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Erzähl mir was

"Zeitloses Erbe" von Vanessa Palumbo

Von 
Vanessa Palumbo
Lesedauer: 

Mannheim. Beim langen Wochenende im Haus des Mannheimer Verlegers Ulrich Wellhöfer treffen die Erstplatzierten des Schreibwettbewerbs "Erzähl mir was" aufeinander - und erfinden Geschichten über "Das Haus", in dem sie drei Tage wohnen. 

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"Zeitloses Erbe" (von Vanessa Palumbo)

Kurz nach 12 Uhr

Hell leuchtend steht die Sonne im Zenit über der goldgelben Landschaft. Kraftvoll ziehen zwei Pferde einen Pflug Schritt für Schritt über das weite Feld. Auf ihren Flanken glänzt Schweiß, und ihr heißer Atem lässt alle vier Hufschläge lang kleine Wolken aus ihren Nüstern in der klaren Luft aufsteigen. Hinter dem Gespann – drei Männer. Gekleidet in groben Arbeitshemden, fleckigen, alten Hosen und Filzhüten, bei denen man instinktiv die kleinen, grauen Fussel auf der Krempe abzupfen möchte. Mit gekonnten Bewegungen jahrelanger Übung schlagen zwei der Männer das hohe Gras mit ihrer Sense nieder, das anmutig zu Boden fällt. Der Dritte im Bunde führt den Pflug, der langsam und gemächlich die Ackerkrume lockert und treibt mit lauter Stimme die Pferde voran.

„Kiiiiiiimm….!“

Eine Gänsehaut breitet sich auf den Oberarmen des Mannes aus, der in einem urigen Speisesaal vor einer großen Standuhr auf seinen Füßen langsam hin und her wippt. Er schließt seine Augen. Fast ist ihm, als könne er die Stimme seiner Mutter wieder hören, wie sie ihr altes Pferd rief. Alois, der gute alte Alois. Obwohl es Holzpflüge heute eigentlich nur noch im Museum gibt, hatte das große, starke Tier das schwerfällige Gerät auch noch nach der Anschaffung einer modernen Maschine gezogen. Seiner Mutter zuliebe. Weil sie es nur so gekannt hatte und es ihr schwergefallen war, alte Gewohnheiten abzulegen.

Das Pferd jedoch gibt es nicht mehr. Ebenso wenig wie seine Mutter. 

Langsam öffnet der Mann die Augen und betrachtet wieder die große Standuhr vor sich. Er kann sich noch genau daran erinnern, wie er sie als kleiner Junge stundenlang angeschaut hatte. Die schöne, goldene Metallarbeit mit den Arbeitern auf dem Feld, das sich am Kopfe des Ziffernblattes befindet und die Uhr liebevoll umrandet, hatte schon immer eine unglaublich magische Anziehungskraft auf ihn.

Wie filigran die Pferdeköpfe geschwungen sind. Mit wie viel Liebe jeder kleine Grashalm herausgearbeitet wurde. 

Ein wahres Meisterwerk, das er nun erben soll. Traurig schweift sein Blick auf das schwarz eingerahmte Porträt seiner Mutter, das sein Vater vor kurzem neben der Standuhr aufgehängt hatte. Es verschwimmt vor seinen Augen. 

