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Zeitgeschichte

Ausstellung in Heidelberg erinnert an Altkanzler Helmut Schmidt

Helmut Schmidt gilt auch 40 Jahre nach Ende seiner Amtszeit und sieben Jahre nach seinem Tode vielen Deutschen noch als ihr liebster Kanzler. Eine Ausstellung in Heidelberg erinnert derzeit an den Politiker mit dem herausragenden Charisma.

Von 
Konstantin Groß
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Er rettet zahlreiche Menschenleben, indem er als Innensenator von Hamburg bei der großen Flut 1962 Kompetenzen an sich reißt, die ihm nicht zustehen. Menschenleben rettet er auch 1977, indem er den Befehl zum Sturm der von Terroristen entführten Lufthansa-Maschine „Landshut“ in Mogadischu gibt. Sich selbst bleibt er 1982 treu in Sachen Nato-Nachrüstung, als die Mehrheit seiner Partei und der Bevölkerung sich längst gegen ihn stellt. Doch in puncto Rauchen wird seine Unbeugsamkeit am Ende zu Starrsinn.

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Es sind jene Punkte, mit denen Helmut Schmidt auch sieben Jahre nach seinem Tode im kollektiven Gedächtnis der Deutschen verewigt bleibt. Und dies, obwohl er gerade mal halb solange regiert wie Helmut Kohl oder Angela Merkel und man heute schon älter als 50 sein muss, um ihn in seiner Kanzlerschaft von 1974 bis 1982 bewusst erlebt zu haben. Dennoch gilt er auch Jüngeren als Idol – sonst wären Umfrageresultate nicht möglich, wonach er vielen Deutschen ihr liebster Kanzler ist.

Helmut Schmidt 2014 im Alter von 93 Jahren. Um mehr als 30 Jahre hat der Elder Statesman seine Amtszeit als Bundeskanzler überlebt – und unsere Sicht darauf selbst geprägt.

Das gilt gerade heute. In einer Zeit des Zögerns und Zauderns von Politik erscheint der hanseatische Sozialdemokrat als „big Entscheider“. Ist er das oder wird er nur verklärt? Eine aktuelle Ausstellung in Heidelberg bietet Gelegenheit zur Reflexion, aber vor allem zur Erinnerung.

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Der Staatsmann

Die Fotos zeigen den „Weltstaatsmann“, wie sein ewiger Kontrahent, der CSU-Chef Franz Josef Strauß, damals in spöttischer Absicht zu formulieren pflegt. Doch das ist er ohne Zweifel. Schmidt ist es, der mit dem ihm freundschaftlich verbundenen französischen Staatspräsidenten Valery Giscard d‘Estaing die Grundlage zum Euro legt, der regelmäßige Treffen der führenden Wirtschaftsnationen (G 7) begründet.

Eine historische Leistung, von vielen als solche damals nicht erkannt, wird das Treffen auf Guadeloupe 1979. Auf der französischen Karibikinsel sitzt Schmidt neben US-Präsident Jimmy Carter, dem britischen Premier James Callaghan und Giscard – als Repräsentant der Verlierernation des Zweiten Weltkrieges unter seinen Siegern. Erst jetzt ist Deutschland voll anerkannt.

Doch heute kann manche außenpolitische Sicht des späten Schmidt auch irritieren, nicht nur die positive Haltung zu China. „Wir würdigen ihn kritisch“, versichert Magnus Koch von der Schmidt-Stiftung, von der die aktuelle Ausstellung veranstaltet wird. Er nennt das Interview mit der „ZEIT“ vom 27. März 2014. Frage: „Herr Schmidt, Russlands Annexion der Krim ist ein klarer Bruch des Völkerrechts.“ Antwort Schmidt: „Ein Bruch des Völkerrechts? Da habe ich schon meine Zweifel.“

Umstrittene Ansichten

Auch in Sachen Migration hat Schmidt eine eigene Sicht der Dinge. „Zuwanderung aus fremden Zivilisationen schafft mehr Probleme, als es uns auf dem Arbeitsmarkt an positiven Faktoren bringen kann“, sagt er 2010 bei Sandra Maischberger.

