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„Guillotine ins Museum!“ - die Geschichte einer staatlichen Tötungsmaschine

Erst vor 40 Jahren findet ein jahrzehntelanger Kampf für Humanität sein erfolgreiches Ende: 1981 schafft Frankreich die Todesstrafe ab. Im 19. und beginnenden 20. Jahrhundert wird das Fallbeil auch in Deutschland eingesetzt, vor allem in Baden.

Von 
Konstantin Groß
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Die Hoch-Zeit der Guillotine: die Jahre nach der Französischen Revolution von 1789 – hier eine Szene aus dem Spielfilm „Danton“ von 1983 mit Gerard Depardieu in der Titelrolle. Der Revolutionär Danton stirbt 1794 selbst unter dem Fallbeil.

Auf dem Friedhof von Evry nahe bei Paris. Ein Flecken ohne Blumen. Ohne Grabkreuze. In diesem Erdstreifen werden Enthauptete nach ihrer Hinrichtung verscharrt. Nachts. In aller Heimlichkeit. Erst im Morgengrauen erhalten Angehörige Gelegenheit, Abschied zu nehmen.

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Keine Geschichte aus dem finsteren Mittelalter, sondern aus den 1970er Jahren. Also keine 50 Jahre her. Denn erst 1981, vor genau 40 Jahren, wird die Todesstrafe in Frankreich abgeschafft, als letztem Land Westeuropas. Derzeit erinnert die Grande Nation daran – mit einer von Staatspräsident Emmanuel Macron feierlich eröffneten großen Ausstellung im Pariser Pantheon.

Dabei gilt die Guillotine bei ihrer Einführung 1792 als humane Errungenschaft. Zuvor werden Verurteilte gehängt, verbrannt, gerädert oder gar gekocht. Die Revolutionäre von 1789 sehen sich als Vorreiter der Menschlichkeit, bleiben aber auf halbem Wege stecken: Sie schaffen zwar die Folter ab, führen jedoch die Todesstrafe fort, wenn auch in einer in ihren Augen humanen Form. Mit Durchtrennung der Halswirbelsäule beträgt die Schmerzempfindlichkeit in der Tat nur Zehntelsekunden.

Dr. Guillotin nicht der Erfinder

Unausrottbar ist der Irrtum, die Guillotine sei nach ihrem Erfinder benannt. Erbaut wird sie nämlich von einem deutschen Klavierbauer namens Tobias Schmidt. Dr. Joseph Guillotin ist lediglich derjenige, der sich als Abgeordneter für deren Einführung einsetzt; der Delinquent spüre nur „eine leichte Frische am Hals“, versichert der Arzt. Dass die staatliche Mordmaschine nach ihm benannt wird, wird er jedoch nie verwinden. Seine Nachfahren nehmen denn auch andere Namen an.

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König Ludwig XVI. hat Bedenken, ob das Fallball „auf alle Hälse passt“, unterschreibt dann aber doch 1792 das Gesetz zu dessen Einführung. Wenige Monate später wird er selbst dessen Opfer. 1793 folgt ihm seine Gemahlin Marie-Antoinette. Ihre letzten Worte lauten „Pardon, Monsieur!“, als sie dem Henker versehentlich auf den Fuß tritt.

Der Beginn des Großen Terrors, und die Guillotine ist sein Werkzeug. Auf dem Höhepunkt unterzeichnet Revolutionsführer Robespierre innerhalb von sechs Wochen 1285 Todesurteile. Ohne Unterlass verkehren die Karren vom Kerker, der Conciergerie, auf die heutige Place de la Concorde, auf der die Guillotine begierig auf immer neue Nahrung wartet. Bald auch auf Robespierres Handlanger Danton und schließlich, im Juli 1794, auf Robespierre selbst.

Trotz der Mechanisierung dieses Tötens bleibt für den, der das Fallbeil auslöst, eine seelische Last: „Heute Abend, als wir uns zu Tisch setzten, habe ich Blutflecke auf dem Tischtuch gesehen“, schreibt der langjährige Scharfrichter Sanson in sein Tagebuch. Seine Depression führt den Henker in Bars und Bordelle. Dadurch stark verschuldet, verpfändet er im Jahre 1847 die Guillotine. Als sie für eine Hinrichtung benötigt wird, ist sie daher nicht mehr vorhanden und muss vom Staat ausgelöst werden. Sanson wird entlassen.