„Mama, wie spät ist es eigentlich?“, fragte er als kleiner Junge oft seine Mutter und versuchte zu verstehen, was die drei hüpfenden, langen Spitzen auf der Uhr bedeuten sollten, die von dem vergoldeten Metall umrahmt waren. Zwei davon trugen eine kleine, goldene Sonne im Kreis umher, die andere einen Mond. Die eine Spitze, die ganz lange mit dem kleinen, goldenen Mond am Ende, die flitzte so richtig schnell über die vielen Striche auf der Uhr. Manchmal, wenn er wieder vor der Uhr saß und die goldenen Pferdchen bewunderte, hielt der kleine Junge die Luft an, schloss die Augen und schaute, wie weit der Mond gekommen war, wenn er nicht mehr länger konnte. Manchmal schaffte er dann sogar eine ganze Runde lang die Luft anzuhalten! Bei der anderen Spitze war das schon etwas schwieriger. Die wollte irgendwie nicht so schnell sein wie die andere, und der kleine Junge konnte sogar bis in sein Zimmer auf dem Dachboden rennen und wieder zurück, und die Sonne befand sich immer noch an der gleichen Stelle. Und dann war da noch die andere, die ganz kurze Spitze, auch mit einer Sonne am Ende. Die wollte irgendwie gar nichts machen. Zumindest nicht, wenn der kleine Junge davorsaß. Sie zu beobachten machte ihm keinen Spaß. Der Spitze wohl auch nicht. Der Junge merkte immer erst, dass die kleine Sonne weiter gehüpft war, wenn er nach dem Spielen mit seinen Freunden wieder nach Hause kam und seine Mutter schon die heiße Schokolade für ihn auf dem Herd zubereitete. Manchmal schaffte es die kleine Sonne dann sogar, gleich mehrere Striche weiter zu hüpfen. 

„Mama, wie spät ist es eigentlich?“

„Du hast noch viel Zeit, mein Schatz“, antwortete seine Mutter immer gleich auf seine Frage und streichelte ihm dabei liebevoll über den Kopf. Irgendwann war es zu einem Spiel zwischen ihnen geworden. Er fragte, sie antwortete, und er träumte davon, wie toll es wäre, auf einem der schönen, goldenen Pferde über das Feld zu reiten. So wie seine Mutter es oft auf ihrem Pferd tat und ihn manchmal sogar vor sich auf dem Sattel mitnahm. Dann stellte er sich immer vor, er säße auf einem der goldenen Uhr-Pferde und kuschelte sich eng seine Mutter.

Mit der Zeit lernte der kleine Junge, dass der große Zeiger der Sekundenzeiger war, der Minutenzeiger irgendwie nur alle 60 Sekunden Lust hatte einen Strich weiterzulaufen und der Stundenzeiger ein ganz Komischer war, der erst lange überhaupt nichts machte. Wenn er aber dann mal einen Schritt weiterging, wurden die Erwachsenen immer ganz nervös.

Als der Junge älter wurde, fiel ihm auf, wie oft auch seine Mutter hinter seinem Rücken zu der Uhr sah. Aber nicht bewundernd und staunend, so wie er, nein, oft mit erschrockenem Blick und weit aufgerissenen Augen.

Je öfter er das beobachtete, desto mehr verlor das Gold der Uhr an Glänzen. Immer öfter wanderte nun auch sein Blick nach unten auf das Ziffernblatt. Die metallenen Ackergäule kämpften sich mühevoll mit dem Pflug voran. Der Sekundenzeiger schien die Kraft der Pferde übernommen zu haben und trabte gemeinsam mit dem Stundenzeiger von dannen.

Der junge Mann, älter werdend, hielt jetzt auch immer öfter mit dem Blick auf die hölzerne Wanduhr die Luft an. Jedoch nicht mehr, um zu schauen, wie weit der Sekundenzeiger ohne Luftholen kam, sondern um zu rechnen.

Zu rechnen, wie viel Zeit ihm noch blieb. 

Bis zu seinem 12. Geburtstag. Zur großen Pause. Der nächsten Klausur. Der ersten Beziehung. Dem Abitur. Dem ersten Semester. Der nächsten Beziehung. Dem Bachelor. Der Mittagspause. Der Hochzeit. Dem ersten Kind. Der Beförderung. Dem Urlaub. Der Rente. Dem T…

Er rechnete, kalkulierte und plante. 

So wie er es von seiner Mutter gelernt hatte. 

Doch ihre Rechnung war nicht aufgegangen. 

Reitunfall.

Kurz vor 12 Uhr

„Du hast noch Zeit…“, flüstert ihm die Stimme seiner Mutter aus der Ferne ins Ohr.

Der junge, alte Mann schüttelt den Kopf, kehrt der Uhr den Rücken zu und verlässt das Haus.

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