Mit Umwelt- und Gesellschaftspolitik hat er ebenfalls wenig am Hut. Für die Träumereien der Jugend– sowohl für die 1968er als auch die Friedens- und Umweltbewegungen der 1980er Jahre – hat er weder eine Ader noch Verständnis. Legendär seine Formulierung „Wer Visionen hat, der sollte zum Arzt gehen.“

Im Mittelpunkt seines Interesses steht stets der Komplex Wirtschaft/Finanzen/Soziales. Notgedrungen. Immerhin hat er zwei Ölpreiskrisen zu bewältigen, 1979 als Kanzler, 1973 als Finanzminister. Autofreie Sonntage werden angeordnet. Wovon Politiker heute als Gefahr lediglich reden, nämlich der Energiemangel – Schmidt muss sie durchstehen.

Geprägt ist seine Amtszeit von einer bis dahin unbekannten Arbeitslosigkeit. „Lieber fünf Prozent Inflation als fünf Prozent Arbeitslosigkeit“, lautet Schmidts legendäre Losung (die auch das heutige Motto der EZB sein könnte). Am Ende hat Schmidt beides und verliert das Amt.

Seine eigentliche Bewährungsprobe jedoch besteht er: den Terrorismus. „In der Krise zeigt sich der Charakter“, sagt er einmal. Der „Deutsche Herbst 1977“ ist Schlüssel-Ereignis der Amtszeit Schmidts und auch der Nachkriegsgeschichte.

Hintergrund: Um Komplizen aus dem Gefängnis freizupressen, entführen Terroristen 1977 zeitgleich den Arbeitgeberpräsidenten Hanns-Martin Schleyer und eine Lufthansa-Maschine. Schmidt bleibt hart. In einer dramatischen Fernsehansprache lehnt er die Forderungen nach Freilassung ab. Die Brille, die er dabei trägt, ist Teil der Ausstellung.

„Der Held von Mogadischu“

In der somalischen Hauptstadt Mogadischu angekommen, drohen die Entführer, eine Geisel nach der anderen zu erschießen – so wie den Flugkapitän Jürgen Schuhmann. Schmidt entsendet die Sondereinheit GSG 9 ans Horn von Afrika und befiehlt, dort die Lufthansa-Maschine zu stürmen. Alle Geiseln werden gerettet. Nicht nur sie sind ihm dafür auf ewig dankbar. Der Ruf des „Helden von Mogadischu“ ist geboren.

Doch der Triumph hat eine tragische Seite: Nach dieser Aktion wird Schleyer von den Entführern ermordet. Seine Witwe wird dem Kanzler dies nie vergeben. Und der trägt für den Rest seines Lebens schwer unter seiner politischen Verantwortung.

Doch der Pflichtmensch Schmidt verlangt nichts, zu dem er nicht selbst bereit ist. Bei einem abendlichen Spaziergang im Garten des Bonner Kanzlerbungalows versprechen sich er und seine Frau Loki: Würde einer von ihnen entführt, sollen im Austausch für sie keinesfalls inhaftierte Terroristen freigelassen werden. So fixieren sie es schriftlich.

Und natürlich steht Schmidt ganz oben auf der Todesliste der Roten Armee Fraktion (RAF). Doch mit Todesgefahr zu leben, das lernt er im Weltkrieg, am schlimmsten Schauplatz, der Ostfront. Manche Sicht darauf irritiert jedoch. Die Wehrmacht sei frei von NS-Geist gewesen, sagt er. Vom Ausmaß des Holocaust habe er erst nach Kriegsende erfahren.

