu können, muss man verstehen, wie die Nationalsozialisten den Steinbruch interpretieren. In den „Mannheimer Geschichtsblättern“ hat Adolf Stoll 1935 diese Sicht zusammengefasst. Er deutet den oberhalb des Steinbruchs liegenden Ringwall sowie den Krimhildenstuhl, der oft auch Brunholdisstuhl genannt wird, als Relikte eines germanischen Heiligtums und eines astronomischen Zentrums.

Dieses „Allerheiligste“ sei der Ausgangspunkt der Ringwallanlagen und habe ein Jahrtausend vor der römischen Besetzung der Region existiert. Und weiter: „Auch die Vermutung, dass sich hier oben eine Kulthöhle oder eine Grotte als Schauburg zu Ehren der germanischen Götter befunden haben könnte, ist von berufener Seite erörtert worden.“

Die „Hakenkreuzlegion“

Die Römer hätten durch ihren Steinbruch zwar Teile des Heiligtums verwüstet, doch gleichzeitig lebten die germanischen Kulte im Brunholdisstuhl fort. Deshalb gebe es die einmalige Ansammlung von germanischen Kalender- und Kultzeichen.

Doch wer hat sie in den Felsen gehauen? Jetzt wird es besonders skurril. Es waren „germanische Zwangslegionäre“, meint Stoll, die „im Bewusstsein der geheiligten Überlieferung des Platzes Zeichen (…) in die Felsen eingruben oder ältere Zeichen verschonten“. Die 22. Legion, die den Steinbruch betrieb, bezeichnete er als „Hakenkreuzlegion“, denn sie habe dieses Symbol in ihrem Truppenstempel geführt.

Weiter geht es auf der ideologischen Achterbahn. Stoll vermutet, dass die christliche Kirche die Felszeichnungen verschütten ließ. Der Grund: Weil man „ein Wiederaufleben der Kulte an der altheidnischen Stätte, die großen Ruf besessen haben muss, um jeden Preis verhindern wollte“. Unsinn, denn bei dem Gesteinsschutt handelt sich um den Abraum der höher gelegenen Abbauebenen. Selbst die Tatsache, dass im Steinbruch bis etwa 1870 Fasnachtsfeuer entfacht werden, wertet Stoll als Überrest einer tausendjährigen völkischen Überlieferung „aus dem Verdämmern der germanischen Kultstätte“.

Sprater hatte in einer 1917 erschienen Broschüre die Erkenntnisse über den Steinbruch zusammengefasst: „Vorrömische Zeit kommt für die Benützung des Steinbruchs nicht in Frage, da die beschriebene (Abbau-)Technik Werkzeuge voraussetzt, die in vorrömischer Zeit noch nicht bekannt waren.“

Angesichts der Mitte der 1930er Jahre wuchernden kruden Theorien, die aber quasi die „amtliche“ Sicht sind, wittert Sprater Gefahr für sich, weil er die Germanen-These nicht teilt. Deshalb lehnt er es ab, die weiteren Ausgrabungen zu leiten. In einem Schreiben an den NSDAP-Bürgermeister von Bad Dürkheim erläutert er seine Beweggründe: „Ich fürchte, dass die von Herrn Reichsminister Himmler erhofften Ergebnisse der Ausgrabungen sich nicht einstellen werden. Insofern ist es mir sehr erwünscht, mit diesen Grabungen nichts unmittelbar zu tun zu haben. Es würde sonst doch nur heißen, dass ich nichts habe finden wollen.“ Eine mutige Weigerung, die für Sprater keine Konsequenzen hat.

Nun übernimmt die SS-Organisation „Ahnenerbe“ das Projekt. Die „Forschungsgemeinschaft Deutsches Ahnenerbe“ hatte Himmler am 1. Juli 1935 gegründet. Die Organisation sollte unter anderem archäologische und historische Studien durchführen. Während des Zweiten Weltkriegs beteiligte sie sich aber auch am Kunstraub in den besetzten Ländern, und eine Unterorganisation führte in Konzentrationslagern oft tödliche Versuche an Menschen durch. Das „Ahnenerbe“ diente Himmler als Instrument bei dem Versuch, die NS-Rassenideologie wissenschaftlich zu untermauern. Sogar eine Tibet-Expedition gab es, denn dort sollte der Ursprung der Europäer liegen.

SS-Scharführer Johann Lohausen macht sich im November 1937 ans Werk, und der Reichsarbeitsdienst räumt den Gesteinsschutt weg. Funde sollen in der neuen Abteilung „Krimhildenstuhl-Museum der Ahnenerbe-Stiftung“ im Dürkheimer Museum ausgestellt werden. Im November 1938 übernimmt Himmler zudem die Schirmherrschaft über die dortige vor- und frühgeschichtliche Abteilung. Doch die Grabungsergebnisse bleiben mager: Weder eine Kultgrotte noch die Reste eines astronomischen Ortungssystems tauchen auf, lediglich zwei Felsbilder: ein Pferdekopf und – immerhin - ein Hakenkreuz.