1939 letztmals öffentlich

Das Gerät selbst, als „nationales Rasiermesser“ persifliert, überlebt alle politischen Umbrüche. Sämtliche Vorstöße zur Abschaffung scheitern. Und derer gibt es viele. Schon 1848 ruft der Dichter Victor Hugo („Les Miserables“) den Abgeordneten zu: „Die Todesstrafe ist das besondere und ewige Zeichen der Barbarei“.

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Guillotine als Spektakel: letzte öffentliche Hinrichtung 1939. © Archiv

Im Unterschied zu Hinrichtungen in den meisten anderen zivilisierten Staaten sind sie in Frankreich sogar öffentlich. Zuletzt am 17. Juni 1939, als vor dem Gefängnis St. Pierre in Versailles der sechsfache Mörder Eugen Waidmann, ein 31jähriger Deutscher, hingerichtet wird. 10 000 Schaulustige reisen an. Die umliegenden Cafés sind voll, Champagner-Korken knallen, die Fenster sind an Fotografen vermietet. Ein Hobbyfilmer hält den Moment fest, in dem das Messer in die Tiefe rast und der Kopf in den Korb fällt. Begeisterte Frauen tauchen ihre Taschentücher in das Blut am Boden. Das ist zu viel: Die Regierung verbietet öffentliche Exekutionen.

Fortan werden sie in den Höfen der Gefängnisse vollstreckt, in den 1940er Jahren in zunehmender Zahl auch an Frauen. Am 30. Juli 1943 etwa wird Marie-Louise Giraud hingerichtet, weil sie 20 Abtreibungen vorgenommen hat.

In der Amtszeit von General de Gaulle von 1959 bis 1969 werden 16 Todesurteile vollstreckt. So etwa an Jean Bastien-Thiry wegen seines Attentates auf den Staatschef. Dabei werden auf de Gaulle und seine Frau 187 MG-Schüsse abgefeuert, einige verfehlen beide nur um Millimeter. De Gaulle lehnt eine Begnadigung ab, da der Attentäter den Tod seiner Frau in Kauf genommen habe. Da Bastien-Thiry Offizier ist, wird er nicht geköpft, sondern erschossen.

„Der Gerechtigkeit ihren Lauf lassen“: So sieht die Ablehnung eines Gnadengesuches durch den Staatspräsidenten aus, hier 1976 durch Giscard d’Estaing. © Archiv

Präsident Georges Pompidou begnadigt in seiner Amtszeit zwischen 1969 und 1974 zwölf von 15 Todeskandidaten. Drei Gesuche lehnt er, davon zwei von Kindermördern. Nachfolger Valery Giscard d´Estaing gilt als Gegner der Todesstrafe. Doch in seiner Amtszeit begnadigt er nur vier Verurteilte, drei lässt er hinrichten, darunter zwei Kindermörder. Der letzte, der auf der Guillotine stirbt, ist am 10. September 1977 im Gefängnis von Marseille der Tunesier Hamida Djandoubi. Der 21-Jährige hat seine Ex-Freundin vergewaltigt, gefoltert und erwürgt. Kurz vor den Parlamentswahlen von 1978 lehnt Giscard seine Begnadigung ab.

Am Ende hilft ihm das nicht lange. 1981 verliert er gegen den Sozialisten Francois Mitterrand, einen erklärten Gegner der Todesstrafe. „Die fünf zum Tode verurteilten Franzosen brachen in Freudentränen aus“, berichtet damals „MM“-Korrespondent Uwe Karten Petersen aus Paris.

Abschaffung durch Mitterrand

Zum Justizminister ernennt Mitterrand den Anwalt Robert Badinter, Verteidiger mehrerer Todgeweihter. Unmittelbar nach seinem Amtsantritt bringt er in der Nationalversammlung den Gesetzentwurf zur Abschaffung der Todesstrafe ein: Am 18. September 1981 wird er mit 369 gegen 116 Stimmen angenommen. Am 9. Oktober 1981 unterzeichnet Mitterrand das Gesetz – die Guillotine ist nach 189 Jahren abgeschafft.