1981 führt Schmidts Zeit als Offizier zur bislang schwersten Krise zwischen Deutschland und Israel. Er wisse zwar nicht, so der israelische Ministerpräsident Menachem Begin, was Schmidt „in Bezug auf die Juden“ an der Ostfront getan habe. Aber im Osten seien „hauptsächlich die Juden vernichtet worden“. Erst nach Ende seiner Kanzlerschaft wird öffentlich bekannt, dass Schmidt selbst jüdische Vorfahren hat.

Das weiß man noch nicht, als er 1977 als erster deutscher Bundeskanzler Auschwitz besucht. „In Auschwitz kann niemand der Erkenntnis ausweichen, dass Politik etwas Anderes ist“, formuliert er hier in einer seiner ganz großen Reden: „An diesem Ort wird deutlich, dass Geschichte nicht nur als eine Kette von kausalen Ereignissen und Handlungen verstanden werden kann.“

Schmidt ist auch der erste Kanzler, der 1978, zum 40. Jahrestag der Pogromnacht, in einer Synagoge spricht; der Kanzler, der 1982 den Mord an den Sinti und Roma als Völkermord anerkennt. Das geschieht in einem Gespräch mit Romani Rose, damals wie heute Präsident des Zentralrates der Sinti und Roma. „Ich bin stolz, dass ich mit ihm vier Reyno-Zigaretten rauchen durfte“, erzählt Rose am Rande der Ausstellungseröffnung. Einige Reynos finden sich denn auch in einem Schaukasten. Das sind heutzutage Ikonen.

Überhaupt das Rauchen. Wenn es einen Punkt gibt, in dem Schmidt unbelehrbar ist, dann ist es dieser. In seinen späten Jahren sagt er bei keiner Veranstaltung zu, bei der er nicht qualmen darf – trotz Rauchverbots. Die Nichtraucherwelle hält er für eine Mode, die wieder vergeht – für gesellschaftliche Entwicklungen hat er eben weder Ader noch Verständnis. Zigaretten-Fans ist der fast 97 Jahre alt werdende Kettenraucher stets willkommenes Referenzobjekt.

Doch er zahlt einen hohen Preis. „Wir haben ihn mehrmals bewusstlos in seinem Büro gefunden“, erzählt Sekretärin Lilo Schmarsow später. Von Kreislaufzusammenbrüchen und Herzanfällen bis zu Schilddrüsenstörungen und Bindehautentzündungen hat seine Krankenakte alles zu bieten. Die Schwerhörigkeit schmerzt den Liebhaber klassischer Musik, weil er Beethoven nur noch als Krächzen wahrnimmt.

Der größte Schlag in späten Jahren ist der Tod seiner Frau Loki fünf Jahre vor seinem eigenen. Sie kennen sich seit Kinderzeiten, sind 68 Jahre verheiratet. Bei der Trauerfeier sieht man den Mann, der sonst niemals Gefühle zeigt, weinend in seinem Rollstuhl zusammensinken.

Dennoch erlebt auch diese Liebe ihre Krise. Nach Lokis Tod, aber erst kurz vor seinem eigenen, drängt es Schmidt, seine frühere Beziehung zu einer anderen Frau zu enthüllen. „Es muss Ende der sechziger, Anfang der siebziger Jahre gewesen sein, als Loki mir deswegen die Trennung angeboten hat“, berichtet er: „Es war in meinen Augen eine ganz und gar abwegige Idee.“ Sie verbindet eben Tieferes. Doch ohne Zweifel: Schmidt ist schon von der Physiognomie ein Typ. Einer, der „was vorstellt“, wie ältere Damen noch in den 1970er Jahren zu formulieren pflegen.

Begnadeter Selbstdarsteller

Dabei: Das öffentliche Bild beruht nicht zuletzt auf einem Image, das er sich selbst schafft. „Sein erster Blick war stets: Wo steht die Kamera?“, berichtet Kurator Magnus Koch. Die Inszenierung reicht bis in Details der Gestik und Mimik. Den Kopf mit dem stets akkurat gestylten Seitenscheitel in die mit einer Zigarette versehene Hand drapiert, dazu die nach unten hängenden Enden der Oberlippe, die wahlweise Anspannung oder Erschöpfung signalisieren und damit ein zentrales Narrativ illustrieren: vom Kanzler, der schwer an der Last des Amtes trägt.