Skeptischer Hitler

Es gibt Kritik an dem Vorhaben. Alfred Rosenberg, der „Beauftragte des Führers für die gesamte geistige und weltanschauliche Schulung und Erziehung der NSDAP“, hält das Projekt seines Konkurrenten Himmler für die „Ausgeburt einer zügellosen Phantasie“. Hitler kann dem Germanenfimmel des SS-Chefs überhaupt nichts abgewinnen. Während einem seiner endlosen Monologe im Führerhauptquartier spricht er am 8. Februar 1942 auch über Römer und Germanen: „In einer Zeit, wo die anderen schon Steinstraßen besaßen, hat unser Land Zeugnisse der Kultur nicht aufzuweisen. (…) Bei allen Funden in unseren Gegenden bin ich skeptisch: Diese Sachen sind oft ganz woanders erzeugt worden.“ Über die Externsteine bei Detmold, für Himmler ebenfalls ein germanisches Heiligtum, spottet er: „Die Externsteine waren sicherlich nicht Kultstätten, sondern Zufluchtspunkte, auf welche die Leute sich zurückgezogen haben, um aus dem steigenden Schlamm herauszukommen.“ 1939 stellt die SS die Ausgrabungen ein.

Heute liegt der Krimhildenstuhl an einem beliebten Wanderweg. Viele Spaziergänger und Mountainbiker bleiben stehen, um die Informationstafeln zu studieren. Inschriften und Bilder in der Felswand wurden mit Pfeilen markiert, doch ohne Fernglas sind nur wenige deutlich erkennbar. Wer mehr über den Steinbruch wissen und Felsbilder sowie Inschriften aus der Nähe sehen will, sollte das Stadtmuseum von Bad Dürkheim besuchen. Dort werden Abgüsse von Inschriften und Symbolen gezeigt, ein Modell des Krimhildenstuhls und einige dort gefundene römische Werkzeuge.

„Bis zu den Ausgrabungen bedeckten gewaltige Schuttmassen einen großen Teil der Felswände. Was den Legionären in den Schutt gefallen ist, blieb dort, bis es in den 1930er Jahren freigelegt wurde“, erläutert Britta Hallmann-Preuß, die Leiterin des Stadtmuseums. Seit wann trägt der Krimhildenstuhl seinen Namen? Bereits im Mittelalter, antwortet sie, „aber er hat definitiv nichts mit den Nibelungen zu tun“.

Britta Hallmann-Preuß geht auf die römischen Steinbrüche ein, von denen am Haardtrand viele existierten. „Das Besondere am Krimhildenstuhl sind die Felsinschriften, die es bestimmt auch in anderen Steinbrüchen gab. Sie blieben aber nur hier so zahlreich erhalten, weil nach den Römern kein Abbau mehr erfolgte. In Form und Vielfalt ist nichts Vergleichbares bekannt.“

Besondere Inschriften

Die Inschriften belegen eindeutig, dass etwa vom Ende des 2. bis Mitte des 3. Jahrhunderts Legionäre der 22. Legion im Krimhildenstuhl schufteten. Eine Weihinschrift für den Kaiser Septimus Severus ermöglicht eine recht genaue Datierung. Ein solcher Einsatz ist nicht ungewöhnlich, betont die Museumsleiterin. In den Legionen gab es viele Spezialisten wie Handwerker, Architekten, Straßenbauer, Steinmetze und andere mehr. „Man weiß, dass die Legionäre handwerklich geschult waren. Es sollte alles produziert werden, was man selbst brauchte. Überschüsse wurden verkauft.“

Noch einige Anmerkungen zur 22. Legion, die zur Zeit der Steinbrucharbeiten in Mainz stationiert war. Soweit bekannt, bestand sie nicht aus Germanen, sondern fast ausschließlich aus Italikern und Galliern. Zumindest Teile der Einheit bauen am 120 nach Christus begonnenen Hadrianswall mit, der England vor den wilden Stämmen des Nordens schützen soll. Eine besondere Affinität der Legion zu Hakenkreuzen zählt wohl zu den Erfindungen Stolls. Die Pfalz ist ein Land der Sagen. Über den Krimhildenstuhl gibt es keine. Aber die Gedankenakrobatik der Nationalsozialisten hätte das Zeug dazu, ins Reich der lokalen Mythen und Legenden einzugehen.

Redaktion

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