Ausstellung, Literatur, Filme

  • Ausstellung: Bis 9. Januar 2022 im Pariser Panthéon, dem „Ruhmes-Tempel der französischen Nation“, am 9. Oktober eröffnet durch Staatspräsident Emmanuel Macron und den ehemaligen Justizminister Robert Badinter (93), den „Vater der Abschaffung der Todesstrafe in Frankreich“. Originaldokumente und Filme zeigen den jahrzehntelangen Kampf gegen die Guillotine. Näheres unter www.paris-pantheon.fr.
  • Literatur: „Tagebücher der Henker von Paris 1685-1847“, 2 Bände, 1984. Eindrucksvolles Dokument des Wirkens einer Henker-Dynastie und Sittengemälde der Epoche.
  • Filme: Viele französische Regisseure haben sich mit dem Schrecken der Todesstrafe auseinandergesetzt, vor allem André Cayatte 1952 in seinem Meisterwerk „Wir sind alle Mörder“. Darin zeigt er, wie die Aufseher sich auf Socken der Todeszelle nähern, damit der Verurteilte möglichst spät merkt, dass er an der Reihe ist. In einer eindrucksvollen Szene des Films beschimpfen die Gefangenen die Wärter, die den Delinquenten abführen, als „Assassin“ (Mörder).
  • Deutsche Guillotine: Eine der verschiedenen badischen Guillotinen („Rastatter Model“) ist im Strafvollzugsmuseum in Ludwigsburg zu besichtigen. Mit ihr wurde im Februar 1949 Richard Schuh (28) hingerichtet, der einen Lkw-Fahrer ermordet hatte, um dessen Autoreifen verkaufen zu können. Außerdem befindet sich hier eine Guillotine aus Berlin-Moabit. Mit ihr wurde im Gefängnis in der Lehrter Straße im Mai 1949 Berthold Wehmeyer (23) hingerichtet, der eine Frau vergewaltigt, getötet und beraubt hatte. Weitere Infos: www.strafvollzugsmuseum.de. -tin

 

Im Etat des Justizministers wird ein Posten frei, mit 45 000 Francs jährlich dotiert: der des 60-jährigen Marcel Chevalier, seit 1976 Henker, nachdem er zuvor seit 1957 Henkergehilfe war. Eigentlich hat er vor, den Job an seinen Sohn Eric (27) zu übertragen – in diesem Beruf Tradition.

Am 19. Februar 2007 wird das Verbot der Todesstrafe mit 828 zu 26 Stimmen sogar in der Verfassung verankert. Doch dieses Stimmenverhältnis täuscht. Im Volk hat die Todesstrafe stabile Mehrheiten, noch 2020 von 55 Prozent, nicht nur, aber vor allem bei Anhängern von Le Pen.

Badisches Fallbeil in Bruchsal

Durch die napoleonischen Kriege kommt die Guillotine zu Beginn des 19. Jahrhundert auch nach Deutschland. 1803 etwa wird in Mainz der als „Schinderhannes“ bekannte Räuber Johannes Bückler geköpft.

Stark genutzt wird das Fallbeil in Baden. Von 1848 bis 1932 werden hier 37 Männer und zwei Frauen geköpft. Ihren Standort hat die Guillotine in Bruchsal, für ihre Einsätze wird sie, in Kisten verpackt, per Eisenbahn an die Orte der Hinrichtung im Lande transportiert. 1937 wird sie nach Berlin-Plötzensee verlegt, der neuen zentralen Hinrichtungsstätte. In der NS-Zeit werden über 12 000 Menschen per Fallbeil hingerichtet, unter ihnen 1943 Sophie Scholl.

Mit Kriegsende ist die Todesstrafe nicht automatisch abgeschafft. Die beiden letzten Hinrichtungen auf Grund des Urteils eines zivilen deutschen Gerichtes erfolgen am 18. Februar 1949 in Tübingen an dem Raubmörder Richard Schuh und am 11. Mai 1949 in Berlin an dem Raubmörder Berthold Wehmeyer.

Kurz danach, am 23. Mai 1949, wird die Todesstrafe in der Bundesrepublik durch das Grundgesetz abgeschafft. In der DDR werden bis 1981 mindestens 164 Menschen hingerichtet – bis 1967 mit der Guillotine, die in Leipzig ihren Standort hat.

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