Doch es ist noch eine Amtszeit ohne Social Media. Hätte er auf ihrer Klaviatur zu spielen gewusst oder mit seiner flinken Zunge täglich Shitstorms produziert? Hätte er in der Corona-Krise schneller als Angela Merkel die 16 Ministerpräsidenten unter einen Hut gebracht – zu seiner Zeit sind es nur elf Bundesländer. Hätte er in der Ukraine-Krise die 27 EU-Mitgliedsstaaten zu mehr Einigkeit gebracht – zu Schmidts Zeit gibt es davon gerade mal zehn.

Vielleicht wäre er selbst mit uns heute duldsamer als wir alle denken. Zur Frage, was gute Politik sei, sagt er 1986 in seiner letzten Bundestagsrede: „Das, was wir erreichen, was wir tun wollen, soll moralisch begründet sein. Der Weg dahin muss aber realistisch, er darf nicht illusionär sein. Keine Begeisterung sollte größer sein als die nüchterne Leidenschaft zur praktischen Vernunft.“

Überhaupt beschäftigen ihn im Alter eher grundsätzliche Fragen, gegen Ende seines Lebens auch die Faust‘sche nach der Religion und Gott. „Gott hat allzu viele schlimme Dinge zugelassen“, sagt er 2007: „Er hat Auschwitz zugelassen. Er hat den Mord an sechs Millionen Juden zugelassen. Er hat die beiden Weltkriege zugelassen. Ich kann mir unter solchen Worten wie Gottes Gerechtigkeit eigentlich nichts Richtiges vorstellen, muss ich bekennen.“

Helmut Schmidt entdecken

Grabstätte: Das Grab von Helmut und Loki Schmidt befindet sich auf dem Ohlsdorfer Friedhof in Hamburg, Grabstätte Nr. U33 244-249.

Wohnhaus: Hamburg-Langenhorn, Neubergerweg 80. Ein halbes Jahrhundert haben Helmut und Loki Schmidt hier gewohnt und viele Staatsgäste empfangen. Das Haus ist daher ein Ort der Zeitgeschichte.

Besichtigung: Seit 1. Juni sind wieder Anmeldungen zu Führungen möglich (www.helmut-schmidt.de). Die Plätze sind allerdings eng begrenzt. Darüber hinaus gibt es einen virtuellen Rundgang auf besagter Website sowie den Bildband „Zuhause bei Loki und Helmut Schmidt“ (Preis 22 Euro).

Büro: Im ehemaligen Bundeskanzleramt in Bonn im Originalzustand zu besichtigen. Infos: www.hdg.de.

Gedenken: 2017 gründete der Deutsche Bundestag die Bundeskanzler- Helmut-Schmidt-Stiftung zum Erhalt des Andenkens an das Wirken von Schmidt. Die Stiftung (Kuratoriums-vorsitzender: Peer Steinbrück) hat ihren Sitz im Kontorhausviertel in der Hamburger Altstadt (Kattrepel 10) neben dem Pressehaus der „ZEIT“, das 2016 in „Helmut-Schmidt-Haus“ benannt wurde. Die Stiftung verwaltet das Privathaus Schmidts mit dem Archiv und tritt mit Büchern und Ausstellungen an die Öffentlichkeit.

Aktuelle Ausstellung: „100 Jahre in 100 Bildern“ bis 24. Juli in der Ebert-Gedenkstätte Heidelberg. Infos www.ebert-gedenkstaette.de.

Literatur: Standardwerk „Helmut Schmidt. Vernunft und Leidenschaft“ des Heidelberger Historikers und früheren SPD-MdB Hartmut Soell, zwei Bände zu je 950 Seiten. -tin

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